Thought Gang - Thought Gang

Thought Gang- Thought Gang

Sacred Bones / Cargo
VÖ: 02.11.2018

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

The men from another place

Heute mal zum Thema "künstlerische Partnerschaften, die weitaus länger andauern, als ursprünglich angedacht": Eigentlich sollte Angelo Badalamenti nur Isabella Rossellinis Stimmperformance in David Lynchs "Blue velvet" betreuen, doch was danach geschah, ist Film- und Musikgeschichte. Lynchs und Badalamentis Namen sind mittlerweile genauso stark miteinander verwoben wie die von Sergio Leone und Ennio Morricone. In nicht weniger als fünf weiteren Filmen arbeiteten der Regisseur und der New Yorker Komponist zusammen, ganz zu schweigen von ihrer wohl populärsten Kooperation für "Twin Peaks". Dazwischen – genauer gesagt 1991, kurz vor Drehbeginn des "Twin Peaks"-Prequels "Fire walk with me" – fanden sie noch für ein weiteres, rein musikalisches Projekt zusammen, das erst 17 Jahre später vollumfänglich das Licht der Welt erblickte. Für "Thought Gang" erdachte Lynch sich ein paar, natürlich völlig abseitige, Szenarien, Badalamenti liefert, unterstützt von renommierten Kollaborateuren wie Herbie Hancocks Bassisten Buster Williams, den imaginären Soundtrack in Form eines wilden, abdrehenden Free-Jazz-Albums. Mit der Dream-Pop-Schwebe der Julee-Cruise-Features oder des originalen "Twin Peaks"-Intros hat das so überhaupt nichts mehr zu tun.

Dabei hätte das eröffnende "Stalin revisited" noch wunderbar als Film-Score getaugt, arbeitet es sich von undefinierbarem Krach zu unheilvoll gestrichenen Bass-Tönen hin. "Logic and common sense" löst sich dann allerdings von jeglicher Kontrolle oder Struktur, ein komplett chaotisches Hochgeschwindigkeits-Impro-Stück, in dem Saxophon und Lynch gleichermaßen abdrehen: "I said, the hot ash of cigarettes like the men wearing suits racing lawn mowers – it's America!" Es ist die perfekte akustische Entsprechung der Traumlogik seiner Filme, allerdings auf Speed. "One dog bark" wiegt als leicht trip-hoppiger Jazz-Standard mit Fingerschnipsen, stoischen Drums und Gitarren-Geschrammel noch in falsche Sicherheit, doch dann tritt Badalamenti in "Woodcutters from fiery ships" selbst ans Mikro. Bis fast zur Unkenntlichkeit verzerrt hält er einen Vortrag über fliegende Ameisen, diabolische Holzfäller, Blutregen und einen voyeuristischen Typen namens Pete. Soll die Veröffentlichung von "Thought Gang" vielleicht einfach nur die ersten Storylines der vierten Staffel "Twin Peaks" anteasern? Die kurz darauf folgenden Horror-Clown-Vocals von "Jack paints it red" tun ihr Übriges.

Man braucht sich dementsprechend nichts vormachen, stellenweise wird diese Platte zur absolut anstrengenden Hörerfahrung. Badalamentis ständig wiederholtes "The black dog runs at night" geht trotz grandiosen Bassspiels ebenso schnell auf die Nerven wie die abgefahrene Trent-Reznor-Performance auf Bläsersuppe in "A meaningless coversation", dazu ist der zehnminütige Abschluss "Summer night noise" tatsächlich nichts anderes als, nun ja, Noise. Allerdings entwickelt das Album eine mit Lynchs surrealistischer Filmkunst vergleichbare Faszination und macht dabei auch keinen Hehl aus der Unbekümmertheit seiner Protagonisten – unter anderem, weil der 17-Minüter "Frank 2000" nach zwei Dritteln Industrial-Synthie-Horror plötzlich einen entrückten Groove auspackt, zu dem auch der kleinwüchsige Man From Another Place aus "Twin Peaks" das Tanzbein geschwungen hätte."A real indication" gerät mit dezentem Piano und gequälten Streichern nicht nur zum unumstößlichen Highlight, es liefert auch den Ausgangspunkt für eine absurde Anekdote: Als Lynch hier zum ersten Mal die stimmliche Freakshow seines Kompagnons irgendwo zwischen Beatnik und Nick Cave hörte, bekam er einen so heftigen Lachanfall, dass dieser sogar zu einer Hernie, einem Organdurchbruch, führte. Eine lockere Proberaum-Session mit Angelo Badalamenti und David Lynch – wie das klingt, lässt sich dank "Thought Gang" mehr als nur erahnen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • A real indication

Tracklist

  1. Stalin revisited
  2. Logic and common sense
  3. One dog bark
  4. Woodcutters from fiery ships
  5. A real indication
  6. Jack paints it red
  7. A meaningless conversation
  8. Frank 2000 (Prelude)
  9. Multi-tempo wind boogie
  10. The black dog runs at night
  11. Frank 2000
  12. Summer night noise

Gesamtspielzeit: 59:15 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2018-12-20 20:48:00 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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