The Prodigy - No tourists

The Prodigy- No tourists

BMG / Warner
VÖ: 02.11.2018

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Die ewige Wiederkunft

Ein findiger User schrieb im Plattentests-Forum zum neuen Album von The Prodigy: "Es ist primitiv, aber manchmal erwische ich mich doch dabei, das irgendwie geil zu finden." Eigentlich könnte hier die Rezension enden, denn präziser wird's nicht. Seit bald 30 Jahren produziert Liam Howlett Musik, die knallt und schiebt, aber meist den Anspruch eines Lidl-Prospekts nicht übersteigt. Da es darüber hinaus keine psychedelischen Longtracks à la "Break and enter" oder "Narayan" mehr zu bewundern gibt, bleibt das übrig, was übrigbleiben muss: Funktionsmusik. Neue Sounds finden sich auf "No tourists", dem siebten Album der Engländer, kaum. Dafür klingt alles noch fetter, noch bombastischer als auf dem ohnehin schon bis zur Schmerzgrenze ballernden "The day is my enemy".

Während dort aber einige clevere melodische Einfälle über die strukturelle Einfältigkeit hinwegtäuschen konnten, gehört "No tourists" zu den uninspirierteren Werken aus der Feder Howletts. Treue Fans werden die den Neunzigern entnommenen Loops und Breaks goutieren, während der Rest der Welt Besseres zu tun hat. Denn ganz ehrlich: Bei The Prodigy handelt es sich mittlerweile um eine Band, die vor allem für die eigene Fanbase musiziert. Nibelungentreu pilgert diese zu den Konzerten, weiß sie doch genau, was sie bekommt. Willkommen auf dem Weg, den dereinst Lemmy freigeräumt hat. Dass Howlett noch immer ein Händchen für Riffs hat, die eine Menge zum Toben bringen, zeigt "We live forever", welches ähnlich forsch zur Sache geht wie seinerzeit "Breathe".

Was hier formidabel funktioniert, gerät auf Albumlänge zur Geduldsprobe. Tracks wie das penetrante "Fight fire with fire" oder das erschreckend monotone "Resonate" wirken, als wären sie gerade aus der Mülltonne gefischt worden. Die Detailversessenheit, mit der Howlett dereinst Sounds zerlegt und neu zusammengefügt hat, flackert leider viel zu selten auf. Ein Faible für käsige Lead-Synthies hatte er zwar schon immer, darunter rangen aber meist clever verzahnte Sample-Spielereien um die Aufmerksamkeit des Hörers. Derlei verspielte Elemente fehlen auf "No tourists" an allen Ecken und Enden. "Light up the sky" feuert beispielsweise aus allen Rohren, aber hat sein Pulver nach dem ersten Durchgang schon verschossen.

Wirklich schade ist, dass diesmal Keith Flint und Maxim nur Nebenrollen spielen. Hier und da darf Flint mal ein paar Zeilen keifen, während Maxim fast schon zum Statisten degradiert wird. Zum Gesamtkonzept des Albums mag dies zwar passen, da ganz klar der Rhythmus im Vordergrund steht; das Gefühl, dass etwas Entscheidendes fehlt, kommt trotzdem auf. Irgendwie geil sind Abrissbirnen wie "Give me a signal" selbstverständlich dennoch. Es gibt auch wenig, was in Sachen Zerstörungskraft mit einer verzerrten Acid-Bassline mithalten kann. Musik muss manchmal primitiv sein. Nur eben nicht immer.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • We live forever
  • Give me a signal (feat. Barns Courtney)

Tracklist

  1. Need some1
  2. Light up the sky
  3. We live forever
  4. No tourists
  5. Fight fire with fire (feat. Ho99o9)
  6. Timebomb zone
  7. Champions of London
  8. Boom boom tap
  9. Resonate
  10. Give me a signal (feat. Barns Courtney)

Gesamtspielzeit: 37:42 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Alphex
2018-11-03 02:13:44 Uhr
Erstdurchlauf via Spotify und ohne Kopfhörer sagt: Der Vorgänger hatte mit The Day Is My Enemy und Invisible Sun die stärkeren Einzelsongs, das hier drückt als Gesamtwerk aber mit weniger Längen. (Invaders Must Die hatte für mich die Hits UND die Beständigkeit; die fand ich sehr gut.)

Die kreative Mehrleistung ist tatsächlich eher Autopilot als sonst was, aber das Zeug das dafür bemüht wird gefällt mir halt auch widergekäut noch ausnehmend gut. Die Energie ist halt unbestreitbar da, und das ist die halbe Miete für das, was Prodigy machen.

Robert G. Blume

Postings: 377

Registriert seit 07.06.2015

2018-11-02 12:59:11 Uhr
Gehe mit der Rezension mit: Eigentlich nicht viel schlechter als früher, vereinzelt auch noch ganz geil, aber auf Albumlänge brauch ich das wohl auch nicht mehr.
Echt ma
2018-11-02 12:24:23 Uhr
Da gibts Stücke da hörst du sogar #Out of Space# heraus.
Mannomann. muss sowas sein?
Hallo
2018-11-02 11:16:17 Uhr
Der Vergleich mit Lemmy und Motörhead ist gar nicht falsch.
Die Fans wollen diesen 90s/Trainspotting/Rave-Sound und nichts anderes.
Der Rest kann damit logischerweise nichts mehr anfangen.
Mein Name
2018-11-02 10:59:24 Uhr
Auch als Fan seit den Anfängen find ich es ein bisschen uninspiriert, aber zum Glück vom Sound her immer noch besser als einige B-Seiten ihrer Glanzzeit. Liam kann es eigentlich immer noch, das hört man klar raus. Vielleicht brauchten sie diesmal einfach Kohle und haben es sich leicht gemacht, um bis zum nächsten Album zu überbrücken, wo dann bestimmt wieder mehr Herzblut drinsteckt. Dennoch ist der Sound halt zeitlos und so haben sie wieder neues Live-Futter, was ordentlich abrockt. Auf jeden Fall bleiben sie auch weiterhin erstmal die Kings of Breakbeeat!
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