P.A. Hülsenbeck - Garden of stone

P.A. Hülsenbeck- Garden of stone

Altin Village & Mine / Indigo
VÖ: 30.11.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Tanz auf dem Vulkan

In Märchen und Sagen taucht Tanz oft als Exzess oder Entgleisung auf, oft auch als Inkarnation des Bösen: Rumpelstilzchen tanzt ums Feuer, die Hexen tanzen sich jährlich auf dem Brocken in Ekstase und die Roten Schuhe tanzen ihre Besitzerin an den Rand des Wahnsinns. Ist Tanz eine transzendierende Praxis, die den Geist in unbekannte Sphären entrückt? Oder vielmehr eine Möglichkeit, über eine körperliche Aktivität mit den verborgenen und dunklen Ecken des eigenen Selbst in Verbindung zu treten, also mit der schmerzhaften Realität? Jedenfalls lässt er Erfahrungen zu, die nicht recht in den Alltag passen.

Philipp Hülsenbeck hat nach dem Aus seiner Band Sizarr den Ausdruckstanz für sich entdeckt – und hat ganz offensichtlich etwas Neues über sich gelernt. Bei Sizarr und dem darauffolgenden Projekt Doomhound war Hülsenbeck vor allem für die Synthesizer zuständig. Auf seinem Solo-Debüt "Garden of stone" hat er den artifiziell erzeugten Tönen jetzt plötzlich abgeschworen und stattdessen ein halbes Orchester involviert (wobei er die Hälfte der Instrumente selbst eingespielt hat). So übersetzt er seine Suche nach dem Natürlichen, Authentischen, Unmittelbaren in eindringliche Musik. Die Stücke bewegen sich irgendwo auf der Strecke zwischen elegantem Jazz und sehr elaboriertem Indie-Folk – jedes folgt einer komplexen, nicht vorhersehbaren Choreographie mit vielen Figuren und sprunghaften Wendungen. Trotz symphonischen Ausmaßes bleibt die Musik dabei ganz intim. Dafür sorgt Hülsenbecks sanfte Stimme, die sich nie in den Vordergrund stellt, sondern wie beiläufig mit der Musik verschmilzt.

Nach dem ruhigen aber verspielten Intro "Anima" mit Hörnern und Saxophon steigt in "Survey" aus einem Meer der Ruhe zuerst geordneter, dann zunehmend wilder und chaotischer werdender polyphoner Klang, der letztendlich von der Perkussion wieder in gerade Bahnen gelenkt wird. Trompete und Akustikgitarre schaffen in "Aya on Cansas" eine entspannte Kulisse zu einer archaisch anmutenden Gesangsmelodie, zu stampfenden und ratternden Rhythmen und quietschenden Bläsern wird die Ordnung langsam aufgelöst. "A serpent of velour" beginnt mit Kontrabass und Egg Shaker wie astreiner Barjazz, bietet dann aber mit oszillierenden Gitarren und Hülsenbecks sehnsuchtsvollem Gesang noch mehr.

Die meisten Songs machen so eine Reise vom Mystischen ins Konkrete oder umgekehrt, oftmals kommen alptraumhafte Schreckensbilder vor. Mal wird das lyrische Ich in "Aya on cansas" von Ungeheuern mit tellergroßen Augen verfolgt, dann fühlt es sich in "Stairs of Alfama" in lähmender Isolation gefangen. Die Grenzen zwischen tatsächlichen und vorgestellten Dämonen verschwimmen. "Eager lust" ist atmosphärisch dicht und teils groovy, zum gewohnt entrückten Gesang mischt sich ein Bläserchor, der Fanfaren spielt, allerdings so sanft und leise, dass es sich nur um einen innerlichen Triumph handeln kann. "My mind can't grasp what the body does" scheint der Schlüsselsatz dieses Songs und vielleicht des ganzen Albums zu sein. Hülsenbeck kapituliert letztendlich vor der Kontingenz der körperlichen Existenz. Man kann nicht immer alles verstehen. Manchmal muss man einfach nur tanzen.

(Eva-Maria Walther)

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Highlights

  • Aya on Cansas
  • A serpent of velour
  • Eager lust

Tracklist

  1. Anima
  2. Survey
  3. Aya on Cansas
  4. A serpent of velour
  5. Säule
  6. Speaking in tongues
  7. Stairs of Alfama
  8. Eager lust
  9. Vessel

Gesamtspielzeit: 40:48 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
vinylism
2018-12-01 08:47:59 Uhr
ich finde das Album großartig. Sehr vielschichtig und sensibel arrangiert.
Freue mich auf das Vinyl, dass die nächste
Woche kommen sollte.

Armin

Postings: 13618

Registriert seit 08.01.2012

2018-12-01 00:15:03 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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