Dead Can Dance - Dionysus

Dead Can Dance- Dionysus

PIAS / Rough Trade
VÖ: 02.11.2018

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Lisa und Brendan bei den Griechen

Alles neu bei Dead Can Dance? Zumindest der allererste Eindruck von "Dionysus" lässt eine dahingehende Interpretation zu, denn so farbenfroh wie die mexikanische Totenmaske hier hat einen noch kein bisheriges Coverbild des englisch-australischen Duos angestarrt. Nun haben sich Brendan Perry und Lisa Gerrard aber schon längst von jeglicher Gothic- und Irgendwas-mit-Gitarren-Verankerung ihrer Hochphase in den Achtzigern gelöst und so lässt sich ihr mittlerweile neuntes Studioalbum weniger als Wendepunkt und mehr als geistige Fortführung von "Spiritchaser" aus dem Jahr 1996 begreifen. Auch die synthetischen Keyboard-Flächen des Comebacks "Anastasis" rücken etwas in den Hintergrund, stattdessen zelebrieren Dead Can Dance hier besonders exzessiv das, was sie schon immer ausgezeichnet hat: naturalistische Soundscapes, bei denen die gespielten Instrumente und gesungenen Sprachen ebenso nebensächlich werden wie die Frage, wo überhaupt die Trennlinien zwischen den einzelnen Songs verlaufen.

Gerade letzteres haben Perry und Gerrard wörtlich genommen. "Dionysus" besteht nur aus zwei langen Akten, die in fließend ineinander übergehende, einzeln betitelte Fragmente unterteilt sind und lose um Mythen und Anbetungsriten des titelgebenden, griechischen Gottes zirkulieren. Das eröffnende "Sea borne" kündigt dessen Ankunft mit Schiffshorn und Meeresrauschen unheilvoll an, doch schnell entwickeln Tribal Drums, orientalisch anmutende Streicher und ein auf einem harfenähnlichen Instrument gespieltes Riff einen Groove, dem man sich kaum entziehen kann. "Liberator of minds" verlagert das Kopfkino weiter landeinwärts, auch wenn sich seine Urwaldgeräusche ein wenig mit den cembaloartig verzerrten Synths auf den Füßen stehen. Dennoch schaffen es Dead Can Dance wieder hervorragend, ihren Ethno-Art-Pop nicht als prätentiösen Eso-Kitsch, sondern als akustische Abbilder lebendiger Naturaufnahmen zu inszenieren.

So liefert "Dance of the bacchantes" den perfekten Soundtrack für ekstatische Ritualtänze, trommelt sich gleichermaßen hypnotisch wie enthemmend unter die Haut und beschließt den ersten Akt auf seinem absoluten Höhepunkt. Bis zu diesem Zeitpunkt ist das Album noch fast vollständig instrumental, es flammen nur hin und wieder weibliche Chöre und Urgesänge auf, die sich möglicherweise Gerrard zuordnen lassen. Das ändert sich allerdings in der deutlich fester greifbaren zweiten Hälfte. "The mountain" beginnt mit Drones und etwas, das sich wie eine elektronisch verzerrte Sackpfeife anhört, bis Perry auf einer undefinierbaren, vielleicht auch ausgedachten Sprache den Lead übernimmt. "The forest" geht sogar noch weiter und würde mit klarer Struktur und Gesangslinie sowie einer tollen Hook aus Keyboard und Streichern auch als für sich stehender Song wunderbar funktionieren.

Die Band hält das Niveau allerdings nicht durchweg, zu oft rauschen die diffusen Klänge in Teilstücken wie dem besagten "Liberator of minds", "The invocation" oder "Psychopomp" auch an einem vorbei. Das in Kombination mit der kurzen Laufzeit und dem leider wieder kaum spürbaren Input Gerrards verfestigt den Eindruck, dass "Dionysus" eher zum netten Beiwerk als zum essenziellen Bestandteil ihrer Diskographie wachsen wird. Perry und Gerrard erschaffen weiterhin ihre ganz eigenen Stimmungsbilder zwischen exotischer Instrumentierung, Feldaufnahmen und dezenter Elektronik, sie geizen aber etwas mit Dringlichkeit und Ambition. Alles neu bei Dead Can Dance? Zum Glück nicht, allerdings kennt die jüngere Musikgeschichte auch genug Beispiele, in denen sich Identitätswahrung und Veränderungswillen nicht ausschließen, sondern sich stattdessen zu weitaus beeindruckenderen Spätwerken als hier formen. Ein gewisser anderer Australier wird seinen Landsleuten da sicher ein paar Tipps geben können.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

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Tracklist

  1. Act I: Sea borne / Liberator of minds / Dance of the bacchantes
  2. Act II: The mountain / The invocation / The forest / Psychopomp

Gesamtspielzeit: 36:06 min.

