AnnenMayKantereit - Schlagschatten

AnnenMayKantereit- Schlagschatten

Vertigo / Universal
VÖ: 07.12.2018

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Ohne große Worte

"Und wo bist Du jetzt, Marie?", fragte einst ein gewisser Joachim Deutschland auf "Musik wegen Frauen" eindringlich. In den letzten Atemzügen von 2018 kommt wirklich alles erneut auf den Tisch. So wollen AnnenMayKantereit in leichter Variation wissen: "Marie, wo bist Du?" Dabei müsste Deutschlands ursprüngliche Version dem Quartett besser gefallen. Würde man auf "Schlagschatten" ein Trinkspiel um jede Zeile, die mit "und" beginnt, veranstalten – selbst die Schluckspechte wären vor der Hälfte der Platte tief im Delirium. Was kein guter Stil ist. Weder das Trinkspiel, noch dieses ständige "und". Oder eben generell AnnenMayKantereits Texte. Ihr drittes Album wird nichts an der Polarisierungskraft ändern, mit der die Kölner Meinungen spalten. Obendrein verbreitert sich der Riss in ihrem eigenen Schaffen mehr und mehr.

Denn instrumental zeigen die 14 Stücke eine Weiterentwicklung im Vergleich zu "Alles nix Konkretes". Die Variantenvielfalt begeistert an vielen Stellen, wenn sie beispielsweise auf "In meinem Bett" ein entspanntes Gitarrenlick den Song tragen lassen oder die Drum Machine auf "Sieben Jahre" unbemerkt den Weg zu einer tollen Coda führt. Die Produktion der zum Folk und Indierock neigenden Kompositionen ist wieder etwas organischer und luftiger als auf dem Vorgänger, auch wenn die alternativen Versionen, welche jeder der sieben (!) Vorabsingles als B-Seite anheim gestellt wurden, teils die bessere Wahl gewesen wären. Ein Schritt nach vorn also hier. Was man über die Lyrik wahrlich nicht behaupten kann.

Wie generisch austauschbar die Texte sind, zeigen gleich die ersten beiden Songs. Dass "Marie" und "Nur wegen Dir" grundsätzlich gegensätzliche Liebesperspektiven behandeln, merkt man anhand des Vortrags nicht – Reibeisenstimme hin oder her. Besser macht es noch "Jenny Jenny", welches als Alltagsbeschreibung einer Stewardess zwar eher als Kinderlied rüberkommt, aber als solches ein ziemlich schmissiges ist. "Jenny Jenny Wolkenreiter / Lächelt einfach immer weiter / So wie alle Flugbegleiter." Umrahmt wird es jedoch von endlosen Selbstbemitleidungen in "Sieben Jahre" und "Alle fragen". "Vor sieben Jahren hast Du sie das letzte Mal gesehen / Aber was war, ist für Dich noch immer wunderschön." Seufz. "Du fährst in die Heimat / Und alles wird leiser / Und irgendwie kleiner." Wer erinnert sich noch an das eingangs erwähnte Trinkspiel? Wenigstens lässt "Hinter klugen Sätzen" als eindringliche Klaviernummer den Text in den Hintergrund treten und gewinnt damit.

Mehr als je zuvor sind die Stücke die Twitterperlen des Tages in Songform gegossen – leider weniger amüsant als das zunächst klingen mag. "Ich geh heut nicht mehr tanzen" stellt unverzeihliche Schüttelreime – "Ich glaub', ich geh' heut nicht mehr tanzen / [...] / Ich glaub', ich rauche heute Pflanzen" – immerhin noch neben den besten Moment des Albums: May brüllt sich die Lieferando-Lethargie aus dem Leib. "VIETNAMEEESISCH neben dem Bett!" Allemal lustiger als "Öööös tut mit leid, Pocahontas" ist das. "Freitagabend" lässt dann zwar verhältnismäßig die Sau raus, aber wäre ohne die flunderflache, richtungslose Gesellschaftskritik besser dran. Über den gruseligen White-Guilt-Poetry-Slam "Ich fahr' schwarz in 'nem weißen Land / Obwohl ich mir die Reise leisten kann / [...] / Flüchtlingskrise fühlt sich an wie Reichstagsbrand / Obwohl ich das nicht vergleichen kann" aus "Weiße Wand" kann man nur noch komplett den Mantel des fremdschämenden Schweigens hüllen. Trotz der packenden Instrumentierung im Hintergrund.

"Schlagschatten" ist genau deshalb zum Haareraufen. Man sieht das verschenkte Potenzial in jedem Song an sich vorbeiziehen. Hübsches, dynamisch-sentimentales Kleinod? Gerne, hier sind entsetzlich nichtssagende Zeilen wie "Weil Du mir nicht alles sagst / Frag ich Dich noch mal / Und Du sagst nichts" gratis dazu. "Schon krass" war auf dem in Eigenregie vertriebenen Debüt "AMK" ein lockerer Akustikrocker? Hier ist eine gänzlich umgekrempelte Downer-Version, welche den Original-Refrain von Beziehungskram auf berauschende Substanzen ummünzt. "Ich glaub', auf'm Weg nach oben / Liegen überall Drogen." Klar, May hat immer noch dieses markante Organ, welches ein Alleinstellungsmerkmal bleibt. Textlich ist das aber leider nicht Sven Regener oder Dirk von Lowtzow, ja, nicht mal Herbert Grönemeyer oder der olle Udo Lindenberg. Sondern irgendwo hängengeblieben zwischen Bento-Praktikant und Julia Engelmann ihr großer Bruder. Schade um die schöne Musik.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • In meinem Bett
  • Ich geh heut nicht mehr tanzen
  • Hinter klugen Sätzen
  • Jenny Jenny

Tracklist

  1. Marie
  2. Nur wegen Dir
  3. In meinem Bett
  4. Ich geh heut nicht mehr tanzen
  5. Freitagabend
  6. Weiße Wand
  7. Hinter klugen Sätzen
  8. Sieben Jahre
  9. Jenny Jenny
  10. Alle fragen
  11. Du bist anders
  12. Schon krass
  13. Vielleicht vielleicht
  14. Schlagschatten

Gesamtspielzeit: 53:25 min.

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User Beitrag
@Maklarne
2018-12-13 10:26:57 Uhr
Moin Felix ;)
Maklarne
2018-12-13 10:10:05 Uhr
"bei englischsprachigen Songs zählt die Akustik mindestens 60%. bei deutschsprachigen zählen vor allem die Texte."

das ist auch so, für deutschsprachige zumindest. deshalb auch richtiger ansatz, dem mehr raum einzuräumen, zumal der gesang auch instrumental im vordergrund steht.
Moop
2018-12-13 07:32:23 Uhr
Sorry, Logout vergessen...

MopedTobias

Postings: 11323

Registriert seit 10.09.2013

2018-12-13 00:46:13 Uhr
AnnegretAnnenKrampMayKarrenbauerKantereit
Klarname
2018-12-13 00:42:32 Uhr
ich pflichte meinem Vorredner bei. bei englischsprachigen Songs zählt die Akustik mindestens 60%. bei deutschsprachigen zählen vor allem die Texte.
AKK ist trotzdem scheiße.
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