Thom Yorke - Suspiria – Music for the Luca Guadagnino film

Thom Yorke- Suspiria – Music for the Luca Guadagnino film

XL / Beggars / Indigo
VÖ: 26.10.2018

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Zum Schaudern

Die Frage muss erlaubt sein: Was erwartet man sich von einem Filmscore? Soll er lediglich die Atmosphäre des Streifens übertragen und vermitteln oder auch als eigenständiges Kunstwerk gelten, ohne Rückbezug auf die Bilderwelt des Kinos? Je nach Sichtweite verändert sich die Rezeption, insbesondere beim hier zu besprechenden "Suspiria – Music for the Luca Guadagnino film" von Radiohead-Kopf Thom Yorke. Die vorab veröffentlichten Songs – ja, "Songs" – lassen nämlich wenig Rückschlüsse auf den gesamten Soundtrack zu. Das Gros der Kompositionen versteht sich als spannungserzeugende Soundkulisse und gehorcht folglich nicht den Regeln klassischen Songwritings. Die Atmosphäre, die Yorke dabei erzeugt, ist meist beklemmend, unterscheidet sich jedoch auch nicht wesentlich vom Standard-Horrorscore. Wer hier also einen besonderen Twist erwartet hat, darf diese Hoffnungen gleich wieder begraben. "Suspiria – Music for the Luca Guadagnino film" bietet über eine Stunde auf den Punkt produzierte Gruselstimmung, unterbrochen von einigen wenigen ausformulierten Stücken wie dem bereits vorab veröffentlichten und tatsächlich sehr starken "Suspirium".

Jener Song enthält sämtliche Trademarks einer klassischen Yorke-Komposition, wäre im beste Sinne also auch im Radiohead-Kontext denkbar. Das Piano deutet Dramatik an, Yorkes Stimme setzt in ihrer fast körperlosen Verzweiflung ein und verlautbart: "This is a waltz / Thinking about our bodies / What they mean for our salvation." Kurz darauf verfinstert sich die Stimmung, die Dringlichkeit nimmt zu: "Is the darkness ours to take? / Bathed in lightness, bathed in heat." In diesem Stück manifestiert sich die Grandezza Yorkes, die in diesen 80 Minuten oft zu kurz kommt, zwischen all den an den Nervenenden sägenden Interludes, die lediglich auf Grusel, Grauen und Gänsehaut aus sind. Im Wesentlichen überzeugt auch die sanfte Pianoballade "Unmade", die geisterhaft umherspukt, während im Hintergrund Soundeffekte unwirkliche Spannung erzeugen. Gemeinsam mit "Suspirium finale", einer ausgedehnten, siebenminütigen Reprise des bereits eingangs beschriebenen Stückes, bildet sie die Herzkammer des Soundtracks. Auf diese drei Titel wird "Suspiria – Music for the Luca Guadagnino film" letztlich reduziert werden, denn abgesehen von den eher unspektakulären Kompositionen "Has ended" und "Open again" sind dies auch die einzigen wirklichen Songs. Der Rest soll schmerzen, kribbeln und fiepen. Hmjoa.

Und an dieser Stelle kommen wir auf die Eingangsfrage zurück: Wie rezipiert man einen Filmscore losgelöst vom Bildmaterial? Denn letztlich soll hier nicht das Dario-Argento-Remake vom italienischen Regisseur Luca Guadagnino zur Disposition stehen, sondern die musikalische Leistung Yorkes. Wer hört sich, zum Beispiel auf dem Weg zur Arbeit oder, besser noch, zum Zahnarzt, jene verstörenden Klangcollagen an, die hier dann am Ende doch klar in der Überzahl sind? Und welchen Referenzrahmen muss man als Rezensent wählen, um ein angemessenes Urteil zu fällen? Es bleibt ein schwieriges Unterfangen, schließlich überzeugen die "herkömmlichen" Songs durchaus, während die auf Störgeräusche und Schockeffekte gepolten Tracks wie das einminütige "Synthesizer speaks" oder das viertelstündige Monstrum "A choir of one" irgendwann nur noch nerven. Losgelöst von einer mit ihnen korrespondierenden Bildsprache verläuft ihr Horror ins Leere, stellen sie doch lediglich Folien dar, ohne jede Doppelbödigkeit. Das ist letzten Endes zu platt, um wirklich interessant zu sein. Wer sich nicht mehr als die bloße Soundkulisse eines Horrorstreifens erhofft, darf hiermit glückselig dem Spuk frönen. Der Rest bleibt wohl eher ratlos zurück.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Suspirium
  • Unmade
  • Suspirium finale

