Dream Wife - Dream Wife

Dream Wife- Dream Wife

Lucky Number / Rough Trade
VÖ: 26.01.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Wannabe

50% Sleater-Kinney, 50% Spice Girls. Um die eine Hälfte dieser Selbstbezeichnung von Dream Wife nachzuvollziehen – Ihr könnt Euch bestimmt schon denken, welche –, braucht es eine Menge Fantasie. Höchstens in der Bandhistorie lassen sich ein paar grobe Parallelen ausmachen: Dream Wife fanden sich, ähnlich der über ein Zeitungsinserat gegründeten Girlgroup, nämlich nicht auf natürlichem Weg zusammen, sondern waren zunächst nur ein Kunstprojekt von drei Studentinnen in Brighton. Doch die Chemie zwischen Alice Go, Bella Podpadec und der Isländerin Rakel Mjöll stimmte, und so organisierten sie kurzerhand und mit gerade einmal vier eigenen Songs im Gepäck Touren durch das Vereinigte Königreich. Diese rotzige "Scheiß auf alles"-Attitüde schlägt sich auch zu 100% im selbstbetitelten Debütalbum nieder. "Dream Wife" ist bis zu den Zehenspitzen vom Geist des Riot-Grrrl-Punk beseelt und streckt allen "Trendthema Feminismus"-Schreiern allein durch seine rohe Power den Mittelfinger entgegen. Solche Kalkül-Vorwürfe sehen hier sowieso kein Land, da das Trio sämtliche populären wie alternativen Entwicklungen der letzten 15 Jahre völlig ignoriert und seine Pop-Hooks ausschließlich in 90er-Grunge und Früh-00er-Indie aufbereitet.

"We're spending time / And we're wasting our youth." Der Opener "Let's make out" stellt keinen tieferen Anspruch als das Selbstverständnis einer puren Hedonismus-Hymne und richtet damit den inhaltlichen Fokus zu Beginn rein auf die juvenile Freude am Exzess. Er bildet sein unmissverständlich sexuelles Verlangen auch perfekt musikalisch ab mit seinem drängelnden Tempo und Mjölls Schrei-Ausbrüchen, die dem körperlichen Begehren irgendwann nicht mehr standhalten können. "Hey heartbreaker" heißt sein Schwester-Song, gerät genauso deutlich, aber mit Handclaps, Fuzz-Gitarren und einem infektiösen Chorus sogar noch eindrücklicher. Nicht nur hier erinnern Mjölls energetische Vocals stark an Karen O, ohnehin ist "Dream Wife" mehr in New York als in der englischen Hauptstadt verankert. So bauen gerade "Fire" und das von "Woo-hoo"s durchsetzte "Kids" auf astreinen Strokes-Riffs und wären in den Indie-Discos des frühen Millenniums sicherlich genauso abgefeiert worden wie die Proto-Hipster um Julian Casablancas. Gitarristin Go kann's allerdings auch subtiler und lässt ihr Instrument in "Love without reason" eher etwas abtropfen, was das perfekte Gerüst für den zuckrig-naiven Refrain bildet: "Let's be kids and fall in love."

Zwar lässt sich eine gewisse Formelhaftigkeit nicht abstreiten – fast alle Songs bauen auf zurückhaltende Verse und explosive Hooks –, doch sämtliche Tracks funktionieren, und die rastlose Energie der drei Frauen strömt zu jedem Zeitpunkt ins eigene Fleisch. Da ist es auch überhaupt nicht schlimm, dass "Taste" und "Act my age" um eher banale Teenie-Themen zirkulieren, wenn die gesangliche Ausdrucksstärke und die vitalen Gitarrenfiguren so viel Spaß machen. Seinen textlichen Höhepunkt erreicht das Album sowieso schon viel früher, im bassgetriebenen Highlight "Somebody": "You were a cute girl standing backstage / It was bound to happen", heißt es zunächst, bis Mjöll eine Perspektivverschiebung vornimmt und Selbstzweifel bei der Autonomie des eigenen, weiblichen Körpers aufgreift: "I am not my body / I am somebody." Unverkrampft und dennoch bedeutungsschwer setzt das Trio wie im Vorbeigehen sein deutlichstes Statement ab. Wer immer noch letzte Zweifel hegt, kann sich vom finalen "F.U.U." das Stirnrunzeln auch sonst einfach aus dem Gesicht boxen lassen. Es ist eine einzige Dampfwalze von Song, vollbeladen mit Gewaltfantasien, Post-Punk-Donnern, einem Gast-Part der isländischen Rapperin Fever Dream und mehrstimmigen Screamo-Anfällen: "I'm gonna fuck you up / Gonna cut you up." 50% Spice Girls? Ist das Euer Ernst, Dream Wife?

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Somebody
  • Hey heartbreaker
  • Kids
  • F.U.U. (feat. Fever Dream)

Tracklist

  1. Let's make out
  2. Somebody
  3. Fire
  4. Hey heartbreaker
  5. Love without reason
  6. Kids
  7. Taste
  8. Act my age
  9. Right now
  10. Spend the night
  11. F.U.U. (feat. Fever Dream)

Gesamtspielzeit: 34:48 min.

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User Beitrag

Armin

Postings: 13820

Registriert seit 08.01.2012

2019-01-05 22:07:57 Uhr
Live unglaublich gut, die Band.
Kein Witz
2019-01-05 05:53:44 Uhr
Ich wusste sofort nachdem ich den Band bzw. Albumnamen sah, dass diese Rezension von Marvin stammt.

Armin

Postings: 13820

Registriert seit 08.01.2012

2019-01-03 20:00:28 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Als "Vergessene Perle 2018".

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