Lonnie Holley - MITH

Lonnie Holley- MITH

Jagjaguwar / Cargo
VÖ: 21.09.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Der Albtraumtänzer

Würde man es nicht besser wissen, man könnte Lonnie Holley für das Abziehbild eines exzentrischen Outsider-Künstlers halten: ein 15-facher Vater, Experimental-Musiker und mit Müll und anderen auf der Straße gefundenen Objekten arbeitender Plastiker, goutiert von großen amerikanischen Kunsthäusern gleichermaßen wie von Indie-Avantgardist*innen à la Julia Holter. Doch hinter seiner Lebensgeschichte steckt mehr als nur bohèmische Abgrenzung. Holley wurde nach eigener Aussage mit vier gegen eine Flasche Whisky eingetauscht, er verbrachte Zeit im Gefängnis, überlebte nur knapp einen Autounfall und meißelte als erstes Kunstprojekt die Grabsteine für die bei einem Brand ums Leben gekommenen Kinder seiner Schwester. So ist sein erst drittes Album "MITH", so radikal dieser knapp 80-minütige Brocken auch daherkommt, weniger strukturverachtende Provokation und mehr offene Projektionsfläche für eine mehr als 60 Jahre andauernde Leidensgeschichte geprägt von Diskriminierung, Armut und Tod.

"Here I stand accused / My life has been so misused / Through blood, sweat and tears / I'm a suspect in America." "MITH" nimmt direkt vom ersten Song an auf einem der freien Stühle neben Gil Scott-Heron Platz, versteht sich aber mehr als Bewusstseinsstrom denn als griffiges politisches Manifest. In "I'm a suspect" treiben fragile Synthies und kaum wahrnehmbare Posaunen umher, im Zentrum schwebt Holleys vervielfachte, sich selbst überlappende Stimme, die zwischen souliger Wärme und ursprünglichen Kehlkopflauten changiert, bis sie am Ende ins kosmische Nichts driftet. In "Back for me" materialisiert sie sich wieder in einer Jazz-Bar in New Orleans, braucht nicht mehr als ein Piano und ganz dezente Flöten als Begleitung, um über sieben Minuten ihr Spannungslevel zu halten. Es ist ein beeindruckend intimer und zugänglicher Start ins Album, doch sollte man sich davon nicht in falsche Sicherheit wiegen lassen. Wenn im luftigen "How far is spaced out?" zum ersten Mal Drums erklingen, kündigen sie bloß als erste, kleine Regentropfen das sehr bald aufziehende Unwetter an.

"I snuck off the slave ship, just to sneak on another." Über nicht weniger als 17 Minuten weint, schreit und singt Holley hier von Blut und gepeinigten Körpern, er spannt ein Jahrhunderte übergreifendes Narrativ über Sklaverei bis zu moderner, industrieller Ausbeutung. Das Arrangement aus Klavier, Schlagzeug und unheilvollen Basstönen scheint nur aufs erste Ohr freizudrehen, in Wahrheit kontrolliert es der 68-Jährige sorgfältig, lässt Mensch und Musik im Einklang aufbrausen und sich wieder beruhigen. "I woke up in a fucked up America" führt diese Verbindung noch weiter aus: Seit der Trump-Wahl gab es eine nicht zu fassende Anzahl von Songs, die den gespaltenen Zustand der Staaten zum Thema hatten, doch nie gelang eine akustische Abbildung dessen so unmittelbar in der Form verhaftet wie hier. Da rückt jeder Inhalt komplett in den Hintergrund, dieser tosende Sturm aus dissonanten Bläsern, völlig chaotischer Percussion und wilder Elektronik erzeugt ein solches Unwohlsein, wie es Worte ohnehin nicht erfassen könnten. "Let me out of this dream", fordert Holley am Ende wiederholt, doch noch bleibt er mittendrin.

"Copying the rock" denkt nämlich noch nicht im Entferntesten ans Loslassen, zitternde Keyboards bilden das Fundament, über das der leider verstorbene Richard Swift das virtuoseste Schlagzeugspiel des Albums aufziehen darf. Erst "Coming back (from the distance between the spaces of time)" bietet Erlösung, auch wenn in diesem Ambient-nahen Stück noch ein leises Gefühl von Unruhe mitschwingt. Dennoch präsentiert sich der Schlussakt von "MITH" wieder merklich leichter, beginnend beim angenehmen Jazz-Flow von "There was always water" und gipfelnd im finalen "Sometimes I wanna dance", das fast wie aus einem anderen Album gerissen klingt. Es ist ein einziger, purer Freudentaumel, das Piano hüpft beschwingt, und Holley animiert alle zum gemeinsamen Abschütteln aller Sorgen und Ängste: "We can even dance by a beach, by a mountain side / We can even dance by the river because I know that you wanna dance / Every boy, every girl, woman dance, oh, let the body groove." Nachdem er über 70 Minuten lang seine emotionalen Narben wieder aufgerissen und die Geschichte eines aus den Angeln gehobenen Landes durchlebt hat, steht Lonnie Holley auf und tanzt. Nichts sei ihm mehr vergönnt.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • I'm a suspect
  • Back for me
  • I woke up in a fucked up America
  • Sometimes I wanna dance

Tracklist

  1. I'm a suspect
  2. Back for me
  3. How far is spaced out?
  4. I snuck off the slave ship
  5. I woke up in a fucked up America
  6. Copying the rock
  7. Coming back (from the distance between the spaces of time)
  8. There was always water
  9. Down in the ghostness of darkness
  10. Sometimes I wanna dance

Gesamtspielzeit: 77:03 min.

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captain kidd

Postings: 1643

Registriert seit 13.06.2013

2018-11-16 00:08:23 Uhr
Doch, gutes Album. Nicht so sehr die Musik als solche besticht, es ist vor allem die Intensität des gesamten Vortrags.

Armin

Postings: 13639

Registriert seit 08.01.2012

2018-11-15 21:11:02 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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