Tracklist

  • CD 1
    1. A storm that took everything
    2. The hooks
    3. Suspirium
    4. Belongings thrown in a river
    5. Has ended
    6. Klemperer walks
    7. Open again
    8. Sabbath incantation
    9. The inevitable pull
    10. Olga's destruction (Volk tape)
    11. The conjuring of Anke
    12. A light green
    13. Unmade
    14. The jumps
  • CD 2
    1. Volk
    2. The universe is indifferent
    3. The balance of things
    4. A soft hand across your face
    5. Suspirium finale
    6. A choir of one
    7. Synthesizer speaks
    8. The room of compartments
    9. An audition
    10. Voiceless terror
    11. The epilogue

Gesamtspielzeit: 80:17 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
allsehendes äuglein im letzten raum
2018-12-12 04:34:08 Uhr
Don’t drop your Tarot cards… but after a close observation of Suspiria it appears the Peaco*ck image in Our Lady of Sighs – Mater Suspiriorum’s – chambers has 15 “eyes” on it’s tail. Fifteen is of course the number of XV THE DEVIL card in the Tarot!

https://devilinthedetailssite.wordpress.com/2017/03/29/suspiria-in-the-eye-of-the-peaco*ck/
GV
2018-11-28 17:45:42 Uhr
Sorry, aber ich habe doch nicht wirklich etwas über das Ende verraten, oder? Dass im Finale eines Horrorfilms ein bisschen Blut über die Leinwand suppt sollte doch eigentlich niemanden überraschen. Aber nochmals: Sorry, wollte wirklich niemanden spoilern. Falls hier irgendwann mal ein Mod reinschaut, kann er meinen Beitrag gerne überarbeiten.
Internet ist kein Ponyhof
2018-11-28 17:29:19 Uhr
Spoilerwarnung fandst du auch eher unnötig?!
GV
2018-11-28 17:26:09 Uhr
@humbert humbert:
Die wenigen Gesangs-Nummern sind nicht wirklich repräsentativ für den Soundtrack und wirken bis auf dem Titel-Track auch eher wie abgelegte Thom Yorke-Demos (und das sage ich als Fanboy). Die Stärken des Albums liegen ganz eindeutig wo anders. Neben besagten Songs, hast du auf den 2 CDs noch jede Menge experimentelle und lohnenswerte Drone/Noise/Avantgarde/Whatever-Songs, die eine ziemlich einzigartige Sogwirkung erzeugen können.
Im Film wird das auch größtenteils gut eingesetzt und genutzt - Ich denke, die Szene an der sich die Geister (in Sachen Verbindung zwischen Bild und Ton) scheiden, dürfte das Finale von "Suspiria" sein: Chaos, explodierende Köpfe, meterhohe Blutfontänen und ein trauriger Thom Yorke-Song - Wirkt auf Viele vielleicht befremdlich oder sogar antikimaktisch, passt aber mMn perfekt zum Rest des Films, der sowieso nie an großen Horror- oder Schockbildern interessiert ist und viel von seinen Gegensätzen lebt. Zumal das wirklich die einzige "streitbare" Szene ist.
Anonymität
2018-11-28 17:04:59 Uhr
Das Orginal steht wie in jeder vernünftigen Bluray Sammlung als schickes Mediabook im Schrank.
Der Soundtrack passt schon, hat und wird nicht mal im Entferntesten den Stellenwert des Orginals erreichen.

Aber nächstes Jahr kommt ja dann hoffentlich ein richtiges Album.
Gerne wieder in die Richtung von The Eraser.
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