Jaakko Eino Kalevi - Out of touch

Jaakko Eino Kalevi- Out of touch

Domino / GoodToGo
VÖ: 12.10.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Bis auf weiteres weg

Nicht nur diejenigen, die zwecks Ausbildung oder Studium erstmals die heimischen Gefilde verlassen haben, wissen, dass so ein Ausbruch aus dem gewohnten Umfeld ganz neue Facetten der eigenen Persönlichkeit freilegt und massiv an der Charakterbildung Anteil hat. Kaum abzuwarten ist da die lockende Freiheit, noch mit den Pandabär-Pantoffeln an den Füßen erschallt der Kampfruf "Raus in die Welt!" durchs Elternhaus. Das hatte der Finne Jaakko Eino Kalevi 2015 zwar schon hinter sich, doch erschien es ihm an der Zeit für einen erneuten Ausbruch: Er ließ den sicheren Straßenbahnfahrer-Job in seiner Heimatstadt Helsiniki hinter sich, um in Berlin seine Musikerkarriere zu forcieren. Zurückblicken konnte er da schon auf ein paar regionale Veröffentlichungen, die zwischen EDM, hippieskem Astro-Jazz und verknoteter Elektronik changierten. Der Umzug nach Berlin zeitigte dann seinen ersten internationalen Release, auf seinem selbstbetitelten vierten Album standen Soft-Rock und Dream-Pop im Mittelpunkt. Damit scheint Kalevi nun sein Steckenpferd gefunden zu haben, denn auf "Out of touch", seiner neuen Platte, vertieft und verfeinert er diesen Stilmix, und von einem neuen Ausbruch ist interessanterweise auch noch zu berichten ...

Denn wenn die weite Welt mittels Social Media ständig in den eigenen vier Wänden hockt, braucht es einen neuen Sehnsuchtsort, ein Entschwinden in Sphären außerhalb des Digitalen. Mit "Out of touch" will Jaakko Eino Kalevi musikalisch einen solchen Ort anbieten, und dieser zeichnet sich durch das völlige Fehlen von Konfliktpotenzialen und Drucksituationen aus, alles watteweich und abgefedert. Eine fein nuancierte Orgel führt im Opener "China Eddie" die frohgemute, eindringliche Melodie durch den Sonntagmorgen, direkt ein Aufatmen, und das, bevor Kalevi überhaupt mit seinen sacht tastenden Vocals den Song behutsam streichelt. Kalevi wird in Folge immer wieder markante Ohrwürmer ganz unaufdringlich dem Hörer anbieten, der ganz schnell mit ihnen Freundschaft schließt. Das Saxophon in "Emotion in motion" mag zwar deutlich auf sich aufmerksam machen, ein gemütlich pulsierender Takt und Kalevis stimmliches Abgleiten in beruhigend tiefe Gefilde in der Bridge lassen aber erst gar keine Unruhe aufkommen.

Die Musik dieses Albums erzeugt immer wieder den Eindruck von gleichzeitiger maritimer Luftigkeit und knisternder Urbanität mit nächtlichem Anstrich. Der dubbige Low-Energy-Funk mit vollmundigen Flöten in "Ballad of a cloud" ist genauso am Strand wie in einem hitzigen Club beheimatet. Das passend betitelte "Conceptual mediterranenan" könnte mit seinen tröpfelnd-tropischen Keyboardklängen jede Hausparty ebenso beschallen wie den nächmittäglichen Chill Out an der Küste. Dass sich Kalevi da schon mal vorsorglich fürs Albumcover in den Dünen räkelt, wen wundert's? Der Bedroom-Pop in "Outside" muss dann auch gar nichts erzwingen, findet vielmehr im freien Schwelgen seine eigene Spannung. Richtig konkret kann Kalevi aber freilich auch werden: "People in the center of the city" packt mit gangbaren Beat mal etwas zu, wird farbenfrohem Synthieflimmern überantwortet, während Kalevi mit einem Zwinkern zu den Goth-Leuten am Rande der Tanzfläche hin an seiner Version des Hochglanz-Pops arbeitet. Und doch, niemals wird man von den Songs bedrängt, immer meint man, sich frei in ihnen bewegen zu können, womit Kalevi dann tatsächlich so etwas wie eine Alternative zu den alles andere als autonomen Räumen der Social Media schafft.

(Martin Makolies)

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Highlights

  • China Eddie
  • Emotions in motion
  • Conceptual mediterranean (part 1)

Tracklist

  1. China Eddie
  2. Emotions in motion
  3. Outside
  4. This world
  5. Ballad of a cloud
  6. Night chef
  7. Conceptual mediterranean (part 1)
  8. People in the centre of the city
  9. Fortune cookie
  10. Lullaby

Gesamtspielzeit: 39:59 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2018-11-01 22:19:58 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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