Anderson Paak - Oxnard

Anderson Paak- Oxnard

Aftermath / 12 Tone Music / Rykodisc / Warner
VÖ: 16.11.2018

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Das Ende eines Sommers

"I had the vision back in 12th grade / That I'd be killing shit with Doc Dre." Anderson Paak ist das personifizierte neoliberale Arbeits-Ethos, denn hier hat es ein junger Mann tatsächlich geschafft, seinen absurd scheinenden Teenie-Traum zu verwirklichen. Den kalifornischen Rapper, Sänger und Drummer hörte man in nicht weniger als sechs Songs auf Dres "Compton", was ihm die Türen bereits einen Spalt breit öffnete, die er mit "Malibu" schließlich selbst aufstieß. Da ist es nur konsequent, dass sich die Verhältnisse auf "Oxnard", dem letzten Teil der mit "Venice" und ebenjenem "Malibu" begründeten "Beach"-Trilogie, umkehren, die West-Coast-Legende hier als Produzent und in "Mansa Musa" selbst als Feature-Gast auftritt. Es ist ein für diese Platte bezeichnender Song, weswegen man ihn gut als Startpunkt wählen kann: Für Paaks Verhältnisse seltsam aggressiv und überdreht mit einem für dessen Verhältnisse leider nicht mehr seltsam steifen Dre-Part macht der Track zwar durchaus Spaß, sorgt aber auch für ein leichtes Stirnrunzeln.

Zu Beginn gibt es allerdings noch keine Anzeichen dafür, denn noch wirkt Paak ganz wie der alte Sonnyboy mit einer Vorliebe für Strandpartys und Retro-Soul-Ästhetik. So eröffnet "The chase" die Szenerie mit Flöten, organischer Percussion und einer großartigen Khadja Bonet am Mikro, es hätte auch gut als Soundtrack für einen in L.A. spielenden Siebziger-Krimi gepasst. "Headlow" ergeht sich mindestens genauso schamlos in der Geburtsphase von Soul und Funk, sein von Norelle unterstützter Refrain ist dazu einer der besten des Albums, während Paak standesgemäß von Oralverkehr in fahrenden Autos gockelt. "Tints" setzt sogar noch einen drauf, Kendrick Lamar entdeckt hier sein Groove-Gespür aus "To pimp a butterfly" wieder und performt mit seinem Westküsten-Kollegen die perfekte funkige Sommerhymne. Hands down – das ist Paaks bisher größter Hit. Erst "Who r u?" entledigt sich mit seinem knochentrockenen Beat jeder Wärme und deutet damit an, dass "Oxnard" mehr will, als bloß die alten Stärken seines Erschaffers wieder aufleben zu lassen.

Ambitionen sind an und für sich keineswegs etwas Schlechtes, doch die Mühe, mit der sich Paak hier musikalisch wie inhaltlich erweitern will, klingt leider zu deutlich an. Gerade das sperrige "6 summers" bietet bis auf einen eingängigen Basslauf keinen wirklichen Berührungspunkt, dazu offenbaren Lines wie "Trump's got a lovechild and I hope that bitch is buckwild / […] / I hope she kiss senoritas and black gals", dass der Kalifornier den politischen Protest lieber anderen überlassen sollte. Generell kommen Frauen auf der Platte, vor allem im sonst spaßigen "Sweet chick", nicht allzu gut weg, woraus man Paak allerdings auch keinen Strick drehen sollte – die dicke Hose gehört schließlich genauso zum HipHop wie das sexuelle Innuendo zum Funk, weswegen er sich höchstens vorwerfen lassen muss, nicht positiv aus den Konventionen seiner Genres herauszustechen. Schwieriger zu entschuldigen gestaltet sich allerdings die abschließende Reggae-Groteske "Left to right" mit ihrem völlig unnötigen Fake-Patois – im besten Fall dämlich und unlustig, im schlimmsten ein böswilliger Angriff auf die jamaikanische Sprachkultur.

Abgesehen vom starken Anfangsakt gibt es aber zum Glück noch ein paar weitere Highlights, die aufzeigen, wie "Oxnard" im Idealfall hätte klingen können. Im Pusha-T-Feature "Brother's keeper" geht der stilistische Ehrgeiz endlich voll auf, psychedelische Gitarren, Gospel-Einflüsse und ein unerwartetes Indie-Rock-Finale formen ein virtuoses, trotzdem immer nahbares Meisterstück. "Anywhere" strahlt unter Aufsicht des Doggfathers höchstpersönlich einen entspannten Oldschool-Vibe aus, während im nachdenklichen "Cheers" A-Tribe-Called-Quest-Legende Q-Tip den dringlichsten Part der Platte abliefert. Abseits der erwähnten Probleme sind es sonst nur Kleinigkeiten, die "Oxnard" etwas unrund machen – dass etwa "Saviers road" schon vorbei ist, bevor es richtig angefangen hat oder dass "Smile/Petty" und "Trippy" eine kleine Spur zu dösig daherkommen. Paak ist noch immer ein talentierter, eigenständiger Musiker mit toller Charakterstimme, ihm ist schlicht die unbeschwerte, zum sorgenfreien Strandurlaub passende Stimmung abhanden gekommen, die ihn sonst immer auszeichnete. Da erscheint es auch gar nicht so abwegig, wenn er am Ende des eingangs erwähnten "Mansa Musa" plötzlich "Everyday is christmas" konstatiert. Unglaublich, aber wahr: Anderson Paak hat kein Sommeralbum gemacht.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Headlow (feat. Norelle)
  • Tints (feat. Kendrick Lamar)
  • Brother's keeper (feat. Pusha T)
  • Cheers (feat. Q-Tip)

Tracklist

  1. The chase (feat. Khadja Bonet)
  2. Headlow (feat. Norelle)
  3. Tints (feat. Kendrick Lamar)
  4. Who r u?
  5. 6 summers
  6. Saviers road
  7. Smile/Petty
  8. Mansa Musa (feat Cocoa Sarai & Dr. Dre)
  9. Brother's keeper (feat. Pusha T)
  10. Anywhere (feat. The Last Artful, Dodgr & Snoop Dogg)
  11. Trippy (feat. J. Cole)
  12. Cheers (feat. Q-Tip)
  13. Sweet chick (feat. BJ The Chicago Kid)
  14. Left to right

Gesamtspielzeit: 56:27 min.

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Armin

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2018-11-22 21:40:33 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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