Kelly Moran - Ultraviolet

Kelly Moran- Ultraviolet

Warp / Rough Trade
VÖ: 02.11.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Keine Raketenwissenschaft

Als Künstlerin scheint Kelly Moran nur schwer fassbar zu sein. Ein kurzer Überblick: Der erklärte Black-Metal-, Trap- und Noise-Fan spielte einst Bass in der No-Wave-Band Cellular Chaos und arbeitete als Synthie- oder Percussion-Maestra mit diversen Avantgarde-Kollektiven, erlangte die bisher größte Anerkennung allerdings als Pianistin zwischen Neo-Klassik und Ambient, vor allem mit ihrem letzten Album "Bloodroot". Dabei nutzt sie ein präpariertes Klavier, eine von John Cage begründete Technik, bei der Holz-, Papier- oder Metallgegenstände an bestimmten Stellen an den Saiten eingesetzt werden und so den Tastenklang modulieren. Für Morans Kunstverständnis mutet das passend an – in der materiellen Manipulation von Instrumenten lässt sich Cages Einfluss schließlich bis zu Sonic Youth und Konsorten weiterführen. So ist auch "Ultraviolet", das dritte Solo-Werk der New Yorkerin, weit von Esoterik oder akademischer Steife entfernt, deutet seine minimalistischen Genre-Ansätze frei, expressionistisch, teilweise exzessiv um. Das umgebaute Piano trägt einen perkussiven, manchmal an fernöstliche Lauten oder Zithern erinnernden Charakter und erschafft, unterstützt von subtiler Elektronik, einen ganz eigenen Kosmos zwischen klassischer Komposition und Improvisation.

Wo "Bloodroot" noch größtenteils aus kurzen, klar strukturierten Stücken bestand, ergeht sich sein Nachfolger mehr in Offenheit und Epik. "Autowave", eher Intro als Opener, führt da noch auf eine falsche Fährte, deutet mit seiner Kombination aus meditativer Ruhe und bedrohlichem Unterton aber zumindest ästhetisch in die richtige Richtung. In "Helix" zirkuliert dann über fast neun Minuten eine großartige Klaviermelodie, die Moran immer wieder fein variiert, während sich im Hintergrund ein elektronisches Unwetter zusammenbraut. Je lauter es wird, desto mehr schaukeln sich auch die Tasten hoch, beide Ebenen kämpfen um akustische Hoheit und bilden damit das intensivste Klangerlebnis des Albums. Auf der synthetischen Seite erfuhr Moran im Übrigen Unterstützung durch Daniel Lopatin alias Oneothrix Point Never, dessen Einfluss vor allem in "Water music" klar herauszuhören ist. Auch hier gelingt die Spannungskurve: Die perkussiv modulierten Piano-Töne prasseln wie ein immer stärker werdender Regen nieder, bis nach fünf Minuten plötzlich Stille einsetzt und nur ein einzelner Drone im Raum schwebt, den ein paar fragile Synthies über die Ziellinie tragen.

Von Schreibblockaden geplagt verbrachte Moran im Vorfeld von "Ultraviolet" einen Tag in der freien Natur, setzte sich daraufhin direkt an den Flügel und erschuf aus den dort entstandenen Improvisationen ihr Album. Diese naturverbundene Unmittelbarkeit bildet auch die Musik wunderbar ab, alles klingt organisch und stellt sich weitaus weniger verkopft dar, als man bei den wissenschaftlich anmutenden Songtiteln denken könnte. Im zehnminütigen Herzstück "Nereid" mäandert das Klavier ungebunden wie ein fröhlicher Vogel, "In parallel" baut auf die emotional dringlichste Melodie der Platte, die schon nach kurzer Zeit unter die Haut geht. Doch die Idylle wird nicht mit letzter Konsequenz ausgemalt – Moran versteht sich immer noch als Avantgarde – und so sind die beiden Stücke auch von Atonalität und Dissonanz durchzogen. "Halogen" formuliert diese weiter aus, steigert sich in einen mittelgroßen Orkan aus wild durcheinanderwirbelnden Tastenklängen hinein. Kann man das schon "Noise-Klassik" nennen? Will man das überhaupt? So oder so, die eingangs aufgeworfene Erfassung von Kelly Moran als Künstlerin gestaltet sich spätestens jetzt doch einfacher als beim bloßen Blick auf ihre Vita vermutet. Man muss ihr einfach mal zuhören.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Helix
  • In parallel

Tracklist

  1. Autowave
  2. Helix
  3. Water music
  4. Nereid
  5. In parallel
  6. Halogen
  7. Radian

Gesamtspielzeit: 45:06 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2018-11-22 21:38:58 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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