Soap & Skin - From gas to solid / You are my friend

Soap & Skin- From gas to solid / You are my friend

PIAS / Rough Trade
VÖ: 26.10.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Schwer wie eine Feder

Alle lieben Puzzles. Selbst Anja Plaschg, der man so etwas wie Spaß höchstens beim Betrachten ihrer Sammlung unterschiedlich schwarz gefärbter Trauerschleier zutraut, findet offenbar Gefallen am Zusammensetzen von Fragmenten zu einem großen Gesamtwerk. Mit dem Unterschied, dass sie jenes vorher ganz eigenhändig zerbröselte: Für die Aufnahmen von "From gas to solid / You are my friend", Soap & Skins drittem Album, sampelte die Österreicherin laut eigener Aussage "alles", seien es ihre eigenen Piano-Motive oder die Beiträge anderer Musiker, sezierte sie teilweise bis zu einzelnen Tönen und Schlägen und arrangierte diese neu. Doch die Trennlinien zwischen den Bruchstücken lassen sich im fertigen Puzzle nicht mehr im Geringsten erkennen, ganz im Gegenteil. Plaschg lungert zwar noch immer in den düstersten, verregnetesten Ecken der menschlichen Gefühlswelt herum, doch strahlt sie hier auch eine Form von Ruhe und Trost spendender Geschlossenheit aus, die man so noch nicht von ihr gehört hat.

Vergangenheitsbewältigung in ihrer reinsten, kathartischen Essenz ist nach wie vor wichtigster Bestandteil des Faszinosums Soap & Skin, doch neuerdings schwingt dabei auch immer der hoffnungsvolle Blick in die Zukunft mit. Das vorab veröffentlichte "Heal" lässt sich in dieser Hinsicht als Herzstück begreifen. Von zerbrechlichen Synths und bestimmten Bläsern begleitet versöhnt sich Plaschg mit sich selbst, verdeckt ihre Narben nicht länger und erklärt das Ende aller Ängste. Das gipfelt schließlich in einen inbrünstigen Aufbruchsschrei, bis am Ende die in der sechsjährigen Schaffenspause nach "Narrow" geborene Tochter die eindrücklichsten Worte des Albums säuseln darf: "I have no fear." Wo Plaschg zuvor noch um ihren Vater trauerte, zelebriert sie jetzt mit vollem Stolz die eigene Mutterschaft. Ihren entwaffnenden Level purer Intimität hält sie damit aufrecht, die dadurch gelockerten Tränen sind aber nun mehr Ausdruck empathischer Freude als geteilter Trauer.

Doch von vorne, denn bis zu dieser Erlösung ist es zu Beginn von "From gas to solid / You are my friend" noch ein weiter Weg. "What is in creation? / If a God has left us to stay / Show me revelation / Or a thing that's not in the play." Im eröffnenden "This day", einer dringlichen, von Streichern akzentuierten Klavierballade, leidet und zweifelt Plaschg noch immer, auch wenn sie sich selbst und dem Hörer im Folgenden mit zunehmender Wärme und Sanftheit begegnen wird. In "Athom" zittern noch Elektronik und abgehackte Drums bis zum dramatischen Finale, erst "Italy" findet völlig zur Ruhe und rührt sich keinen Millimeter von der Stelle, muss sich dabei aber gegen ein im Refrain anschwellendes Arrangement stemmen. Passenderweise ist das anschließende "(This is) water" dann auch nicht mehr als eine Ambient-Skizze, doch "Surrounded" bricht die Stille direkt wieder auf, präsentiert sich als aufwändig inszenierte Suite mit grandioser Spannungskurve, in der die 28-Jährige alle ihre Puzzleteile einmal quer im Raum verteilt.

Es ist gerade die Dynamik in Form der emotionalen Tumulte, die aufkochen und wieder abebben, die dieses Album so besonders machen. "Safe with me" als wundervolles, von schlichter Zufriedenheit beseeltes Piano-Stück steht etwa im krassen Kontrast zum mächtigen Orgeldröhnen von "Falling", das über seine fünf Minuten Laufzeit die instrumentale Hölle öffnet. In "Palindrome" erklingt unheilvoller, lateinischer Mönchsgesang, doch der letztliche Abschluss ist wieder ein ganz und gar zärtlicher. Vor sechs Jahren hätte man ein Cover von Louis Armstrongs "What a wonderful world" auf einem Soap-&-Skin-Album noch für blanken Zynismus gehalten, doch Plaschg meint es hier völlig ernst. Gänzlich befreit von Schmerzen und Ängsten leitet sie für sich als Mutter wie als Künstlerin eine optimistische Zukunft ein – dass der 40-minütige Weg dorthin wieder einmal kein Zuckerschlecken war, ist aber kein Widerspruch, sondern nur Ausdruck einer natürlichen Ambivalenz, in der Leichtigkeit und Schwere als Aggregatzustände des Menschseins fließend ineinander übergehen. Wie "gas" und "solid" eben.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • This day
  • Surrounded
  • Heal
  • Safe with me

Tracklist

  1. This day
  2. Athom
  3. Italy
  4. (This is) water
  5. Surrounded
  6. Creep
  7. Heal
  8. Foot chamber
  9. Safe with me
  10. Falling
  11. Palindrome
  12. What a wonderful world

Gesamtspielzeit: 41:46 min.

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User Beitrag

The MACHINA of God

Postings: 11240

Registriert seit 07.06.2013

2018-11-04 03:19:13 Uhr
Initalyinitalyinitaly...
Beatrix Frau von Elster
2018-10-30 20:40:50 Uhr
Nicht schlecht, Herr Specht!

The MACHINA of God

Postings: 11240

Registriert seit 07.06.2013

2018-10-30 19:02:44 Uhr
Schönes Album. Und "Italy" wird immer besser.
Enuchen-Fan
2018-10-28 10:33:26 Uhr
Ich habe die Rezension nur aufgerufen, um nachzusehen, wer sie geschrieben hat - und wurde nicht enttäuscht!

Christopher

Postings: 995

Registriert seit 12.12.2013

2018-10-27 14:33:50 Uhr
Nach den ersten Durchgängen bin ich sehr angetan. Ihr homogenstes und schönstes Album.
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