Herbert Grönemeyer - Tumult

Herbert Grönemeyer- Tumult

Vertigo / Universal
VÖ: 09.11.2018

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Herbert unser

Warum Grönemeyer? Die Antwort auf diese Frage gibt Aufschluss über die Befindlichkeit derer, die man gemeinhin die Deutschen nennt. Andere küren Stimm- und Körperakrobaten zu ihren Nationalidolen, die Deutschen wählen einen Mann, der aussieht, als wäre er in einem anderen Leben Buchhalter bei der Allianz. Singen kann er, nur eben in Knödelform. Bewegen kann er sich auch, wobei bis heute nicht eindeutig geklärt ist, wie. Eines steht fest: Herbert Grönemeyer genießt spätestens seit "Mensch" den Status des größten gemeinsamen Nenners. Dabei wird oft unter den Tisch gekehrt, welch talentierter Texter der Mann aus dem Westen der Republik ist. Songs wie "Der Weg" oder "Musik nur, wenn sie laut ist" stehen sinnbildlich für das besondere Sprachgeschick Grönemeyers. Allerdings stellte das bereits erwähnte "Mensch" auch einen Wendepunkt in seiner Karriere dar: Ging es bis dahin stets voran, blieb danach wenig anders. Sein neues Album "Tumult" vermag diesen Trend nicht zu durchbrechen.

Stattdessen ist es eine gediegene Fortsetzung dessen, was bereits auf "Schiffsverkehr" und "Dauernd jetzt" stattfand. Typische Balladen wechseln sich mit Uptempo-Nummern ab, über allem thront stets das unverwechselbare Organ des Sängers. In Sachen Sound wagt der ehemalige Exil-Londoner ebenfalls wenig Neues. Klavier, Synthies und reduzierte Rhythmen bilden die Grundlage seiner Kompositionen, weshalb ein Song wie die zweite Single "Doppelherz / Iki Gönlüm" aufhorchen lässt. Da singt er tatsächlich auf Türkisch, was dem Thema des Songs geschuldet ist – geht es doch um die doppelte Staatsbürgerschaft. Wer dem Künstler hier moralinsaures Gewäsch vorwirft, vergisst, dass Grönemeyer schon immer eine Neigung zum erhobenen Zeigefinger hatte. Dieser Eindruck wird vor allem durch die Texte verstärkt, welche nur selten die Dinge beim Namen nennen, sondern sich metaphorisch annähern. Was in "Doppelherz / Iki Gönlüm" noch durchaus charmant gelingt, fordert in "Bist Du da" einige Toleranz für gewichtige Worte. "Wenn wir verrohen / Weil alte Geister kreisen / Bist Du da?", fragt der Bochumer Säulenheilige. Recht hat er natürlich, aber ein bisschen weniger Pathos hätte hier nicht geschadet.

Doch neben dem Prediger gab es schon immer auch den Privatmann. Den Mann, der liebt und leidet, und diese Gefühle eindringlich in Verse verpackt. "Sekundenglück" ist so ein unverkennbares Grönemeyer-Kleinod, das haarscharf am Spruchkalender vorbeinavigiert und sicherlich vielen Menschen Trost und Zuversicht spenden wird. Was Herbert bei den Zeilen "Es hat genau die richtige Kühle / Aus einem Guss, so bewundernswert" geritten hat, bleibt aber sein Geheimnis. Die Publicity-Abteilungen deutscher Großbrauereien wedeln sicher schon mit dem Scheckbuch. Besonders stark ist "Tumult" immer dann, wenn der Blick sich nach innen richtet. "Warum" erinnert zwar melodisch an andere Seelenstreichler Grönemeyers, vermittelt aber den Eindruck, einem Menschen beim Erkunden der eigenen Gefühlswelt beiwohnen zu dürfen. Der Kniff dabei: Nichts ist peinlich oder kitschig. Dafür gebührt ihm Dank.

Weniger gelungen sind hüftsteife Songs wie "Leichtsinn und Liebe" und "Taufrisch". Besonders die blassen Synthie-Sounds rauben den Tracks jeglichen Druck. Da helfen auch die an den "Mambo" angelehnten Bläsersätze in "Taufrisch" nichts. So stellen sich spätestens nach der Hälfte des Albums Ermüdungserscheinungen ein. Einzig das wunderbare "Wartezimmer der Welt" vermag, aus der Lethargie zu reißen – und das, obwohl es der mit Abstand langsamste Song des Albums ist. Doch die Art und Weise, wie Grönemeyer mit dem Bild des Wartezimmers gleichzeitig einen politischen und philosophischen Kommentar zum Leben abgibt, beeindruckt: "Die Stille, sie spannt eine Art Absperrband / Zwischen allen hier drinnen und einem selbst", verkündet er zu todtraurigen Klavierakkorden. Das ist groß und gibt vielleicht einen Vorgeschmack auf das, was noch kommt. Das Prinzip Hoffnung, ein Leuchtstreifen aus der Nacht.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • Sekundenglück
  • Warum
  • Wartezimmer der Welt

Tracklist

  1. Sekundenglück
  2. Taufrisch
  3. Mein Lebensstrahlen
  4. Doppelherz / Iki Gönlüm
  5. Bist Du da
  6. Fall der Fälle
  7. Warum
  8. Leichtsinn und Liebe
  9. Der Held
  10. Verwandt
  11. Wartezimmer der Welt
  12. Und immer
  13. Lebe mit mir los

Gesamtspielzeit: 49:21 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Herbert Grönemeyer feat. Radiohead
2018-11-17 23:11:55 Uhr
Die einsame Bierflasche an der Bar (is flying like a Seagull into the Breeze of the Stars)
Knappe
2018-11-17 23:08:16 Uhr
Diese grausliche Farbwahl beim Cover stört mich.

Mister X

Postings: 2289

Registriert seit 30.10.2013

2018-11-17 15:39:11 Uhr
Meinung ? In Rente gehen Herbert !
Reinhörer
2018-11-17 11:20:39 Uhr
Unverkennbar Grönemeyer - wer diese Musik mag, wird auch die neue Platte mögen.
Bert
2018-11-17 09:30:09 Uhr
Dieses Doppelherz...da kann man auch gleich Tarkan hören. Aber mit Alben wie Bochum und Bleibt alles anders und dem noch mehr Gänsehaut-Erzeuger "Der Weg"..
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