Ex:Re - Ex:Re

Ex:Re- Ex:Re

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 30.11.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Anleitung zum Alleinsein

Sie fühle sich stark, weil sie Songs schreiben könne, die sie verwundbar erscheinen ließen, sagte Elena Tonra unlängst in einem Interview. Recht hat sie: Die Frontfrau des Londoner Trios Daughter hat sich in all den Jahren seit Veröffentlichung ihrer ersten EPs 2011 langsam, aber stetig einen Namen machen können als Gallionsfigur der Verletzten, der Verlassenen, der Verlorenen. Wer das allen Ernstes für eine Schwäche hält, ist nicht nur im Falle Tonras auf dem Holzweg. Und weil die 28-Jährige sich ihrer besonderen Rolle bewusst ist – und sie eigenen Angaben zufolge ohnehin schon halbwegs Frieden damit geschlossen hat, dass sie ihre eigene Arbeit immer auch mit ihrem Schmerz in Verbindung bringen wird –, schafft sie eben einfach neue Ventile zur Regulierung ihres Seelenschadens.

So verfolgt sie mit ihrem Soloprojekt Ex:Re und dem gleichnamigen Debütalbum zwar eine durchaus ähnliche Strategie wie mit "If you leave" und "Not to disappear", den beiden Daughter-Werken von 2013 und 2016, dennoch scheint sich etwas verändert zu haben. Ex:Re, ausgesprochen wie "X-Ray", das englische Wort für Röntgenaufnahmen, wirkt tatsächlich wie ein solch genauer, expliziter Blick in Tonras Innenleben. Geichzeitig ist es eine formelle Abkürzung für "Regarding ex". "Ex:Re" ist ein Trennungsalbum, wie es auch schon die Daughter-Vorgänger waren, eine Sammlung an Tipps zum Verkraften und Überleben, eine Anleitung zum Alleinsein. Eine Art Tagebuch, in das man nur nachts schreibt, wenn der Kummer einem den Schlaf raubt.

Bei aller Traurigkeit und Schwere, die das Album durchaus umgibt – "Ex:Re" ist wahrlich keine leichte Kost und sollte von jenen, die gerade verlassen wurden, nur mit höchster Vorsicht genossen werden – sind da trotzdem diese kleinen, feinen Zwischentöne, die für Erleichterung sorgen können, wenn man sie denn lässt. Der Weg dorthin soll kein leichter werden. Im Abschlusstrack "My heart" zerstört Tonra mit ihrer gewohnt sanften, zarten Stimme mal eben das gesamte Konzept der Trennung in friedlicher Freundschaft: "When you sheltered yourself and / Cut off the phone / Well, I knew then / You weren't hurt / You'de forgotten / How to love", singt sie da, zieht die letzten drei Wörter in die Länge, malt sie groß an die Wand, in greller Farbe, auf dass sie niemals verblassen sollen. Es ist die Vertonung dieses eigenartigen Verhaltens nach dem großen Knall, wenn man sein liebstes Sigur-Rós-Album auflegt und solange hört, bis der Herzschmerz endlich aufhört oder wahlweise bis man die isländische Sprache auch ohne Unterricht bis zur Perfektion gemeistert hat. Es spendet in seiner Kälte eine gewisse Wärme. Es ist in seiner Einsamkeit trotzdem nahbar.

Tonra vorzuwerfen, dass sie mit diesen chaotischen Gefühlen spiele, wäre nicht richtig. Vielmehr lässt sie ihnen freien Lauf: Im ruhelosen "New York" irrt man gemeinsam mit der Britin durch die Großstadt, vorbei an allen Orten, an denen man zuvor noch in trauter Zweisamkeit saß, durch gesichtslose Menschenmassen hindurch, immer auf der Suche nach dem einen, den man kennt, den man sehen will und bei dem man doch nicht weiß, wie man sich dann überhaupt verhalten solle. Ganz anders das Album-Highlight "The Dazzler", das sich im Hotelzimmer verkriecht, die Mini-Bar leert, einen Hauch vom Jazz aus der Check-in-Lounge übernimmt und mit seinen entspannten TripHop-Klängen vermengt, bis es Zeit wird, den Fernseher ganz rockstarmäßig aus dem Fenster zu werfen. "Oh, this is Heaven / Alone / Yeah, this is living / Alone", belügt Tonra sich selbst und fliegt sofort auf. Der Blick in den Spiegel am nächsten Morgen ist kein einfacher. Kein schöner.