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VelvetCell

Postings: 851

Registriert seit 14.06.2013

2018-11-10 17:15:41 Uhr
Also – ich lege mich mal fest, ich alter Fanboy: Auch Dionysus ist ein fabelhaftes Album. Es hat einen wunderbaren Fluss und es ist wirklich angeraten, das Album am Stück zu hören. Großartiger Sound, tolle Atmosphäre und wie schon gesagt: es groovt wie Hölle!

Das hat zur Folge, dass es keine Songs im ursprünglichen Sinne gibt. Selbst Gesang ist rar gesät. Aber das passt nun mal in das Konzept und man kann nur den Hut davor ziehen, wie Perry seine künsterlische Vision dieses Albums so konsequent umgesetzt hat.

Und so sind die Meinungen eben gemischt: Viele vermissen "die alten" DCD (wenn es die jemals gab) und vor allem Lisa. Die anderen erkennen ein großes, mythisches, hochmusikalisches und vor allem gelungenes Werk. Dead Can Dance bleiben mutig und scheren sich einen Dreck darum, irgendwelche Erwartungen zu erfüllen.
NicNac13
2018-11-06 19:09:13 Uhr
Ich habe mein Album "Dionysius" heute erhalten und - so wie ich mich kenne - mich mit meinen Erwartungen zunächst zurück gehalten. So oft wurde ich doch schon von diversen Bands enttäuscht, je neuer das Album. Aber: "Dyonisus" gefiel mir sofort von Anfang an...! Ich höre DCD nun schon viele viele Jahre, genauer: seit mehreren Jahrzehnten, und bei diesem Album habe ich mehr denn je ihre Weiterentwicklung gehört und gespürt... Diese Rhythmen, diese Soundcollagen! Alles in allem empfinde ich es als sehr tribal, ritual, hypnotisierend und vor allem sehr wie "Musik von früheren alten Völkern aus fernen fernen Ländern"... Ja, wer hier auf die sphärischen Gesänge von Lisa wartet, der wird sie vielleicht vermissen. Dafür erlebt man mit diesem Album die Band mal wieder von einer anderen Seite. Ich wusste z.B. bis jetzt noch nicht, dass Frau Gerrard sämtliche Vogelstimmen machen und sogar "schreien" kann! 🖤 Ich finde die CD sehr gelungen und da die Stücke zusammen hängen (durch Akt 1 und Akt 2) kann man sie super durchhören und sie kommt einem auch nicht zu lange vor... Im Gegenteil! Ich dachte am Ende "Neeeiiin, das kann doch jetzt nicht einfach so aufhören...!" Die CD ist heute schon mehrmals durchgelaufen bei mir und ich entdecke immer wieder was neues, Passagen, die wie nicht aus dieser Zeit klingen, neue Arrangements, die man vorher so noch nicht gehört hat... Übrigens, wer doch lieber " vertrautere" Klänge mag und mehr die Schönheit und Einzigartigkeit von Lisa's Gesang genießen möchte, dem sei auch ihre aktuelle Solo-CD (in Zusammenarbeit mit David Kuckhermann) empfohlen... Düsterer, sakraler, orchestraler... 🖤
The SACHSENPAULE of God
2018-11-05 20:01:46 Uhr
Ich trolle also bin ich.
(Aber mehr auch nicht. Ich hab´ ja nix in meinem traurigen Leben.)
The SACHSENPAULE of God
2018-11-05 17:42:16 Uhr
Ich lösche also sperr ich!

VelvetCell

Postings: 851

Registriert seit 14.06.2013

2018-11-05 14:50:53 Uhr
7.3 bei Pitchfork. Da bin ich mit denen ausnahmsweise mal einer Meinung:

https://pitchfork.com/reviews/albums/dead-can-dance-dionysus/?fbclid=IwAR2IGE-OckUVDJ4qZA5UiyOAFAqbQCtTYbivcQWnUZG4GpZK6yWvJz8G_WM

Pitchie
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