Hannes Wittmer - Das große Spektakel

Hannes Wittmer- Das große Spektakel

hanneswittmer.de
VÖ: 06.11.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Klar Schiff

Hannes Wittmer war Spaceman Spiff. Spaceman Spiff ist jetzt Hannes Wittmer. Die Space-Haube abgelegt, der Künstlername verschwunden, der Künstler hingegen ist sichtbar. Und das deutlicher denn je. Nicht immer sind es Selbstzweifel, die im Leben eines Songwriters einen Umbruch herbeiführen. Treibende Kraft für den Schritt Wittmers, der weit mehr darstellt als die bloße Namensänderung, ist nicht das Kritisieren festgefahrener Strukturen und Abläufe in der hiesigen Musiklandschaft – es ist das konsequente Aufkündigen ebenjener. Aus Gründen, die über das Musikgeschäft hinausreichen. Hannes Wittmer hat abseits (und nun gleichsam auch mit) seiner Musik einen ungewissen Weg entgegen der üblichen kapitalistischen Gesetze für Musiker eingeschlagen, der nun zunächst in eine zentrale Fragen mündet: Habe ich als Musiker auch abseits der Unterhaltungs-Industrie, ohne Amazon, Apple, Spotify, Sony, Media Markt und ohne deren Vertriebswege, eine echte Chance?

Nach einigem Grübeln sah Wittmer keine andere Möglichkeit. Der Schritt fühle sich zwar befremdlich an, aber auch viel befreiender, als sich "nur über das Bestehende zu beschweren oder eine konsumkritische Platte aufzunehmen, die man sich dann bei Media Markt kaufen kann", so das vielbeachtete Statement des Songschreibers im Juni 2018. "Das große Spektakel" heißt sein neues Album, doch zumindest finanziell dürfte es ein solches kaum werden – nicht für Wittmer, aber auch nicht für Media Markt und Amazon, nicht für irgendein Label oder Spotify, denn dort gibt es die Platte weder zu kaufen noch zu hören. Denn diese kostet nichts. "Jeder ist ein Teil von allem, was ihn ruiniert", stellt der Würzburger im nachdenklichen Opener "Fragen" wie zumeist äußerst treffend fest, und hat dabei keine fatalistisch-humoristische Anspielung auf den neuen Vertriebsweg im Sinn. Vielmehr umgarnt das Stück den Hörer, zieht in die Erzählungen des Künstlers hinein und stellt die Ohren auf Lauschen.

Und doch passt die DIY-Revolution des "kleinen Hannes" in Zeiten, in denen selbst Politik und Gesetze den Krallen des Kapitalismus hilflos gegenüberstehen, wunderbar zur Musik, weil Antagonismen immer schon sprachliches Mittel von Wittmers Songs waren: "Ein Holzweg in Beton gegossen / Führt uns überall hin / Aber wer will überall sein?" Diese Zeilen aus "Affen" über das ständige Streben nach mehr, über zu viele Möglichkeiten und das unumstößliche Regiment des Geldes und des Materiellen als hülsenartiges, inhaltsleeres Mantra unserer Zeit, ist eines der zentralen Themen des Albums. Wie schon beim ebenso tollen "Endlich Nichts" hat sich Wittmer das Talent bewahrt, das gesellschaftlich Große und Ganze aus dem persönlichen Blickwinkel einzufangen. Wenn er etwa in "Rom" zu hüpfender Percussion und unruhigen Synthies anerkannte Wege und waghalsige Umwege zum Erwachsenwerden einfängt und die spießige Norm nicht nur mit dem Bild des Carports für die Familienkutsche verschmitzt abtut: "Wer jetzt nicht da ist, wo er alt werden kann / Wird niemals wieder ernst genommen / Über dankbare Umwege geschlendert / Bist Du gerade so davon gekommen."

