Emigrate - A million degrees

Emigrate- A million degrees

Vertigo / Universal
VÖ: 30.11.2018

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Ohne Knalleffekt

Es ist offensichtlich immer noch wohlfeil in manchem Kreis, eine Band wie Rammstein zu verspotten. Und klar, Image und Aussprrrache mögen nun wahrlich nicht jedermanns Sache sein. Aber halten wir einmal fest: Neben den Scorpions sind Rammstein der wohl erfolgreichste und relevanteste Exportartikel, den die deutsche Musikszene je hervorgebracht hat, zumal in deutscher Sprache. Einer der Gründe neben dem Image und dem sprichwörtlichen Pyro-Inferno auf der Bühne ist die perfekt aufeinander eingespielte Riffmaschinerie, gegen die ein Schweizer Uhrwerk ein fröhlich hüpfender Haufen ist. Verantwortlich dafür sind die Gitarristen Paul Landers und Richard Kruspe, und vor allem Kruspe hatte in der Vergangenheit das ein oder andere Mal betont, dass er sein Tätigkeitsfeld durchaus breiter gefächert sieht als in der Hauptband. Zeugnis dafür ist sein Projekt Emigrate, welches in der Vergangenheit mit durchaus passablen Alterna-Metal-Platten auf sich aufmerksam machen konnte.

Nun wäre das dritte Album "A million degrees" um ein Haar gar nicht erst erschienen, fielen die Festplatten mit den Aufnahmen aus dem Jahr 2015 doch einem veritablen Wasserschaden zum Opfer. "A million litres" sozusagen. Wie diese Aufnahmen geklungen haben mögen, wissen wohl nur noch die Beteiligten selbst, doch es wird schnell klar, dass der zweite Versuch definitiv kein Fehlschuss ist. Zumindest entfaltet der Opener "War" ziemlich bald eine gewisse Faszination aus zäh stampfenden Riffs und brachialen Keyboard-Wänden im Refrain, bis beim folgenden Ohrwurm "1234" (nicht zu verwechseln mit "Links 2-3-4") Billy-Talent-Frontschreihals Benjamin Kowalewicz das tut, was er am besten kann: formvollendet eskalieren.

Je nach Auslegung zeigt Kruspe also erneut wahlweise ein geschicktes Händchen bei der Auswahl der zahlreichen Gäste oder besitzt die Gabe, sein Songwriting deren Fähigkeiten anzupassen. Gut, bei "Let's go" braucht es dazu nicht viel, übernimmt doch hier mit Till Lindemann der bestens bekannte Kollege das Mikrofon bei diesem pathetisch groovenden Rocker. Doch "I'm not afraid" wirkt gerade eben durch die Vocals von Cardinal Copia wie ein Ghost-Song im Industrial-Gewand, und dass Kruspe für seine Lebensgefährtin Margaux Bossieux mit "Lead you on" einen bezaubernden Düsterrocker geschrieben hat, ist so naheliegend wie überzeugend.

Nun wäre es jetzt nicht fair, die Songs ohne externe Beteiligung im Mittelteil der Platte als Ausfall zu bezeichnen. Dennoch ist "You are so beautiful" stilistisch unpassend, lässt die starken Riffs vermissen und ist schlicht zu viel Pop im Vergleich zum Rest des Albums. Da ist es eher verzeihlich, dass "Hide and seek" zwar ein guter Rocker ist, aber sonst eher überraschungsarm dahinplätschert. Womit wir bei dem Stichwort wären, das "A million degrees" wohl am passendsten beschreiben mag: solide. Von erwähnten Ausreíßern abgesehen, bietet Kruspe hier wenig Innovationen, aber dafür ordentliches Handwerk. Das Genre wird dadurch zwar nicht neu erfunden, aber letztlich macht "A million degrees" über weite Strecken Spaß, ohne zu Begeisterungsstürmen hinzureißen. Und Richard Zven Kruspe stellt nicht zum ersten Mal unter Beweis, dass er auch ohne Pyrotechnik und martialisches Beiwerk durchaus ansprechende Musik produzieren kann.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • War
  • 1234 (feat. Benjamin Kowalewicz)
  • I'm not afraid (feat. Cardinal Copia)

Tracklist

  1. War
  2. 1234 (feat. Benjamin Kowalewicz)
  3. A million degrees
  4. Lead you on (feat. Margaux Bossieux)
  5. You are so beautiful
  6. Hide and seek
  7. We are together
  8. Let's go (feat. Till Lindemann)
  9. I'm not afraid (feat. Cardinal Copia)
  10. Spitfire
  11. Eyes fade away

Gesamtspielzeit: 45:20 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Seid ihr lame
2018-12-20 21:10:16 Uhr
"Neben den Scorpions sind Rammstein..."

Kraftwerk!?

Armin

Postings: 14277

Registriert seit 08.01.2012

2018-12-20 20:48:34 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?
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