The Holy - Daughter

The Holy- Daughter

Playground / Cargo
VÖ: 21.09.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Scharfzahn und Littlefoot

Ein anrührendes Bild: Der 5-jährige Eetu Henrik Iivari schaut den Zeichentrickfilm "In einem Land vor unserer Zeit" im Fernsehen und ist den Tränen nahe. Soeben ist die Mutter des kleinen Brontosauriers Littlefoot dem bösartigen T.Rex Scharfzahn zum Opfer gefallen, und dem finnischen Dreikäsehoch wird erstmals klar, dass der Tod auch auf Eltern keine Rücksicht nimmt. Seit dieser Erkenntnis im Jahr 1991 ist Iivari inzwischen auch künstlerisch mit einigen Wassern mehr gewaschen, betreut als Produzent und Toningenieur Lower Dens oder Mikko Joensuu, ist ein guter Kumpel von Wolf Parades Spencer Krug und unterhält seine eigene Band The Holy. Der 2016er EP "More Escher and random notes" folgt nun das Longplay-Debüt – beide randvoll mit energiegeladen-bombastischem Indie-Rock. Und der Junge von einst? Ist irgendwie immer noch da.

Auf "Daughter" vor allem im hektisch loslegenden Opener, den man sich in etwa mit der Rasanz von TV On The Radios "Wolf like me" vorstellen muss, wenn sie auf in den Vordergrund gemischte, zwirbelige Leads trifft – und der sicher nicht ganz zufällig "Land before time" heißt. Jedoch verhandelt das Stück nur vordergründig niedliche Dinos, sondern stattdessen ein quasi post-atomares, von Massenarbeitslosigkeit und den Folgen der Tschernobyl-Katastrophe gezeichnetes Finnland, wo der Frontmann in einem Klima von Perspektivlosigkeit und sozialem Niedergang aufwuchs. "There must be something more", fleht er entsprechend, und in der Tat hat sich das Land inzwischen längst wieder erholt. Auch wenn man die Spitze der Charts betrachtet. Wir wollten eine Zukunft, wir bekamen Sunrise Avenue. Aber zum Glück auch The Holy.

Die pauken nämlich mit Vehemenz, ausladender Geste und gleich zwei Schlagzeugern gegen das Vergessen einer dunkelgrauen Kindheit an – und außerdem mit vorzüglichen, oft monolithischen Songs, die ihre Wucht aus der Rohheit des Post-Punk, krautigem Gitarrenfeuer und barmendem Bariton beziehen. "Triumph of love" fährt das ganz große Synthie-Besteck auf und verschiebt die Grenzen des Erlaubten in Sachen pompöser Stadionrock so weit wie möglich nach hinten, während Iivari verloren "I wanna be something for someone" croont. Über 20 Jahre nach "Ich möchte irgendetwas für Dich sein" von Tocotronic und in gravitätisch verhallendem Bariton, der auch den scharfzahnigen Riffs und unbarmherzigen Motorik-Beats des massiven Brechers "Fanfare III" ein abruptes Ende setzt. Und das Wort Dinosaurier-Band hat endlich wieder einen guten Klang.

Was im "Obi Bate opiate" genau drin ist, bleibt zwar genauso im Dunkeln wie die Gesamtstimmung, die The Holy erzeugen – was aber nichts schadet bei knapp sechseinhalb sich beständig verpuppenden Minuten, in denen vor allem der Basslauf für Druck sorgt. Leads stürzen ins Bodenlose, elektronische Kaskaden prallen auf umarmende Hymnik, nach den Breaks rappelt sich das Stück immer wieder zu Riesengröße auf. Und obwohl sich die latent apokalyptische Schlagseite nach der Hälfte ein wenig legt, liefern auch die knatternden Tempowechsel von "Tom cat" oder die selbstvergessene Moritat "20xx tomorrow" genug düstere Gründe, um dieses imposante Album als die Platte zu betrachten, die Editors 2018 nicht ganz hingekriegt haben. Kein "Violence"-verachtendes Anliegen, wohlgemerkt – vielmehr eine tiefe Verbeugung vor "Daughter".

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Land before time
  • Obi Bate opiate
  • Fanfare III

Tracklist

  1. Land before time
  2. Triumph of love
  3. Obi Bate opiate
  4. Fanfare III
  5. Tom cat
  6. There is a house
  7. 20xx tomorrow
  8. Letter

Gesamtspielzeit: 43:17 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2019-01-03 20:00:42 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Als "Vergessene Perle 2018".

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