Bilderbuch - Mea culpa

Bilderbuch- Mea culpa

Maschin / Universal
VÖ: 04.12.2018

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Nischenprodukt

Es ist die alte Krux der eigenen Nische. Denn wer genau wie die anderen klingt, kann leichter begeistern. Für Greta Van Fleet prophezeien wir beispielsweise schon mal, dass jegliche Standardabweichung von Led Zeppelin nach "Anthem of the peaceful army" als große Neuerung gefeiert werden wird, da die grundsätzliche Schöpfungshöhe ihrer Musik gen null tendiert. Bilderbuch haben es in dieser Hinsicht viel schwerer, seit sie mit "Schick Schock" ihren Sound völlig umkrempelten und seitdem tönen wie niemand anderes. Wer sich einmal neu erfindet, schürt Erwartungen, die das streitbare "Magic life" nicht für jeden erfüllen konnte. Was "Schick Schock" so groß machte, war schließlich die Verheiratung des R'n'B-als-Rockband-Ansatzes mit verteufelt eingängigen Hitstrukturen. Der Nachfolger hatte als unmittelbaren Knaller "Bungalow", vielleicht noch "I <3 stress" und "Baba". Ansonsten versanken die Österreicher tiefer in ihrer Nische. Mit "Mea culpa" denken sie gar nicht daran, wieder hervorzukommen.

Ihr fünftes Album ist Teil eines Doppelschlags, der im Februar 2019 mit "Vernissage my heart" fortgesetzt wird. Und vielleicht finden sich dort ja die Hits, denen sie sich hier ganz offensichtlich verweigern. Wenn die Rede von ihrem bisher geschlossensten Album ist, stimmt das mit Sicherheit. Die neun Songs erschaffen eine konsistente Lethargie, erzählen von dem, was Funny Van Dannen einst so treffend als "Herzscheiße" betitelte. Natürlich digital: "Heute bleibt ihr Display so schwarz", beklagt sich Maurice Ernst einleitend im flockigen Relax-HipHop-Ungetüm "Sandwishes", später heißt es im delirierenden "Taxi Taxi" "Sie ist online / Immer online, aber kein Wort, nein." Das regnerische Rauschen schafft Atmosphäre und überzeugt genauso wie der Throwback zu Neunziger-Disco und 2-Step in "Lounge 2.0", dem schon Robyn nur Monate zuvor auf "Honey" stellenweise frönte. Auch wenn sich Bilderbuch in diesen Stücken wie schon oft auf "Magic life" einer kohärenten Songstruktur verweigern.

Einen Einbruch leistet sich "Mea culpa" in der Mitte. "Emotion" ist nur 90 Sekunden lang, aber ein völlig sinnloses Interlude. Öde bleibt leider auch "Mein Herz bricht", zu allem Überfluss auch noch das längste Stück. "Mein Herz bricht auf der Suche nach Liebe", säuselt Ernst in leichter Schlager-Annäherung, und wenn Bilderbuch die Endlosigkeit dieses Suchvorgangs musikalisch darstellen wollten, dann ist das wohl gelungen. Danach fängt sich das Album wieder. "Megaplex" verbreitet zwar weniger Schmiss als es sein Titel verspricht und die zehn Sekunden Rausch inmitten des Songs hätten länger sein dürfen. Der Refrain ist jedoch so eingängig und hübsch, dass alles verzeihlich bleibt. "Memory card" wiederholt zwar die fragende Hook "Bist Du meine Memory Card?" ein paar Mal zu oft, aber lässt die Beine ordentlich zucken. "Aloe Vera" hat indes noch weniger Struktur als so manch anderer Song hier, aber macht vielleicht gerade deshalb als ätherischer Closer seine Sache gut.

Und dazwischen liegt nun eben das Stück, das ganz klar ein Zugeständnis an die Eingängigkeit offenbart. "Checkpoint (Nie Game over)" hat nämlich: Melodie! Schmiss! Feelings! "Immer wieder da, wo es am schönsten war", und da klimpert sich auch die Gitarre im 8-Bit-Sound am Ende hin. Neben der nicht hier enthaltenen schwülen Single "Eine Nacht in Manila" ist es der kleine Happen an Gewissheit, dass Bilderbuch immer noch deutlich extrovertierter auftreten könnten. "Mea culpa" schafft es zumindest, das offensichtlich angestrebte Album-Erlebnis zu werden, als Kontrast zur Hitparade von "Schick Schock". Ein wenig operieren sie aber mit dieser Ausrichtung entgegen ihrer Stärke, die eigene auf Coolness fokussierte Sonderbarkeit mit treffsicherem Hitgespür zu verbinden. Das Gefühl der Ratlosigkeit legt sich dank der durchgehend einnehmenden Atmosphäre und den diesmal kleiner skalierten Hooks nach und nach, ein Restzweifel angesichts der Inhaltsleere bleibt aber. Denn so eine Nische ist bequem, aber auf Dauer auch irgendwie öde.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Sandwishes
  • Checkpoint (Nie Game over)

Tracklist

  1. Sandwishes
  2. Taxi Taxi
  3. Lounge 2.0
  4. Emotion
  5. Mein Herz bricht
  6. Megaplex
  7. Memory card
  8. Checkpoint (Nie Game over)
  9. Aloe Vera

Gesamtspielzeit: 34:50 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
The real Gaehner
2019-08-04 10:35:49 Uhr
Hat den Test der Zeit für mich definitiv bestanden. Relaxed, locker aus der Hüfte geschossen. Mal ne ruhige Kugel schieben. Sommervibes - Dauerbrenner. Anmachen, durchhören. Repeat.
8,5/10. Bitte mehr davon.

BerndGeorg

Postings: 5

Registriert seit 02.12.2018

2019-01-18 19:34:39 Uhr
...ich bin eher ein bisschen enttäuscht &#9785;&#65039;...das ist alles gut gemacht, aber es fehlt das zwingende ...die letzte Überwindung aus einem brauchbaren Song einen guten zu machen..
Ich höre dann doch lieber alte Prince und Don Blackman Nummern &#128522;
IIII IIII IIII
2018-12-16 22:03:13 Uhr
Mal ne jannnz neue Info, dankeschön!
l
2018-12-16 21:59:30 Uhr
Das Album kommt am 22.2

MopedTobias

Postings: 12402

Registriert seit 10.09.2013

2018-12-13 17:34:17 Uhr
Ich glaube nicht, dass die meisten Fans irgendeine "höhere Kunstform" in dieser Band sehen, es macht ihnen einfach Spaß.
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