Eliza Shaddad - Future

Eliza Shaddad- Future

Beatnik Creative / Ferryhouse / Warner
VÖ: 26.10.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Nicht vorbei

Einst war Eliza Shaddad nur eine von vielen. Die Philosophie-Master-Absolventin startete ihre kleine Musikerkarriere als stinknormale Singer-Songwriterin mit Akustikklampfe, bis sie von Clean-Bandit-Bassist Jack Patterson beim Musizieren auf einer Straße in London entdeckt wurde. Das führte nicht nur zu einer Kollaboration mit der Electro-Band, es ebnete auch den Weg für die 2016er-EP "Run" sowie das Debütalbum "Future", auf denen die Britin ihren Stil radikal auf links drehte. Kein Grund zur Sorge – vom Charts-Gestus Clean Bandits hat sie sich nach der Zusammenkunft mit Patterson ironischerweise erst recht entfernt. Möchte man die Eigenart Shaddads irgendwie einordnen, landet man am ehesten bei Emma Ruth Rundle durch einen The-Cure-Filter gejagt: intimer, introspektiver Alternative Folk mit epischer, mächtiger, krachiger Inszenierung, im Gitarrensound und in der Gesamtästhetik allerdings mehr nach Gothic, New Wave und Post-Punk ausgerichtet als nach Rundles Post-Rock.

"I know if I hold brave and true / I can drive straight into the future." Der Albumname ist hier Programm und so baut Shaddad ihren Opener "White lines" direkt als Startrampe ins große Unbekannte. Musikalisch bildet der Song dieses Gefühl von zögerlichem Optimismus phänomenal ab, dieser unheimlich treibende akustische Roadtrip steigert sich immer weiter bis zum psychedelischen Gitarrensturm. Doch bevor die Zukunft irgendwie Thema sein kann, muss erst der mentale Haken hinter die Entbehrungen von gestern gesetzt werden, und so ist der Ton auf "Future" zunächst noch ein düsterer, aufgewühlter. Im grungigen "My body" ringt Shaddad mit dem Ende einer Liebesbeziehung und ihrer selbstgewählten Einsamkeit, auch hier spiegeln das Arrangement und der nachdrückliche Rhythmus den Inhalt wider, als wären sie gleichermaßen von Selbstzweifeln zerfressen. Eine isolierte Gitarre bestimmt das anschließende "Are you there?", die titelgebende Frage verhallt wiederholt, bekommt als Antwort nur eine von entfesselten Drums zermarterte Coda zurück – diesen dunkelsten Track der Platte hätte sicher auch Chelsea Wolfe abgenickt.

Doch dann geht die Sonne auf. Zunächst nur textlich: "Darling, I've been turning into someone new / And although I know that we could keep on, something's telling me we're through." Zwar klingt "This is my cue" noch wie eine albtraumhafte Schwesterband der Cranberries, doch Shaddad entwächst hier ihrer Vergangenheit, formt aus ihren Ängsten und Zweifeln einen resoluten Drang nach vorne. In "Slow down" zieht dann auch die Musik mit, plötzlich macht die junge Londonerin tiefenentspannten, warmen Dream-Pop und sorgt für den schönsten Moment des Albums, wenn sie die Melodie des finalen Gitarrensolos einfach mal locker mitsingt. "Daydreaming" setzt sogar noch einen drauf, in dessen überlebensgroßem Pop-Refrain scheint die zuvor so nachdenklich zurückgezogene Poetin über beide Ohren zu strahlen. Die Stimmungslage ist vollständig gekippt, doch Shaddad erzählt und inszeniert alles so kohärent, dass sich ihre Entwicklung vollständig nachvollziehen lässt.

Erst "Just goes to show" fügt dem hier etablierten – natürlich immer noch extrem hohen – Standard bis auf ein infektiöses Achtziger-Riff nichts wirklich Neues hinzu und so kommt kurz die Befürchtung auf, "Future" würde zum Ende hin etwas die Luft ausgehen. Das ist nicht mal im Ansatz der Fall: "Your core" entspinnt sich aus einer jazzigen Basslinie fast schon kakophonisch bis zum Noise-Finale, "The Conclusion" verbindet TripHop-Einflüsse mit Pink Floyd. Im kurzen Schlussstück "To make it up to you" entledigt sich Shaddad dann jeder Ambition, wendet sich alleine mit ihrer Gitarre noch einmal der Person zu, die sie eigentlich schon längst hinter sich gelassen hat: "What can I say to make you happy again? […] I don't think it matters now how much I write or sing / I never truly seem to learn a thing." Dass sich die Vergangenheitsbewältigung doch nicht so einfach abhaken lässt wie der wöchentliche Waschgang, non-linear verläuft und von ständigen Stimmungsschwankungen durchzogen ist, daran hat "Future" von Anfang an keinen Zweifel gelassen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • White lines
  • My body
  • Slow down
  • Daydreaming

Tracklist

  1. White lines
  2. My body
  3. Are you there?
  4. This is my cue
  5. Slow down
  6. Daydreaming
  7. Just goes to show
  8. Your core
  9. The conclusion
  10. To make it up to you

Gesamtspielzeit: 40:46 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Kyuss
2018-12-08 18:08:38 Uhr
My Body ist klasse, Song sticht klar raus. Rest kann das Niveau nicht halten, imho.

MopedTobias

Postings: 10492

Registriert seit 10.09.2013

2018-12-02 21:24:06 Uhr
Nicht besser als Lily Allen >:(

Hollowman

Postings: 144

Registriert seit 14.06.2013

2018-12-02 11:19:27 Uhr
Sehr schönes Album, musst ich nicht mal komplett durchhören, um es in den Warenkorb zu befördern. Danke für den Tipp, nach Lucy Dacus die zweite Singer-Songwriterin dieses Jahr, die ich durch euch entdeckt habe.

Als erstes ins Ohr ging beim mir das wirklich ziemlich poppige, aber auch sehr tolle Daydreaming, das mich ein bisschen an Lili Allen, nur besser ;-) Wobei man dazu sagen sollte, dass der Song auch nicht representativ für den Rest des Albums ist. Ist insgesamt auch schön abwechslungsreich.

Armin

Postings: 13618

Registriert seit 08.01.2012

2018-12-01 00:15:25 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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