Gia Margaret - There's always glimmer

Gia Margaret- There's always glimmer

Orindal
VÖ: 27.07.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Das Licht am Ende des Tunnels

Auf den ersten Blick mag der Albumtitel wie ein schlechter Witz wirken: Einem über weite Teile so melancholischen Werk einen so optimistischen Titel wie "There's always glimmer" zu geben – das scheint nicht zusammenzupassen. Die in Chicago lebende Gia Margaret versteht es allerdings, ihre von steinschwerer Traurigkeit durchzogenen Stücke nicht zu abwärtsstrudelnden Gefühlsräuschen werden zu lassen, sondern sie in Reifungsrituale aufzulösen, in Richtung des sprichwörtlichen Lichts am Ende des Tunnels. Auf ihrem per Crowdfunding finanzierten Debüt zeigt sie sich gleichzeitig vielseitig, ohne wundertütig zu werden und konsistent, ohne eintönig zu klingen. Ihre mit minimalistischer Elektronik unterfütterte Folk-Musik hört sich an wie ein wärmendes Kaminfeuer, während der Regen gegen die Fenster prasselt.

Der melancholische Opener "Groceries" ist dabei erst einmal ein lähmender Klotz am Bein, der den Hörer auf den Grund seiner Traurigkeit zieht. "Though it's not easy to see / There's always glimmer" singt Margaret mit ihrer samtigen Stimme. Ein verwunschenes Gitarrenmotiv und ein schwebender, wabernder Synthie im Hintergrund tun ihr Übriges, um atemberaubende Intensität zu erzeugen. Auf diesen wunderschönen Downer folgt das leichtfüßigere "Birthday", das sich mit der Frage beschäftigt, ob es jemals nicht komisch sein wird, den Geburtstag eines (ehemals) geliebten Menschen zu verpassen. Damit sind die beiden Stimmungen des Albums etabliert, die sich im Folgenden immer wieder abwechseln, häufig sogar im selben Stück.

"Smoke" soll als Beispiel dafür gelten, wie liebevoll Margaret ihre Stücke instrumentiert. Der Song beginnt mit einem kurzen Klaviervorspiel, bis erst der Gesang und nach und nach zauberhafte Xylophon-Motive eingeführt werden. Gegen Ende stoßen ein Elektro-Beat und Bass-Synthie dazu, die den Song aber nicht seiner magischen Urtümlichkeit berauben, sondern um eine sphärische Dichte bereichern. "In normal ways" klingt trotz starker Hall-Effekte auf Gitarre und Gesang nach unheimlicher Intimität. "I’d like to know you somehow / In normal ways / I’d like to see you aging / I’d like to see your face moving" heißt es dort und wenn Margaret das letzte Wort mehr flüstert als singt, hat das großes Gänsehautpotenzial.

Im gedoppelten Gesang von "Looking" meint man fast der zarten, aber bestimmten Stimme von Laura Marling zu lauschen. Das Stück klingt am ehesten nach konventionellem Folk und bildet gemeinsam mit "For Flora", einer zuckersüßen Piano-Melodie, die mit Anrufbeantworter-Aufzeichnungen von Margarets Mutter unterlegt ist, einen erbaulichen, schwebenden Part in der Mitte des Albums. Obwohl "Wayne" nur aus zwei kurzen Strophen besteht, schafft es die Amerikanerin eine eindringliche Stimmung zu erzeugen: "'Cause I can't spit this stuff out like it's nothing / I'm held in, paralyzed by the ties / Into an elegy, rising", haucht sie. Jedes Wort scheint ganz bewusst gewählt zu sein und die kleinen Klavierschnörkel und Choreinwürfe im Hintergrund hallen noch lange nach. Die Sehnsucht ist eines der Hauptmotive von "There's always glimmer" und erstreckt sich in alle möglichen Richtungen. Nach der Vergangenheit, nach Menschen, nach verlorenen Ritualen. Beeindruckend, wie Margaret es schafft, eine direktionslose Sehnsucht auch im Hörer zu beschwören.

(Simon Conrads)

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Highlights

  • Groceries
  • Smoke
  • Wayne

Tracklist

  1. Groceries
  2. Birthday
  3. Figures
  4. Smoke
  5. Goodnight
  6. In normal ways
  7. Looking
  8. For Flora
  9. Sugar
  10. Exist
  11. Wayne
  12. West

Gesamtspielzeit: 34:38 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Ed
2019-01-06 10:05:23 Uhr
Wirklich ein tolles Album...schön, dass sie wenigstens bei euch die verdiente Aufmerksamkeit erhält
mesi
2019-01-04 10:08:32 Uhr
Meine Platte des Jahres, tolles Ding.

Armin

Postings: 13831

Registriert seit 08.01.2012

2019-01-03 20:01:21 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Als "Vergessene Perle 2018".

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