Kaufmann Frust - Aus Wachs

Kaufmann Frust- Aus Wachs

My Favourite Chords / Broken Silence
VÖ: 19.10.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Nichts zu beschönigen

Es gibt Gründe, dass auch hierzulande die dunklen Gefilde des Post-Punks florieren wie lange nicht. Nachdem die Gesellschaft 2008 freudestrahlend ins Smartphone-Zeitalter gestartet war, der einstige AOL-Werbespruch "Ich bin drin!" samt dem ganzen Unternehmen schon damals so altbacken war wie die Erfindung des Staubsaugers, war der Jubel über neue Medien und all die praktischen Apps groß: das Telefon als praktischer Alltags-Helfer und Mittelpunkt des sozialen Lebens. Man saugte die neuen Technologien auf, über Schattenseiten wie Shitstorms, Datenmissbrauch oder den gläsernen User sprachen höchstens notorische Nörgler. 2018 jedoch wachen mehr und mehr Nutzer auf, die sich der verkrusteten Timeline-Blase, in die man zwangsläufig rutschte, wieder entledigen wollen. Die den mächtigen Algorithmen der Web-Riesen gegenüber übersättigt scheinen, sich ohnmächtig fühlen, und Social Media mit Fake-News und Troll-Armeen nicht erst seit der Trump-Wahl als große Gefahr für eine friedliche Zukunft ansehen.

Das Gefühl der individuellen Erschlagenheit, wenn auf dem Smartphone-Bildschirm in dicken Lettern bloß noch "TILT" aufblinkt, fängt das Kaufmann-Frust-Debüt "Aus Wachs" mit seiner beklemmenden Stimmung nicht nur im resigniert anmutenden "Schlag zu" ziemlich perfekt ein: Verse wie "Er hat gelernt, dass es die Schmerzen lindert / Wenn man sich nicht mehr bewegt" als Zeugnis aus einer Zeit, wo alles sofort und jederzeit zu haben ist, bloß mit einem Wisch übers Display – und in denen gleichzeitig viele Menschen nicht wissen, wohin mit sich selbst. Menschen, die sich abgehängt fühlen und "darauf warten, dass man wieder fühlt / Etwas echt erscheint", wie Kaufmann Frust in "Alle Fehler" konstatieren. Einem Stück, das anders als die anderen sich mit zunehmender Dramaturgie selbst entfesselnden Kompositionen, bereits mit drückenden Drums und einer lärmigen Wand aus flirrenden Gitarren loslegt, sich dann beruhigt, um zum Schluss in Von-Spar-Manier auf den Gräbern zu tanzen.

Der intrinsische Mix aus ruhigen, in sich versunkenen und lauten, soundgeschichteten Passagen indes ist typisch für "Aus Wachs", das Debüt der Stuttgarter, das Genrefreunde von Post-Rock bis Shoegaze und Post-Punk gleichermaßen glücklich machen dürfte. Die Texte des Albums stecken ihre Themen wie bei "Armee mit tausend Köpfen" zwar rein semantisch ab, unter der Oberfläche aber lässt der Vierer deutlich mehr Raum für die Verortung. Der Titelsong baut gleich zum Auftakt eine bedrohlich schöne und damit exemplarische Stimmung auf: Der Bass wummert bedächtig aber grimmig, die Gitarren heulen leise, aber bestimmt. Kaufmann Frust konfrontieren ihre Hörer mit der unangenehmen Frage, warum der Mensch hinter Masken agiert, sich vordergründig anzupassen versucht, dabei aber in seinem Kern eher ängstlich dem Vergangenen und Vertrauten nacheifert, statt optimistisch nach vorn zu schauen – und finden ein Muster, warum Hemmnisse und längst Überwundenes so oft zurück an die Oberfläche gespült werden. Zur bitteren Erkenntnis pflügen Schlagzeug und Gitarren am Ende dann kräftig Erde um.

Der leicht schiefe Schönklang in Moll gehört ebenso wie der Lärm zur spannenden Welt dieses von Die-Nerven-Produzent Ralv Milberg produzierten Albums, das immer wieder für Überraschungen sorgt – wenn etwa das entrückte "Fiebertraum" von sphärischem Ambient-Ebene zu Hardcore und Metal switcht. "Sprache kennt keine Grenzen nach unten", stellen Kaufmann Frust im verstörend-harmonischen "Todtenhund" treffend fest, und servieren dazu wie auch im neunminütigen Brocken "Geschlossene Augen" diese wunderbaren Bläser, die zu Tränen rühren. Aufgelöst lässt es sich dann hineintauchen in die stoischen und zugleich durch ein letztes Zucken immer wieder aufbrausenden 13 Minuten des Schlusstracks "Im Wasser", welche ganz im Sinne dieses "Aus Wachs" ein nachhaltiges Bild zeichnen, an dem es sehr wenig zu beschönigen gibt.

