Robyn - Honey

Robyn- Honey

Konichiwa / Embassy of Music / Warner
VÖ: 26.10.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Arbeit mit Verarbeitung

"All these emotions are out of date", singt Robyn mitten im Track "Human being". Es scheint in gewisser Weise bezeichnend für ihr jüngstes Album "Honey". Abgesehen von Kollaborationen auf EP-Länge mit Röyksopp und La Bagatelle Magique sind geschlagene acht Jahre seit ihrem Projekt "Body talk" vergangen, das wahlweise in drei Teilen oder als zusammenfassende Compilation im Schrank des ergebenen Fans steht. Acht Jahre sind im Pop-Business eine Ewigkeit – mit diesem stand Robyn aber ohnehin meist auf Kriegsfuß. Das immer noch präsente "Show me love" aus 1997 wirkt mittlerweile wie eine Kuriosität aus einer anderen Zeitrechnung, die mit ihrem selbstbetitelten Album 2005 neu aufgesetzt wurde. Hits hat sie seitdem zur Genüge geschrieben. "Robyn" hatte "Be mine!" und "With every heartbeat", bei "Body talk" verbuchte jeder Teil mit "Dancing on my own", "Hang with me" und "Call your girlfriend" mindestens je einen Überknaller. Doch der ganz große Durchbruch blieb immer aus. Womöglich ist das gut so.

Denn mit "Honey" schließt sich der Kreis: Eindeutiger hätte die Absage an Massentauglichkeit kaum ausfallen können. Niemand mit kommerziellen Absichten würde eine solche Platte veröffentlichen. Schon die zwei Vorabsingles "Missing u" und der Titeltrack fahren die Offensivität gegenüber den zuvor genannten Songs um einiges zurück – und gehören hier dennoch eindeutig zum eingängigsten Material. Klar, "Missing u" sucht als Opener ein weiteres Mal den Trost auf der Tanzfläche und das ganz hervorragend. "Now your scent on my pillow's faded / At least you left me with something", klagt Robyn, während sich die Synths für den Refrain in Pose werfen. Die Hintergründe sind real: Neben dem schmerzlichen Tod des Freundes und Kollaborateurs Christian Falk musste sie zusätzlich eine Trennung verarbeiten. Und da "Honey" alle neun Songs chronologisch in ihrer Entstehungsweise präsentiert, sitzt der Stachel bei "Missing u" noch am tiefsten.

Der erste Durchgang dürfte jedoch häufig für Ernüchterung sorgen. "Honey" geizt nicht nur mit zielstrebigen Hits, es scheint sich mehrfach zwischendurch sogar komplett in endlosen Soundwelten zu verlieren. "Baby forgive me" besteht aus nicht viel mehr als aus dem stets wiederholten Hauchen der titelgebenden Bitte, die sich bis in den ebenso rätselhaften Nachfolgetrack "Send to Robin immediately" zieht. "If you got something to say / Say it to me / I need to hear it." Vielleicht die Frage, wo in diesen unsicher schwebenden Klangwelten der Halt ist? Der absolut fantastisch produzierte Titeltrack streckt im Nachgang immerhin die Hand aus, verführt mit seinem wellenartigen Beat, der sinnlich gegen die Ohrmuschel brandet. Doch das funkige Neunziger-Throwback-Partymäuschen "Between the lines" und ganz besonders "Beach2k20" lassen wieder Fragezeichen aufkommen. Was macht dieser an Crystal Waters' "Gypsy woman" erinnernde Keyboard-Sound da im letztgenannten Stück? Warum ist ein Song mit der Aufforderung "Let's go party" so zurückhaltend? Strophe? Refrain? Sind heute aus.

Es dauert eine Weile bis zur Erkenntnis, dass "Honey" nicht nur ein weiteres Meisterwerk, sondern das am detailverliebtesten und geschicktesten konstruierte Robyn-Album ist. Die zugänglicheren Songs sind nicht ohne Grund als Pfeiler gleichmäßig über die Spielzeit verteilt, die nur scheinbar planlosen Zwischenstücke erscheinen zunehmend in einem ganz anderen Licht, sind der Kitt, der alles zusammenhält. Selbstverständlich spielt dabei auch das chronologische Narrativ mit hinein. "Because it's in the music" steckt beispielsweise die verflossene Liebe noch in den Knochen, schlägt aber bereits deutlich versöhnlichere Töne an als seine beiden Vorgänger. Ab dem Titeltrack nimmt "Honey" gar eine gelassene, gelöste Stimmung an, die in der finalen Zusammenfassung von "Ever again" gipfelt. "Never gonna be broken hearted ever again" heißt das Credo und wie zur Unterstreichung werden die Drums in jedem Refrain ein bisschen fester verdroschen.

Falsche Erwartungen sind fiese Voraussetzungen für ein Album wie "Honey". Dabei erscheint der Schritt aus Robyns Sicht logisch: Hitparaden wie "Robyn" und "Body talk" lassen sich nur schwer auf Dauer wiederholen und noch weniger jedes Mal toppen. "Honey" entzieht sich letztlich dem Vergleich, indem es sich als geschlossene Einheit und schlüssige Emotionsreise präsentiert, die demjenigen, der darin investieren will, mit jedem Mal ein Stück mehr von sich preisgibt. Sobald man sich von der Vorstellung freigemacht hat, was ein Robyn-Album leisten müsse, erkennt man die Details, sieht die Idee dahinter. "There's no need to spell it out / I know you want it / I'm reading in between the lines." Es ist Anleitung und Prophezeiung zugleich.

(Felix Heinecker)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Missing u
  • Honey
  • Ever again

Tracklist

  1. Missing u
  2. Human being (feat. Zhala)
  3. Because it's in the music
  4. Baby forgive me
  5. Send to Robin immediately
  6. Honey
  7. Between the lines
  8. Beach2k20
  9. Ever again

Gesamtspielzeit: 40:22 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Edrol

Postings: 7

Registriert seit 19.10.2018

2018-11-08 22:46:01 Uhr
Missing U: 9/10
Human: 8/10
Because It's In The Music: 8/10
Baby Forgive Me: 10/10
Send To Robin Immediately: 8/10
Honey: 10/10
Between The Lines: 7/10
Beach 2k20: 7/10
Ever Again: 8/10

Sehr starkes Album, das immer nur noch besser wird. 8/10 mit Tendenz zur 9.
Nun
2018-11-06 09:24:10 Uhr
Gefällt mir immer mehr tatsächlich also en ganz guter grower das Album.
Kenner
2018-11-03 00:02:11 Uhr
Ich bin sicher, Marvin hätte den Song in den Highlights gehabt, wenn er die Rezi geschrieben hätte!

MopedTobias

Postings: 10247

Registriert seit 10.09.2013

2018-11-02 23:49:20 Uhr
Kommt nicht an Body Talk ran, aber das ist in Sachen Hitdichte so ziemlich einzigartig im Genre und war daher auch nicht zu erwarten. Sehr schönes, stimmiges Album. Ruhig, atmosphärisch dicht, einige Experimente auf Strukturebene, aber dabei nie sperrig. Jeder Song mindestens sehr gut, gehe mit bei der 8. Nur, dass "Baby forgive me" nicht in den Highlights auftaucht, muss man ankreiden >:(

tjsifi

Postings: 222

Registriert seit 22.09.2015

2018-11-02 14:11:09 Uhr
Nach ein paar Durchgängen ist die initiale Begeisterung ein bisschen verflogen oder zumindest abgeschwächt. Bis auf 3-4 Songs bleibt nicht soooo viel hängen. Gutes Album aber leider nicht so herausragend wie erhofft.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum