Jeff Tweedy - Warm

Jeff Tweedy- Warm

dBpm / Rykodisc / Warner
VÖ: 30.11.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

The whole truth

Wer ist Jeff Tweedy? Eine lächerliche Frage, möchte man meinen, lässt sich dem Wilco-Chef doch indiskutabel ein Legendenstatus in der modernen amerikanischen Musikwelt zuschreiben. Allerdings offenbarte er in seiner Hauptband bereits die unterschiedlichsten Identitäten vom Alternative-Country-Poeten bis zum experimentierwütigen Rock-Dekonstrukteur, und so ließ sich als Unbeteiligter immer nur vermuten, wer von den vielen Tweedys jetzt der "echte" ist. Vielleicht ist es ja der, den der 51-Jährige nun auf "Warm" der Öffentlichkeit präsentiert, handelt es sich hierbei immerhin um sein erstes echtes Solo-Album, nachdem "Together at last" bloß ein paar alte Wilco- und Uncle-Tupelo-Stücke neu arrangierte und sich "Sukierae" eher als Kollaborationsprojekt mit Sohnemann Spencer verstand. Ein weiteres Indiz: "Warm" erscheint nur ganz kurz nach Tweedys Memoiren, die ungewohnt direkten Texte lassen nicht nur deswegen eine hochpersönliche Deutungsebene zu.

"I leave behind a trail of songs / From the darkest gloom to the brightest sun." Schon das eröffnende "Bombs above" bestimmt das Album als musikgewordene Lebensrückschau und steckt auch stilistisch das Feld ab – allzu viel wird zu diesem Arrangement aus Akustikgitarre, ein paar Slides, dezenten Drums (übrigens wieder von Spencer gespielt) und einer ebenso zurückhaltenden, sauberen Elektrischen nicht mehr dazukommen. Es ist das ganz in der Tradition von Wilco stehende Songwriting, das ewig mäandernde Stücke wie "How hard it is for a desert to die" oder das abschließende "How will I find you?" von der totalen Tristesse abhält, ebenso wie Tweedys umwerfende Stimme, die nach wie vor zu den ausdrucksstärksten der Rockmusik überhaupt gehört. Natürlich hat er auch weiterhin seine Chuzpe: Einen der emotionalen Höhepunkte der Platte in Form des späten Titelsongs inszeniert er so skizzenhaft und flüchtig, als wäre er ein unbedeutendes Interlude.

Als ruhiges Singer-Songwriter-Werk braucht sich "Warm" aber dennoch nicht abstempeln lassen, dafür sorgt schon die beschwingte Single "Some birds". Auch der schwarzhumorige Singalong "Let's go rain" begegnet den Schikanen der Welt mit fröhlichem Sarkasmus, während "Don't forget" die Erinnerung an den kürzlich verstorbenen Vater mit verspieltem Twee-Pop statt Trauermarsch zelebriert. "I know what it's like" könnte indes in anderen Händen zur Mitgefühl heuchelnden Empowerment-Nummer verkommen, doch bei Tweedy weiß man selbstverständlich, dass der titelgebende Refrain aus ehrlich erfahrenem Schmerz resultiert – da hätte es den inhaltlichen Verweis auf "Via Chicago" gar nicht für gebraucht. Geschenkt, dass die musikalische Intensität solcher Wilco-Klassiker auf diesem Album nicht erreicht wird, es geht hier vielmehr um emotionale Unmittelbarkeit als um künstlerisches Austoben, und den Alternative-Americana-Autopiloten beherrscht der Chicagoer eh wie kein Zweiter.

