Sun Kil Moon - This is my dinner

Sun Kil Moon- This is my dinner

Caldo Verde / H'Art
VÖ: 16.11.2018

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Scandinavian weather

Jetzt heißt schon ein ganzes Sun-Kil-Moon-Album "This is my dinner". Waren die Alben ab "Among the leaves" doch bereits berüchtigt für Mark Kozeleks minutiöse Detailbeschreibungen kulinarischer Gewohnheiten und Erlebnisse. Nun also knapp neunzig Minuten über die Zusammenstellung des Abendessens? Zum Glück nicht. Der Hintergrund des Albumnamens ist sogar sehr rührend im Titeltrack erläutert: Eine schwedische Promoterin äußert genau diesen Satz mit Hinweis auf einen Snickers-Riegel in ihrer Hand, mehr könne sie sich von ihrem dürftigen Gehalt nicht leisten. Auch die übrigen Songs sind textlich größtenteils geprägt von der Tour quer durch Skandinavien Ende 2017, aufgenommen in kurzen Sessions danach. Kozelek bleibt auch hier seinem Tagebuch-Stil treu, mäandert durch tagtägliche Erlebnisse, Gedanken, von A nach B mit Umwegen über E und Q. Dennoch ist "This is my dinner" den Vorgängern einen ganzen Schritt voraus.

Das Problem von "Universal themes" und vor allem "Common as light and love are red valleys of blood" waren die abrupten Stil- und Tempowechsel, die jegliche Anflüge von Konsistenz und Stimmung zunichte machten. Kozeleks selbstbetiteltes Soloalbum hingegen langweilte zum Großteil mit endlosen, ewiggleichen Nudeleien. "This is my dinner" umschifft diese Fehler weiträumig, indem das Album den Songs innerhalb eines abgesteckten Motivs Raum zum Entfalten gibt und sich in karthatischen Momenten teils sogar entlädt. So in etwa im lärmigen Schluss von "Linda Blair", der wenig vorhersehbar erscheint, sich aber natürlich aus dem Stück entwickelt. Die 13 Minuten von "Candles" bauen auf einem Klaviermotiv auf, das zwar eins zu eins von Sigur Rós' "Samskeyti" übernommen wurde, die Hypnose-Wirkung gibt der Band jedoch Recht. Es hilft zusätzlich, dass der hier vorherrschende, vollmundige Lounge-Jazz-Stil weitaus besser zu Kozeleks Vortrag passt und für viel mehr Variation sorgt als die rhythmusgetriebenen, trockenen Gerippe von "Common as light and love are red valleys of blood".

Nirgendwo überträgt sich die Spiellaune der Band besser als im Opener "This is not possible". Geprägt von der Servicewüste in Frankfurt, wo die Band immer wieder jenen Satz zu hören bekam, entstand dieser grandiose, unterhaltsame Bar-Blues-Schunkler, bei dem die Backingband immer wieder im Chor "This is not possible" – oder im Umkehrschluss gemäß des Kontrasts im Hotel Schloss Rettershof alternativ "Yes, this is possible" – skandieren darf. Das macht ihnen hörbar Spaß. "Linda Blair" erträumt derweil die schönsten Piano-Melodien, während Kozelek zwischendurch die Schweratmigkeit eine Passagierin im Flugzeug mit dem Röcheln der besessenen 12-jährigen Regan aus "Der Exorzist" vergleicht. Stilecht mit akustischer Nachbildung von ebendiesem. Nachdem zu Beginn der Platte sich noch die überlangen Songs drängen, kommt Hälfte zwei öfter auf den Punkt. Dem beschwingt hüpfenden Nachruf auf den Schauspieler David Cassidy folgt ein einminütiges Cover von "Come on get happy", Titelsong der Serie "The Partridge family", die Cassidy bekannt machte.

Kozelek dehnt anschließend in seiner mittlerweile vierten Coverversion von AC/DCs "Rock 'n' Roll singer" seine Stimmbänder so ins Ungewisse, dass man sich nicht sicher ist, ob es Hommage, Parodie oder beides ist. Was ja vor allem eigentlich auf die Vorgängeralben zutraf. Für "This is my dinner" können die "Trolling"-Plakate aber wieder eingemottet werden. Selbst wenn am Ende "Soap for joyful hands" den neugefundenen Stil wieder für etwas Trostlosigkeit eintauscht und "Chapter 87 of He" – das tatsächlich eine Lesung eines Kapitels der Stan-Laurel-Biografie "He" von John Conolly ist – eine verstörende Freakout-Session mitten in den Song klatscht. Sowie auch hier und da diese eineinhalb Stunden nicht ganz ohne Längen vorüberziehen. Doch "This is my dinner" zeigt auch dank seiner musikalischen Versiertheit und der häufigeren Abwechslung in die richtige Richtung. "I find poetry in the day-to-day / I find poetry in the endless, pointless, most boring and uneventful days" stellt Kozelek fest. Das stimmt wohl. Kann das noch Spaß machen? "Yes, this is possible."

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • This is not possible
  • This is my dinner
  • Linda Blair

Tracklist

  • CD 1
    1. This is not possible
    2. This is my dinner
    3. Linda Blair
    4. Copenhagen
    5. Candles
  • CD 2
    1. David Cassidy
    2. Come on get happy
    3. Rock 'n' Roll singer
    4. Soap for joyful hands
    5. Chapter 87 of He

Gesamtspielzeit: 89:40 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
@(A.)chim
2018-11-14 16:14:51 Uhr
der gute Achim hatte wohl eher keinen bock mehr auf nörtz und Major.
(A.)chim
2018-11-14 13:26:30 Uhr
Endlich wieder ein Album meines Idols. Jede seiner Platten ist ein lyrisches und musikalisches Meisterwerk. Leider musste ich aufgrund der schlechten Rezensionen zu seinen letzten Großtaten diese Seite verlassen.
SJW
2018-11-14 10:44:06 Uhr
Mark Kozelek ist bei uns unten durch.
Whoa
2018-11-14 10:41:19 Uhr
https://pitchfork.com/reviews/albums/sun-kil-moon-this-is-my-dinner/

2.8.
Yes, this is possible.

principe

Postings: 2

Registriert seit 13.11.2018

2018-11-13 22:13:19 Uhr
Laut Flight13 bislang nichts nirgends gelistet.
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