(Eric Meyer)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Aus Wachs
  • Todtenhund
  • Alle Fehler
  • Im Wasser

Tracklist

  1. Aus Wachs
  2. Todtenhund
  3. Fiebertraum
  4. Geschlossene Augen
  5. Armee mit tausend Köpfen
  6. Alle Fehler
  7. Schlag zu
  8. Im Wasser

Gesamtspielzeit: 52:45 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

MM13

Postings: 1516

Registriert seit 13.06.2013

2018-12-03 18:40:52 Uhr
ich meinte tatsächlich eherdie stimmung die das album verbreitet und denke das hört man halt nicht mal so kurz nebenher.

slowmo

Postings: 279

Registriert seit 15.06.2013

2018-12-03 10:30:04 Uhr
schon etwas schwerer stoff,dennoch ziehe ichs dem adw von lafote vor.

Die finde ich auch deutlich stärker. So schwer finde ich den Stoff gar nicht. Sei denn du meinst mit schwer = depri. Musikalisch ansonsten ganz netter und stimmiger Postpunk mit allerdings mir etwas zu wenig stilisitischer Individualität. Textlich und gesanglich berührt mich das meiste bisher gar nicht. Der Gesang zu gewollt düster, zu klar für das Kryptische, zu warm um kalt zu klingen, die Texte oftmals viel zu holprig und mit zu viel Phrasen unterwandert. Irgendwie fehlt auch die Message dahinter. Alles wirkt ein bisschen zu sehr gewollt und nicht gekonnt. Getreu dem Motto: "Lasst uns mal eine Platte aufnehnmen die irgendwie so klingen soll wie Joy Division oder die frühen The Cure, aber dann auf deutsch. Vllt. so ein bisschen wie Fehlfarben und EA8, aber auch etwas wie Die Nerven, Isolation Berlin und Love A, weil die gerade relativ gut ankommmen." Grundsätzlich mag ich diese Art von Musik, aber da gibt es zu viele Bands die das schon deutlich besser hinbekommen. Nach den ersten zwei Hördurchgängen eine 6/10. Was mir allerdings ganz gut gefällt, dass sind die beiden letzten Lieder.


Auch Tocotronic haben sich ihr letztes Album
durch die Texte selbst torpediert.


Finde das letzte Tocoalbum ist das Beste seit Kapitulation, aber das ist ein anderes Thema.

nörtz

Postings: 4836

Registriert seit 13.06.2013

2018-12-01 22:56:07 Uhr
Aber dieser prätentiöse Gesangsvortrag hält den Lyrics, die für mich wie 8. Klasse-Deutsch LK-Existentialismus klingen, nicht stand.

Muss ein Songtext, der sich mit diesem Thema beschäftigt, akademisches Niveau besitzen? Meinst du, das kann man in drei Minuten besser umsetzen?

Radiohead zum Beispiel; schreiben die gute Texte?

Hab mir Haverie mal angehört. Mit ein paar der Worthülsen kann ich schon was anfangen. Mir reichts eigentlich schon, wenn der Text frei interpretierbar ist.
BJK
2018-12-01 22:17:56 Uhr
nörtz: Gibts eigentlich Bands mit Texten, die auf Literaturwissenschaftsabschlussniveau liegen?

Nicht viele, aber das ist ja auch nicht der Punkt. Ekelhaft wird es halt nur, wenn man versucht ein Literaturwissenschaftsabschlussniveau vorzuspielen, aber eigentlich nichts zu sagen hat. Ist für mich kein großer Unterschied zu den ganzen Kalenderspruch-Texten eines Tim Bendzko oder Max Giesinger. Nur das hier halt möglich schlau klingende Worthülsen aneinandergereiht werden.

Spontanes Beispiel: "Haverie" von Karies.

Ganz genau
2018-12-01 21:27:56 Uhr
Seit wann ist Kollegah eine Band,du Pfeife?
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Threads im Plattentests.de-Forum