Der kleine Bruder im Geiste von Gisbert zu Knyphausens "Wer kann sich schon entscheiden?" ist "Norden", das mit den Versen "Meine elende Freiheit ist zu groß für uns beide / Komm wir binden sie fest, auf dass ich noch bleibe" den Spagat zwischen heimeliger Treue und Freiheitsdrang versucht, bevor Wittmer zum Ende hin ungeahnt romantisch wird: "Raub mir den Atem / Bis ich vergesse wie Luft schmeckt, bleib' ich bei Dir." In "140cm" richtet sich der Blick weiter nach vorn. Nicht komplett negierend, aber zweifelnd sinniert Wittmer über Ehe und ewiges Zusammenleben, und trommelt "all die geschiedenen Eltern" zum Chor der gutgemeinten Ratschläge zusammen. Nein, auch wenn mit dem tiefnachdenklichen "Schatten" ein weiteres schüchtern-introvertiertes Stück über die Einsamkeit inmitten all der Hektik zum Innehalten anstiftet, bewahrt sich "Das große Spektakel" auch das Schelmige, das Bittersüße, das beinahe Positive. Bestes Beispiel ist der kleine Hit "Nachts", der mit Schalk im Nacken das Schlagzeug mal Schlagzeug sein lässt und sich gleich mehrmals zu feschen Indie-Gitarren auf der Tanzfläche windet.

Da bei allem Ernst des Lebens auch mal das Prosten und Tanzen zelebriert werden muss, wacht man tagsdrauf mit einem handfesten Schädel auf, richtet die verpeilten Augen und Out-of-bed-Frisur, und stimmt leise mit Wittmer ein, der mit der Hymne "Satelliten" einmal mehr zeigt, dass er längst zu den besten Songschreibern des Landes gehört. "Ich wär gern fluchend hergekommen / Aber sie haben mir die Wut genommen / Was soll ich noch mitteilen, wenn alles gesagt ist?", scheint auch der Würzburger zu oft in der alltäglichen Gleichgültigkeit unseres Daseins aufzuwachen. Da er jedoch die Segel auf Klar Schiff ausgerichtet hat und gerade erst aufgebrochen ist, sind wir sicher, dass ihm auf dem neuen Weg genügend Berichtenswertes begegnen wird. Gute Reise, und bis zum nächsten Mal!

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Fragen
  • Rom
  • Nachts
  • Satelliten

Tracklist

  1. Fragen
  2. Rom
  3. 140cm
  4. Norden
  5. Sollbruchstellen
  6. Affen
  7. Nachts
  8. Schatten
  9. Satelliten
  10. Volkslied

Gesamtspielzeit: 38:05 min.

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Autotomate

Postings: 911

Registriert seit 25.10.2014

2018-11-22 09:01:45 Uhr
Durch die ganze Herangehensweise mit verschenkten Alben und Zahlsovielduwillstkonzerten schwingt schon was vom guten alten Punkspirit mit, sehr sympathisch. Die Songs und die Texte sind auch nett gemacht, allerdings kann ich wirklich nicht behaupten, dass ich sie besonders mag. Dafür sind sie einfach viel zu lieb und beschaulich.

Tobson

Postings: 1062

Registriert seit 11.06.2013

2018-11-20 17:04:21 Uhr
Schönes Ding. Meine Favoriten zur Zeit sind "Fragen" und die Songs Nr. 6 bis 10. :-D
de knättler
2018-11-17 18:33:30 Uhr
so ä seich kann man 10jährigen empfehlen aber kein richtiger musikfreak hört sich so ein quatsch an.

Beerhunter

Postings: 28

Registriert seit 14.10.2013

2018-11-17 10:06:59 Uhr
Ihr immer mit euren muffigen Jammerlappen. Singen kann der Mann und es klingt alles rund und nett, aber sowas hört man doch am besten um fünf zum Abendessen, allein und ängstlich.
Flimmern
2018-11-16 13:20:00 Uhr
Verdientes Album der Woche!
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