Georgia Anne Muldrow - Overload

Georgia Anne Muldrow- Overload

Brainfeeder / Rough Trade
VÖ: 02.11.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Aller guten Dinge sind 17

Gegen diese Umtriebigkeit sieht sogar ein Ty Segall kein Land: Nicht weniger als 16 Studioalben hat Georgia Anne Muldrow zwischen 2006 und 2015 veröffentlicht. Da lässt sich schon fast von einer kreativen Schaffenspause sprechen, wenn "Overload", Langspieler Nummer 17, erst ganze drei Jahre nach seinem Vorgänger erscheint. Doch – Achtung, Phrase – das Warten hat sich gelohnt, denn wer sich bisher von einem Zugang in das eklektische Œuvre der Kalifornierin überfordert fühlte, hat spätestens jetzt keine Ausreden mehr. Neun Jahre lang entwarf Muldrow eine ganz eigene Definition von R'n'B und Soul zwischen Retro-Ästhetik, Afrofuturismus, modernem HipHop und völlig abdrehendem Jazz und ging mit ihrer Widerspenstigkeit sogar in einer Dekade unter, die von den innovativen, ambitionierten Auswüchsen besagter Genres bestimmt war. "Overload" stellt sich nun als ihre poppigste und knappeste Platte bisher dar, macht aber weiterhin keinerlei Abstriche im Verfolgen der künstlerischen Vision und will von irgendeiner Form der Mainstream-Anbiederung noch immer nichts wissen. Oder, wie es in "Vital transformation" heißt: "Save your whistles and bells, I have no time for that / I'm only trying to free my mind."

So versteht sich Muldrow nach wie vor als Dekonstrukteurin und Neudenkerin, zeigt nur wenig Interesse an einer das Album übergreifenden stilistischen Kohärenz und formuliert einige ihrer Ideen nicht ganz aus. Das Intro "I.O.T.A. (Instrument of the ancestors)" ist nicht mehr als eine unzusammenhängende Collage aus Handclaps, spacigen Synths und undefinierbaren Gesangslinien, "Williehook" lässt seinen an Mavis Staples erinnernden klassischen Soul schon nach 40 Sekunden ausfaden. Doch die allermeisten Songs von "Overload" wirken, so sehr sie sich auch untereinander unterscheiden, ausgereift und vor allem direkt zugänglich. Sogar ein paar kontemporäre Trends greift die 35-Jährige hier auf: Das aufmunternde "Play it up" gerät zu Muldrows Definition eines Trap-Bangers, während im unterkühlten, ätherischen Beat von "Canadian hillbilly" die Produktionen eines Drake nachhallen. Auch "Blam" gießt seine politische Dringlichkeit in einen runden Pop-Track mit G-Funk-Bässen und afrikanischer Percussion. Wenn sich sein finales Credo "Before I'll be a slave, I'll be buried in my grave", in der eingängigsten Melodie des Albums manifestiert, entzieht ihm das aber keineswegs die Wirkungskraft, sondern macht es nur noch eindrücklicher.

"Overload" markiert auch die erste Zusammenarbeit Muldrows mit dem Label Brainfeeder, Heimat unter anderem von Flying Lotus, Thundercat und Kamasi Washington. Deren Einfluss hört man allerdings nur im Hochgeschwindigkeits-Jazz von "Bobbie's ditty" heraus, das gefühlt alle fünf Sekunden seinen Rhythmus ändert und den ambitioniertesten Song der Platte darstellt. Es ist aber sowieso nicht die musikalische Klasse, die das Album aus seinen 16 Vorgängern heraushebt – die war schließlich schon immer da –, sondern die Wärme, die hier aus jeder gesungenen Zeile strömt. Im Titeltrack formuliert Muldrow eine Liebeserklärung an ihren langjährigen Lebenspartner, den Rapper Dudley Perkins, begleitet von wundervoll schwebenden Keyboard-Riffs und absolut entwaffnend in ihrer ungefilterten Hingabe: "I'm on overload, in overdrive / I'm overwhelmed and overexcited / I've got that lifetime crush just for you." Perkins tritt auch zweimal selbst in Erscheinung, zunächst in der futuristischen Neuinterpretation des Gap-Band-Klassikers "You can always count on me" und dann in "These are the things I really like about you". Es ist ein herrlich schräges Duett mit Dixie-Bläsern und New-Orleans-Swing, in dem sich das Paar absurde Komplimente á la "You're the best bird I ever ate" gibt, in dessen abseitigem Gestus aber nie Zweifel an der Aufrichtigkeit der Emotionen dahinter aufkommen. Die Faszination hinter der Musik von Georgia Anne Muldrow lässt sich kaum besser auf den Punkt bringen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Overload
  • Blam
  • These are the things I really like about you (feat. Dudley Perkins)
  • Bobbie's ditty

Tracklist

  1. I.O.T.A. (Instrument of the ancestors)
  2. Play it up
  3. Overload
  4. Blam
  5. Williehook (Skit)
  6. Aerosol
  7. Vital transformation
  8. You can always count on me (feat. Shana Jenson)
  9. These are the things I really like about you (feat. Dudley Perkins)
  10. Canadian hillbilly
  11. Conmigo (Reprise)
  12. Bobbie's dittie
  13. Ciao

Gesamtspielzeit: 36:49 min.

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Armin

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2018-12-10 21:33:01 Uhr - Newsbeitrag
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