Ein paar Ausbrüche erlaubt Tweedy sich allerdings doch: In "From far away" pulsiert eine atmosphärische Geräuschkulisse, die wie aus "Yankee hotel foxtrot" gerissen klingt, während "The red brick", das dringlichste Stück der Platte, am Ende die sägende Drone-Gitarre mit einer Konsequenz wie seit "A ghost is born" nicht mehr hochfährt. Der Moment, der sich am allerstärksten einbrennt, ist aber – wie könnte es auch anders sein – ein textlicher: "Now people say / What drugs did you take /And why don't you start taking them again / But they're not my friends / And if I was dead / What difference would it ever make to them." So schonungslos offen hat man Tweedy in seiner ganzen Karriere noch nicht gehört. Es ist eine traurige Abrechnung mit dem Schlag von "Fans", die ihren Idolen zugunsten der künstlerischen (Wieder-)Belebung eine Drogensucht wünschen, ohne sich deren Konsequenzen bewusst zu sein, eingebettet in "Having been is no way to be", dem auch musikalisch besten Song von "Warm". Ob man hier tatsächlich zum ersten Mal den echten Jeff Tweedy hört, oder ob es nie anders war und er bloß immer bewusst andere Seiten von sich in den Fokus gerückt hat, lässt sich nicht endgültig beantworten, doch gefühlt ist man dieser lebenden Legende hier so nah wie noch nie.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Don't forget
  • Having been is no way to be
  • The red brick
  • Warm (When the sun has died)

Tracklist

  1. Bombs above
  2. Some birds
  3. Don't forget
  4. How hard it is for a desert to die
  5. Let's go rain
  6. From far away
  7. I know what it's like
  8. Having been is no way to be
  9. The red brick
  10. Warm (When the sun has died)
  11. How will I find you?

Gesamtspielzeit: 39:41 min.

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humbert humbert

Postings: 1702

Registriert seit 13.06.2013

2018-12-05 20:10:30 Uhr
Mich bekommt die Platte leider nicht. Kann bisher gar nicht sagen warum.
Gibt es andere, die auch schon die Platte gehört haben?

Zappyesque

Postings: 59

Registriert seit 22.01.2014

2018-11-30 00:45:52 Uhr
@Kalle:
schwierige Alben? Star Wars und Schmilco? wirklich? Würde mich interessieren wie du das meinst. Ich fand sie ja doch auch gelungen, schön kurz und knapp und mit satteren Portionen Ironie und Sarkasmus als sonst. Der Charme an den beiden Platten für mich ist das Gefühl, dass die Songs nicht ewig ausgearbeitet wurden und im Studio nicht ewig geschustert wurde sondern alles sehr natürlich und im Moment rüberkommt. Die riesigen Momente bleiben daher halt auch aus, aber dennoch schöne Ergänzungen zur Diskografie wie ich finde. Nach dem ersten Durchlauf von "Warm" habe ich da einen recht ähnlichen Eindruck, was den Schaffensprozess angeht. gefällt. werde ich mich die Tage wohl öfter hören.
Kalle
2018-11-29 13:15:19 Uhr
Nach den letzten doch recht "schwierigen" Wilco-Alben eine wunderschön entspannte, aber nicht langweilige Solo-Platte.

Marvin

Postings: 23

Registriert seit 27.04.2018

2018-11-28 23:56:50 Uhr
Finde das jetzt selbst nicht groß konstruiert oder erzwungen, die Verweise in den jeweiligen Songs sind schon recht naheliegend. Wenn ich groß mit Wilco-Wissen angeben wollte, hätte ich sicher nicht nur so oberflächliche Verweise auf ihre bekanntesten Alben eingebaut ;-) Ich denke, dass sich der Hörer schon mehr unter "atmosphärische Geräusche, die nach YHF klingen" vorstellen kann als nur unter "atmosphärische Geräusche". Die Gitarren-Drones verbindet man bei Tweedy auch in erster Linie mit einem ganz bestimmten Album und das ist nun mal die Ghost.

Danke für das Lob, tho.
With the ghost of Sukierae together in a hotel in Chicago
2018-11-28 14:48:55 Uhr
Ich meine, dass bei jeglichem Tweedy/Wilco-Text irgendwelche Verweise auf "Yankee" und "Ghost" konstruiert werden (müssen). Geht ja auch nicht speziell gegen Dich oder Deinen Text - der ist ok, weil man doch einen guten Einblick erhält, wie die Platte klingt - aber mitunter hat man den Eindruck, als ginge es bei den Rezis darum, möglichst viele rot unterlegte Links zu setzen.
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