"Ex:Re" ist eine Anreihung von Erzählungen, von Bildern, von kleinen Notizen und Anekdoten. Es besucht verschiedene Stationen einer Liebesgeschichte, die vorbei ist. Der Opener "Where the time went", der von allen zehn Songs tatsächlich am ehesten an Tonras Schaffen bei Daughter erinnert, geht im Schnelldurchlauf durch, was passiert ist und wie alles soweit kommen konnte, während das düster seinen Kummer vor sich herschleppende "Liar" mit weitaus weniger Worten umso mehr sagt. Schließlich findet man sich gemeinsam mit Tonra in den frühen Morgenstunden am Boden des Schlafzimmers sitzend, den Hörer in der Hand, während "5AM" mit unheilschwangerer Pianomelodie langsam eine vage Erlärung dafür abgibt, warum die hier so oft besungene Beziehung wirklich in die Brüche gegangen ist: "I'm not sure, I think there was an altercation / It all too often happens down my road / Broken glass bottles and blood spat pavements." Am Ende dieser zerbrechlichen Tour de Force von einem Album ist klar: Manche Geschichten müssen enden. Und Elena Tonra? Die wird immer stärker, trotz aller Schwächen.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • New York
  • The Dazzler
  • 5AM

Tracklist

  1. Where the time went
  2. Crushing
  3. New York
  4. Romance
  5. The Dazzler
  6. Too sad
  7. Liar
  8. I can't keep you
  9. 5AM
  10. My heart

Gesamtspielzeit: 47:50 min.

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cargo

Postings: 144

Registriert seit 07.06.2016

2018-12-18 19:40:29 Uhr
Warum zur Hölle darf man keine gegensätzlichen Meinungen haben?

"Ich finde Beides stark". Na dann freu dich doch. Warum deine Meinung jetzt weniger "langweilig" ist wirst du uns sicher auch noch erklären können. Was für eine Schwachsinnsaussage.

MopedTobias

Postings: 10977

Registriert seit 10.09.2013

2018-12-17 21:15:53 Uhr
Ich glaube, du gewichtest die Vergleiche hier über. Ich zumindest hab keine "Grabenkampf"-Intention (warum auch? Ich finde sowohl Daughter als auch dieses Album großartig) und lese das auch bei den anderen nicht raus. Daughter ist halt der naheliegendste Referenzpunkt und Diskussionen zu Musik bestehen zu nicht gerade kleinen Teilen aus Einordnung.

MasterOfDisaster69

Postings: 413

Registriert seit 19.05.2014

2018-12-17 18:20:17 Uhr
wieso muss hier immer so blöd verglichen werden? “Daughter doch so viel besser”, “nein nein, gar nicht, das Solo-Projekt ist stärker”, blah blah.

Diese ewigen Positions-/Grabenkämpfe hier sind so was von langweilig. Scheint Euch aber Spass zu machen.

Ich finde Beides stark. Wie auch die Rezension hier, auf JD ist eben Verlass… Sie hatte auch die Rezension des von mir so geschätzten “Not to disappear” gemacht.
Kann mich allerdings noch an eine weniger tolle Rezension des letzten Daughter-Albums erinnern; klar, anderer Rezensent.

MopedTobias

Postings: 10977

Registriert seit 10.09.2013

2018-12-16 22:32:02 Uhr
Die Gleichförmigkeit bei Daughter ist so ein Vorwurf, den ich nicht so recht nachvollziehen konnte. Gerade bei der letzten, die sich durchaus ambitioniert in der Erweiterung des Debüt-Sounds zeigte. Da war zwischen Post-Rock, Dreampop und The-xx-Electro fast alles dabei und mit No Care gab's sogar ne obskure Techno-Nummer. Ex:Re hat zwar ein paar neue Ansätze wie z.B. in I Can't Keep You (Brit-Pop?), dafür fehlt aber auch ein bisschen was wie eben der Post-Rock.

cargo

Postings: 144

Registriert seit 07.06.2016

2018-12-16 21:54:49 Uhr
Ich sehe das genau anders. Finde das Solo-Projekt musikalisch um Längen spannender als das Material von Daughter. Das hat mich besonders beim letzten Alum mit dem ewigen Gleichklang ziemlich gelangweilt, wohingegen die Platte hier um einiges vielschichtiger ist.
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