St. Vincent - MassEducation

St. Vincent- MassEducation

Caroline / Universal
VÖ: 12.10.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Verführung ist die wahre Gewalt

Es ist keinesfalls so, als würde Annie Clark alias St. Vincent nicht auch mal zuhören. Gut, die 36-Jährige ist im Musikgeschäft mittlerweile etabliert und braucht sich ohnehin nach niemandem mehr richten – nicht, dass sie das jemals wirklich getan hätte –, aber ab und an etwas Fanpflege wird auch ihr nicht schaden. Oder? Nun ja. Viel wahrscheinlicher ist, dass Clark die Sache abermals mit purer Ironie angeht: Da beschwerten sich nicht nur im Plattentests.de-Forum diverse User über die vermeintliche Kompliziertheit des Titels von "Masseduction" – ein geradezu verführerisches Wortspiel –, also nennt Clark die Überarbeitung jenes Werkes eben genau so, wie es anfänglich ohnehin von allen verstanden wurde. Mit Erziehung hat das alles freilich nichts zu tun, und auch mit dem Ursprungsalbum nur noch bedingt.

"MassEducation" entstand parallel zu den Aufnahmen zum Hauptwerk in Zusammenarbeit mit dem Pianisten Thomas Bartlett, besser bekannt als Doveman und durch seine Kollaborationen mit Sufjan Stevens, Nico Muhly oder auch Antony & The Johnsons. Zwölf Songs wurden ihrer eigentlichen Instrumentierung beraubt und in ein Klaviergewand gesteckt, einzig "Dancing with a ghost" wurde ganz von der Tracklist gestrichen. Herausgekommen ist ein Album, das ganz ehrlich niemand braucht. Punkt. Es trägt nichts zum bisherigen Schaffen oder der Weiterentwicklung Annie Clarks oder der Bühnenfigur St. Vincent bei. Und doch ist "MassEducation" mehr als nur eine bloße Spielerei. Es zeigt, dass Clark auch ohne Effekte und ohne Experimente eine ernstzunehmende Musikerin ist, eine fantastische Sängerin und, noch mehr als das ohnehin schon ungewöhnlich persönliche "Masseduction", ein echter Mensch mit echten Empfindungen. Die überarbeiteten Stücke strotzen in ihrer Intimität vor allem vor Intensität, sie laden den Hörer zum Träumen ein, nehmen ihn gefangen und lassen ihn nicht mehr los. Das ist natürlich eine ganz andere Verführungstechnik als 2017, aber ebenso wirkungsvoll.

War "New York" auf dem Vorgänger gerade aufgrund seiner minimalistischen Struktur der große Außenseiter und gleichzeitig dank dieser Rolle das beeindruckendste Highlight, ist es hier einer von zwölf ähnlich aufgebauten Titeln. Und doch sticht es auch auf "MassEducation" hervor, sei es wegen der berüchtigten Zeile "You're the only motherfucker in the city who can handle me" oder dank Clarks geradezu einlullendem Gesang. Dennoch steht es hier nicht mehr alleine auf weiter Klaviatur: Das einst vollkommen irre "Pills" ist auch nur von weißen und schwarzen Tasten begleitet ein durchgedrehter Tausendsassa, "Los ageless" dafür mit weniger Pomp bewaffnet, aber umso dramatischer, "Slow disco" auch ohne seine Streicher im Hintergrund ein echter Bühnenstar. Spielt Clark sonst immer mit gleich mehreren Überraschungsmomenten, überrascht gerade der Ernst, mit dem sie hier an die Sache herangeht, mit am meisten. Wartet man während der ersten Stücke noch darauf, dass jetzt doch ein donnerndes Riff um die Ecke kommt und die gemütliche Atmosphäre in ein horrorartiges Albtraum-Szenario verwandelt – im besten Sinne, versteht sich –, merkt man dann doch Stück für Stück, dass Clark die Pianonummer bis zum Ende durchzieht.

