Shopping - The official body

Shopping- The official body

Fat Cat / H'Art
VÖ: 19.01.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Dance apocalyptic

Shopping ist keine politische Band. Oder, wie es Drummer Andrew Milk selbst beschreibt: "We explicitly just wanted to make people dance." Ein bisschen mehr steckt allerdings doch dahinter, geht es schon seit dem 2013er-Debüt "Consumer complaints" immer auch um Kritik an Konsum oder Machtstrukturen und trägt das Londoner Underground-Trio um die queere Rachel Aggs das dem Post-Punk schon immer inhärente Außenseitertum sicherlich nicht nur als ästhetisches Gimmick. Aggs, Milk und Bassistin Billy Easter binden einem Identität und Statements nur nie auf die Nase, schielen tatsächlich in erster Linie auf die stickige Indie-Disco, in der es genauso wenig Bewegungsraum gibt wie in Shoppings ausnehmend tighter Musik. Wenn der nächste Atomschlag gefühlt nur einen undurchdachten Tweet des US-Präsidenten entfernt ist, bleibt einem sowieso kaum mehr anderes übrig, als zu tanzen.

Das eröffnende "The hype" hält sich tempomäßig zwar noch zurück, sein Funk-Punk-Groove, das melodieverliebte Gitarrenspiel und die fragmentarischen, von allen drei Bandmitgliedern vorgetragenen Einwürfe zum Thema Medieneinfluss bringen aber perfekt auf den Punkt, was Shopping ausmacht. Ein bisschen denkt man an die frühen LCD Soundsystem, doch die klarsten Referenzen reichen viel weiter zurück zu Genre-Pionieren wie Gang Of Four, ESG oder Orange Juice – es ist sicher kein Zufall, dass Edwyn Collins, der Kopf der letztgenannten, "The official body" sogar produziert hat. Collins erweitert das Drittwerk der Briten um ein paar Nuancen, die über das klassische Rockband-Lineup hinausgehen, dem messerscharfen Minimalismus aber keineswegs widersprechen. "Wild child" – der größte Hit der Platte – lebt von druckvollen Synths und einer fast schon jazzigen Basslinie, "New values" verarbeitet eher im Dub verortete Samples.

Die neue Synth-Lastigkeit bricht sich in der düsteren, beinahe an New Order erinnernden Schwere von "Discover" am deutlichsten Bahn, der Song offenbart auch eine weitere große Stärke der Band. "You're still lonely / You're still desperate", mahnt Aggs, "I'm fine", entgegnet Milk wiederholt, als müsse er sich selbst davon überzeugen – ein zweifelndes Selbstgespräch, in dem beide eine andere Stimme im Kopf des Protagonisten verkörpern. Auch "Control yourself" und "Shave your head" erzeugen ihre Spannung im Dialog, stechen zudem auch musikalisch heraus: Ersteres entwickelt sich vom mysteriösen Schleicher zum fulminanten Punk-Ausbruch, letzteres setzt seine Gitarre besonders verspielt ein. Überhaupt ist Aggs' Instrument das Einzige, das im eng geschnürten Korsett von "The official body" Luft zum Atmen bekommt. Auch im famosen "Asking for a friend" spielt sie sich einen Wolf, begleitet von ein paar Bongos und akzentuiert vom poppigsten Refrain der Platte.

Man wird lange suchen müssen, um in jüngerer Vergangenheit ein selbstbewussteres und schnörkelloseres Genre-Album zu finden, aber das ist es nicht, was Shopping so großartig macht – es sind vielmehr die subtil gesetzten, persönlichen oder gesellschaftlich bedeutsamen Akzente. "Suddenly gone", ein astreiner Post-Punk-Hit, erhält zusätzliches Gewicht durch Aggs' ehrliche Reflexionen von Selbstakzeptanz, "My dad's a dancer" macht textlich überhaupt keine Gefangenen: "This is such a simple thing / You don't like me / I don't look like you", doch Aggs hat dafür nur einen Lachanfall übrig. Ihr unbeschwerter Optimismus hat bis zum Ende Bestand, im finalen "Overtime" konstatiert sie mantra-artig: "I think I finally found a way out." Als Hörer kann man zu diesem zehnten von zehn Musik gewordenen Bullseye-Treffern natürlich in erster Linie eins: tanzen. Aufgehört hat man damit in der vorherigen halben Stunde sowieso zu keinem Zeitpunkt.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Wild child
  • Asking for a friend
  • Control yourself
  • Overtime

Tracklist

  1. The hype
  2. Wild child
  3. Asking for a friend
  4. Suddenly gone
  5. Shave your head
  6. Discover
  7. Control yourself
  8. My dad's a dancer
  9. New values
  10. Overtime

Gesamtspielzeit: 31:31 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2019-01-03 20:02:40 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Als "Vergessene Perle 2018".

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