Illuminati Hotties - Kiss yr frenemies

Illuminati Hotties- Kiss yr frenemies

Tiny Engines / H'Art
VÖ: 06.07.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Dunkelheit wird manchmal zu Licht

Irgendwann im Dezember 2018 auf der A7, irgendwie in der Mitte Deutschlands, driving home for Christmas. Auf dem Beifahrersitz der geschätzte Kollege Felix Heinecker, im Kofferraum das Gepäck für die verdienten Weihnachtsferien, aus den Lautsprechern schreit Scary Spice Mel B uns entgegen, was sie will, was sie wirklich, wirklich will. Endlich in der Heimat angekommen, steigt der Kollege aus und die restlichen paar Kilometer wirken urplötzlich wie eine weitere Langstrecke. Was nun? Alt, neu, poppig, rockig, melancholisch oder aufmunternd – am besten von allem ein bisschen. Wie gut, dass es Sarah Tudzin alias Illuminati Hotties gibt.

Zugegeben, alt ist die Gute nun wirklich nicht, und doch strotzt ihr Debütalbum "Kiss yr frenemies" nur so vor Neunzigerjahre-Nostalgie. Als Tenderpunk bezeichnet die Kalifornierin ihre Musik selbst, verstehen darf man darunter eine Mischung aus Surf-Rock und Powerpop mit gehörigen Alternative-Anleihen. Irgendwoher kennt man das Bild freilich bereits: Die untergehende Sonne am Strand, das Gefühl von Fernweh und gleichzeitigem Heimweh, die Schwere in der Leichtigkeit. Best Coast singen seit Jahren ein Lied davon, ebenso Alvvays, La Luz oder Frankie Rose eh, gefühlt noch 20 andere. Und doch ist "Kiss yr frenemies" in seiner Zusammenstellung besonders und Tudzin weit mehr als eine bloße Kopie von bereits bekannten Gesichtern.

Zum einen liegt das am waschechten DIY-Charme: Nicht nur, dass das Album über das kleine, aber äußerst feine Indie-Label Tiny Engines erscheint, auch Tudzin selbst ist quasi self-made. Sie hat ursprünglich selbst als Produzentin gearbeitet und absolvierte ihren ersten eigenen Auftritt erst, als ihr Debüt bereits zur Hälfte fertig war. Stimmung und Qualität tut das keinen Abbruch – der nicht mal ganz einminütige Opener "Kiss yr frenemies" legt einen ersten, zarten Grundstein für jenes Haus, dessen Tür das grandios eingängige "(You're better) than ever" mitsamt Harmoniegesang und ordentlich Strom unterm Hintern alsbald eintritt. Der Kontrast zwischen Laut und Leise wird sich wie ein wiederkehrendes Thema in den kommenden neun Nummern einnisten. Aus Melancholie wird Motivation, aus Trübsal Tollerei. Aus Dunkelheit wird ab und zu sogar so etwas wie Licht.

So manches Mal ist ein Song sogar beides: Das hinreißend betitelte "For Cheez (my friend, not the food)" startet mit sanften Gitarren und einer verletzlich klingenden Tudzin, baut diese sensible Stimmung über fast drei Minuten auf, nur um sie anschließend in einem selbstzerstörischen, tumultartigen Donnerwetter zu begraben. Ähnlich verwandelt sich das traumgleiche "Cuff" mit einem brutalen Schlag kurzzeitig in eine regelrechte Horrorszene, der man auch nach ihrer Rückkehr zum Traum nicht mehr über den Weg traut. Die Intensität, mit der Tudzin ans Werk geht, ist tatsächlich spürbar, etwa, wenn sie in der Akustik-Ballade "Boi" einen Schritt vom Mikrofon weggeht, um sich eine Zeile lang die Seele aus dem Leib zu brüllen und sich dann doch sofort wieder zu sammeln scheint. Es ist ein ewiges Spiel: Auch "Pressed 2 death" reitet im Meer erst jede noch so bedrohliche Welle und buddelt sich dann zwischendurch doch immer wieder selbst im Sand ein. Vielleicht wirkt "Kiss yr frenemies" genau deswegen auch so nahbar. Mal laut, mal leise, mal hell, mal dunkel, mal glücklich, mal traurig – so ist das Leben. Von allem etwas? Die Mischung macht's.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • (You're better) than ever
  • For Cheez (my friend, not the food)
  • Boi

Tracklist

  1. Kiss yr frenemies
  2. (You're better) than ever
  3. Shape of my hands
  4. Cuff
  5. For Cheez (my friend, not the food)
  6. Paying off the happiness
  7. Patience
  8. The rules
  9. Boi
  10. Pressed 2 death
  11. Declutter

Gesamtspielzeit: 33:14 min.

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Armin

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2019-01-03 20:00:54 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Als "Vergessene Perle 2018".

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