Und auch wenn die Notwendigkeit von "MassEducation" abseits von diesen kleinen Aha-Augenblicken weiterhin quasi nicht gegeben ist, beleuchtet es zumindest eine bis dato kaum bekannte Facette der Sängerin etwas näher. Das schon im Original absolut herzzerreißende "Happy birthday, Johnny" bekommt zwar kaum eine neue Note verpasst, geht aber nach wie vor ordentlich unter die Haut. Es sind jedoch gerade die Songs, die durch die rigorose Veränderung quasi wie neue Stücke klingen, die die meiste Aufmerksamkeit auf sich ziehen. So etwa "Savior", das auch ohne seinen Funk trotzdem nichts verliert, sondern an Ausstrahlung, an Melancholie, an Ausdruck gewinnt. Wenn sich Clark gegen Ende an der Tonleiter nach ganz oben fleht und die letzten Worte des Stück fast nur zu sich selbst spricht, steht der Mund beim Hörer völlig unbemerkt für eine Weile ganz schön offen. Irgendwie auch etwas, das neben Clark wohl nur wenige schaffen: Ein unnötiges Album veröffentlichen und damit doch noch beeindrucken. Hut ab, Annie.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Savior
  • Los ageless
  • New York
  • Pills

Tracklist

  1. Slow disco
  2. Savior
  3. Masseduction
  4. Sugarboy
  5. Fear the future
  6. Smoking section
  7. Los ageless
  8. New York
  9. Young lover
  10. Happy birthday, Johnny
  11. Pills
  12. Hang on me

Gesamtspielzeit: 45:03 min.

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User Beitrag

Affengitarre

Postings: 3996

Registriert seit 23.07.2014

2018-12-22 20:14:19 Uhr
Ich nehme alles zurück, sind zwei verschiedene Sachen sehe ich gerade.

Affengitarre

Postings: 3996

Registriert seit 23.07.2014

2018-12-22 20:09:12 Uhr
Gibt ja bereits einen Thread für, nämlich hier:

https://www.plattentests.de/forum.php?topic=89690&seite=3#neuester

Wäre gut, wenn man die beiden Posts nach dort verschieben könnte.

Armin

Postings: 13825

Registriert seit 08.01.2012

2018-12-20 20:47:52 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Armin

Postings: 13825

Registriert seit 08.01.2012

2018-10-10 12:18:40 Uhr - Newsbeitrag
ST. VINCENT – MASSEDUCATION

VÖ: 12. OKTOBER 2018

Loma Vista / Caroline International

Nach der Veröffentlichung von “Slow Slow Disco” und der Akustikversion des Songs “Savior”, kündigt Grammy-Gewinnerin St. Vincent ihr neues Album “MassEducation” an – für den 12. Oktober 2018.

Auf der neuen Platte vertont Annie Clark ihre letztjährige LP “MASSEDUCTION“ komplett akustisch. Damit schafft sie ein großartiges und eigenständiges Werk, welches die 12 Tracks von “MASSEDUCTION“ um eine Dimension erweitert und das Songwriting ins Spotlight rückt. Ihr Gesang wird dabei einzig und allein von Thomas Bartlett am Klavier begleitet, wodurch die Songs von "Los Ageless" bis "Fear The Future" und ihre Themen eine lebendige und oft auch verletzliche neue Nuance erhalten.

Clark selbst beschreibt das Album als “two dear friends playing songs together with the kind of secret understanding one can only get through endless nights in New York City.”

Die Arrangements von “MassEducation“ (im Übrigen eine augenzwinkernde Anspielung auf das häufige Fehlschreiben des Albumtitels “MASSEDUCTION“) wurden schon während des Mixing-Prozesses für eben jenes letzte Album im August 2017 in zwei Nächten im Studio live aufgenommen und erst vor kurzem in der Londoner Cadogan Hall live prämiert.
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