Moonface - This one's for the dancer & this one's for the dancer's bouquet

Moonface- This one's for the dancer & this one's for the dancer's bouquet

Jagjaguwar / Cargo
VÖ: 02.11.2018

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Der Mythos der Müdigkeit

Der Mond ist ausgegangen: Spencer Krug, Co-Frontmann der seit einiger Zeit wieder aktiven Wolf Parade, gibt sein zweites Standbein Moonface auf. Weil der Kanadier sich nicht mehr hinter einem Quasi-Pseudonym verstecken will. Weil ein DJ-Act, wie er via Google herausfand, genauso heißt und ältere Rechte geltend machen könnte. Weil er fürchtete, Cushing-Syndrom-Patienten könnten den Begriff wegen der gleichnamigen Gesichtsschwellung, die im Zuge dieser Krankheit auftritt, als respektlos verstehen. Und weil seit Trump sowieso alles anders ist. Klingt nicht ganz überzeugend, was aber auch keine Rolle spielt. Denn was hätte Krug nach je zwei EPs, Alben und Kollaborationen mit den Finnen Siinai sowie einem reinen Piano-Ausflug noch auf die Beine stellen sollen? Kosmische Elektronik, Indie-Krautrock, Suicide trifft Kraftwerk in der Tiefsee, Klavierelegien für Liebeskranke – all das war und ist Moonface. Der Hörer hätte also mehr davon, wenn statt Gründen für das Aus des Projekts lieber auch die letzte Moonface-Platte überzeugend klingt.

Oder vielmehr: die letzten beiden Platten. "This one's for the dancer & this one's for the dancer's bouquet" ist nämlich nicht bloß ein Doppelalbum, sondern ein verschlungenes Mit- und Durcheinander zweier verschiedener, seit längerer Zeit in der Mache befindlicher Werke. In der einen Ecke: entspannt bis vorwitzig klöppelnde, minimalsynthetische Bröckchen mit Vocoder-Stimme, welche die erste EP "Marimba and shit-drums" ins Gedächtnis rufen. In der anderen: weit ausholende Song-Epen, die nicht nur sämtliche Phasen von Moonface beleihen – auch der schwurbelige Art-Rock von Sunset Rubdowns "Random spirit lover" und die von Kollege Holtmann geprägte Kategorie der softpornösen Fahrstuhlmusik müssen mit ins Labyrinth. Und zwar in jenes, das der griechische König Minos für den Minotauros errichten ließ, ehe Theseus das mythische Ungeheuer tötete und dank Adriadnefaden den Ausweg aus dem monströsen Bau fand. Ein roter – aha – Faden wäre also identifiziert. Bitter nötig bei über 80 Minuten Laufzeit.

Krug dazu: "Ich verlange von niemandem, das Ding am Stück durchzuhören." Dabei ist es nicht einmal die Länge, die den Moonface-Letztling zu einer recht anstrengenden Angelegenheit macht – sondern die häufig disparate Verquickung von perkussiven Wurmfortsätzen mit Bläser-getränkten, zuweilen improvisiert wirkenden Gebilden aus Yacht-Rock und verquerer Psychedelia. Zur Orientierung: Immer, wenn "Minotaur" seinem Vater, seiner Mutter, seinem Killer oder gar seinem Herrgott verzeiht, haben dengelnde Marimbas und analoge Dampfmaschinen das Sagen, was bei allem spröden Charme schnell ermüdend wirkt. Da wünscht sich selbst Poseidon eine "Return to the violence of the ocean floor", wie sie "Organ music not vibraphone like I'd hoped" eröffnete. Das hektische Uptempo-Getröte von "The cave" bringt die Veranstaltung immerhin in Schwung, bevor das Stück in Improvisation zerfällt – was Architecture In Helsinkis "Do the whirlwind" einst aber genauso wenig Abbruch tat. Geht doch. Jedoch nicht allzu lange wirklich gut.

Es ehrt Krug, seine Vision so konsequent durchzupauken, dass sich sogar renommierte Jazzer wie Saxofonistin Matana Roberts oder Drummer Ches Smith im Studio einfanden. Wenn jedoch "Aidan's ear", der zäh wälzende "Dreamsong" oder das unbeholfen synkopierte "Hater" lediglich in die Belanglosigkeit führen, dämmert dem Hörer, dass Krug bei Depeche-Mode-artigen Speckigkeiten wie "I'm not the phoenix yet" von "Heartbreaking bravery" irgendwie besser aufgehoben war. Was bleibt hier also vom Projekt eines experimentierfreudigen Musikers, dem ruhig auch mal das eine oder andere misslingen darf? Etwa der mächtige Groover "Sad Suomenlinna" als Gegenstück zu Sunset Rubdowns "The taming of the hands that came back to life" und das spannungsgeladene "Walk the circle in the other direction", das sich wiederholt von Speed-Eruptionen aufbrechen lässt. "Okay to do this"? Zweifellos. Fertig ist das Mondgesicht? Stimmt auch – leider bleibt zum Schluss ein fader Beigeschmack. Mythos oder nicht.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • The cave
  • Minotaur forgiving Knossos
  • Sad Suomenlinna
  • Walk the circle in the other direction

Tracklist

  1. Minotaur forgiving Pasiphae
  2. The cave
  3. Minotaur forgiving Knossos
  4. Heartbreaking bravery II
  5. Last night
  6. Minotaur forgiving Minos
  7. Aidan's ear
  8. Minotaur forgiving Theseus
  9. Sad Suomenlinna
  10. Minotaur forgiving Daedalus
  11. Okay to do this
  12. Dreamsong
  13. Hater
  14. Minotaur forgiving the white bull
  15. Walk the circle in the other direction
  16. Minotaur forgiving Poseidon

Gesamtspielzeit: 83:24 min.

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kapomuk

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Registriert seit 25.08.2014

2018-11-20 00:35:10 Uhr
Un-orientiert wabernde Synthie-Orgie

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Armin

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2018-11-15 21:12:57 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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