Kramsky - Zuviel Licht

Kramsky- Zuviel Licht

Disentertainment / Broken Silence
VÖ: 16.11.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Mosel-Indianer

Muff-Potter-Nagel hat dort die Handlung seines Buches "Was kostet die Welt" verortet, und auch Kolumnist Bastian Sick reiste einst gerne in die westliche Provinz, weil die Menschen dort so lustig sprechen, wo das Wort "nehmen" nicht existiert. Das Moseltal zwischen Cochem und Trier ist eine gewiss hübsche, aber auch etwas abwegige und eigenbrödlerische Region. In der Römerstadt Trier wirken die Menschen auf den ersten Blick zum Beispiel etwas weniger herzlich als die Bewohner entlang des Rheins, sind mit ihrem trockenen Humor und ihrer direkten, schroffen Art auf den zweiten Blick aber unbedingt liebenswert. In kulturell schwierigen Zeiten, in denen das "Ex-Haus", Sozialisationsstätte vieler Kulturschaffender, Jugendlicher und Studierender, ums wirtschaftliche Überleben kämpft und Proberäume geschlossen werden, zeigt sich der Zusammenhalt der Stadt. Und schon ertönt in "Jobs & Geld" der leicht nölende Jimi Berlin am Mikro, definitiv eine bekannte Stimme in der Region. Und das macht Sinn. Schließlich hießen Kramsky vormals Herr Berlin, und nicht nur der Sänger war zuvor in etlichen anderen Trierer Projekten aktiv.

Aktivierend ist auch dieses Debütalbum namens "Zuviel Licht" geraten, das kann man nicht anders sagen. Bis der Opener recht unkonventionell durch Ausfaden sein Licht ausgeknipst bekommt, haben Kramsky ihr Feld zwischen New Wave, Post-Punk und tanzwütigem Indierock längst abgesteckt, den Bass ordentlich tief angeschlagen, und der gewinnmaximierten Leistungsgesellschaft den blanken Popo entgegengestreckt. Noch besser passt das im gar nicht mal lauten, aber durch feinen Basslauf und flirrende Gitarrenteppiche den Hörer beinahe listig umgarnenden "Last exit", welches im polternden Finale nicht nur Beschwerdepunks in der hiesigen Stillstandsrepublik aus der Seele spricht: "Und dann kommen sie wieder / Und sagen, dass alles gut ist / Dass es nur eine Frage der Einstellung ist / Aber das ist es nicht!" Gut ins Ohr, weil direkt nach vorn, gehen auch das punkige "Disco", der ohrwurmige Post-Punk von "Die Tiere gehen schlafen" (ob sie einst denn unruhig waren?) und der zackige Indierock der augenzwinkernden Anekdote "Anna liebt Tiere", obwohl "Peter sie isst."

Das markante "Nerven" zieht in den Strophen eine dicke Achtzigerjahre-Pfeife, um zum Refrain ordentlich Punk-Dampf auszupusten. Man hört, dass hier erfahrene Mannen am Werk waren, und dass "Zuviel Licht" kein Debüt von blassen Grünschnäbeln ist. Aber nicht nur wegen ihres stilsicheren Songwritings haben Kramsky eine Handvoll feiner Refrains mitgebracht, und eine hörenswerte Konstanz über die volle Spielzeit. Es ist auch die Freude darüber, weil sich die Herren nie zu schade sind, mit verzerrtem Bass, scharfen Gitarrenriffs und bollerndem Schlagzeug den guten alten Rock'n'Roll zu hofieren. So kämpft man betrunken nach fünf Runden mit dem "Autobahnmann" mit sich selbst, weil die Füße kaum stillstehen wollen. Wunderbar, dass Kramsky mit dem bedächtig-wuchtigen "Komplett" ein intensives wie bewegendes Stück kredenzen, damit der Hörer langsam wieder ausnüchtert. Um Kraft zu schöpfen für den nächsten Kampf gegen die nächsten seltsam sinnlosen Entwicklungen der Gesellschaft, und für die Musik. Denn auch an der Mosel braucht man die.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Last exit
  • Die Tiere gehen schlafen
  • Komplett
  • Nerven

Tracklist

  1. Jobs & Geld
  2. Last exit
  3. Autobahnmann
  4. Die Tiere gehen schlafen
  5. Komplett
  6. Nerven
  7. Disko
  8. ADWMK
  9. Anna liebt Tiere
  10. Türen
  11. Unter Wasser

Gesamtspielzeit: 37:10 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2018-12-01 00:15:14 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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