Christian Kjellvander - Wild hxmans

Christian Kjellvander- Wild hxmans

Tapete / Indigo
VÖ: 26.10.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Das Leben der Anderen

Überraschen dürfte es nicht, wenn einem Künstler wie Christian Kjellvander der Vorwurf gemacht wird, mit seiner Musik in einer Blase zu existieren und zu agieren. Schließlich deckt sein klangliches Spektrum nur Stile und Spielarten ab, die schon vor 50 Jahren nicht mehr innovativ waren. Erdiger Wüsten-Blues, Folk, Americana, alles sehr tradiert. Doch dies hat Kjellvander nicht daran gehindert, zu einer ganz aktuellen Problematik Stellung zu beziehen. Wie geht man mit den Neuankömmlingen in unserer Gesellschaft um, wie nimmt man diese wahr? Was bedeutet zum Beispiel Integration? Direkt im ersten Song der neuen Kjellvander-Platte "Wild hxmans" bekommt da ein Geflüchteter den Rat: "Baby, try not to be too strange / 'Coz they're afraid," Gilt also das über einen langen Zeitraum erfochtene Recht auf Selbstbestimmung nicht für alle, die Neuen sollen möglichst unscheinbar bleiben?

Kjellvander steht bei solchen Problematiken nicht mit Richtlinien und Rechtstafeln da, er regt nur zum Nachdenken an. Anstatt offensiv die Abschottung der eigenen Gesellschaft anzugreifen, führt er lieber ein poetisches Beispiel an: Da ist der Vorhangmacher, der dem eigentlichen Zweck seiner Erzeugnisse zuwider handelt und immer dafür sorgt, dass diese ein wenig Licht durchlassen, die absolute Dunkelheit sei nicht gesund. Wenn Kjellvander hiervon berichtet, wird seine oftmals markige Grabesstimme ganz weich, umgarnt liebevoll das Gitarrenspiel und sendet feine, sorgsam gestaltete Melodiewellen aus, um schließlich in sakralen Sphären zu landen.

Der Fluchtweg übers Meer, das Landen in der neuen Heimat, das alles klingt in "Stiegga" an, einer nur von dezenten Synthies und einer bescheiden vorsprechenden Gitarrenfigur bevölkerten Meditation. Da vermischen sich alltägliche Erinnerungen aus dem zurückgelassenen Leben mit dem Erleben der Neuankunft, "we both head for new land / And dig our claws in the sand / And give it all one more chance." Dass hier von Klauen die Rede ist, deutet durchaus geschickt an, wie diese Menschen teilweise wahrgenommen werden: als fremde Ungeheuer, die einem etwas stehlen wollen. Doch Kjellvander tritt ohne große Aufregung dafür ein, jene Fremden als gleichwertige Menschen wahrzunehmen, die genauso lieben und leiden wie jeder andere auch: "Lay down and listen to the sounds / And I will take care of you / And it ain't no bad thing / When you gotta go."

Musikalisch bleibt sich Kjellvander treu, er gönnt sich manches Mal zwar ein paar ruppigere Passagen, aber das Agieren mit voller Bandbesetzung kennt man ja spätestens von "A village: Natural light". Man kann sogar festellen, dass sich Kjellvander hier besonders den musikalischen Traditionen des weißen Amerika verschrieben hat. Ein geradliniger Rocksong wie "The thing is", ausgestattet mit schnörkellosem 4/4-Takt und kerniger Westerngitarre, steht als Symbol für das alte Versprechen von Freiheit und Selbstbestimmung. Kjellvander stellt die alten Werte der westlichen (Musik-)Welt in den Dienst der Neuankömmlinge, sagt damit, dass diese für alle gelten müssen und bringt obendrein den Beweis, dass man das Gewohnte aus Gesellschaft und Kultur heiß und innig lieben kann, ohne sich dem Neuen und Fremden hermetisch verschließen zu müssen.

(Martin Makolies)

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Highlights

  • Curtain maker
  • The thing is

Tracklist

  1. Strangers in Northeim
  2. Curtain maker
  3. Stiegga
  4. The thing is
  5. Halle Lay Lu Jah
  6. Love xomes
  7. Faux Guernica

Gesamtspielzeit: 45:04 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2018-10-24 23:22:52 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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