Neneh Cherry - Broken politics

Neneh Cherry- Broken politics

Smalltown Supersound / Rough Trade
VÖ: 19.10.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die verbotene Schrift

Wo ist Sufjan Stevens, wenn man ihn mal braucht? Vor einigen Jahren ließ er sich über die Schriftart und -gestaltung auf dem Cover des Savages-Debüt "Silence yourself" per Tumblr aus. Ein starkes Motiv sei verhunzt worden durch eine kantenlose, glatte und charakterlose Wahl des Fonts, so in etwa seine Aussage. Neneh Cherrys fünftes Soloalbum "Broken politics" ist diesbezüglich ein noch wesentlich verdienteres Ziel. Das ungewöhnliche, aber ausdrucksstarke Titelmotiv wurde von Wolfgang Tillmans geschossen, der auch Frank Oceans "Blonde" verantwortete. Dieser entschlossene Ausdruck, dieses Gewand, die wallende Haarpracht! Und dann stehen da links die Buchstaben ihres Namens und des Albumtitels – hingeschissen in der einfallslosesten Schriftart, ordinär, langweilig, unpassend platziert. Wie von einem Drittklässler mit zehn Minuten PowerPoint-Kenntnis drübergekleistert. Warum? Von Storm Thorgerson nicht gelernt, dass es sowas nicht braucht? Das hat insbesondere dieses Album nicht verdient.

"Broken politics" ist nämlich nicht weniger als ein beeindruckendes, spätes Karriere-Highlight. Das liegt zu einem guten Teil an der neuerlichen Mitwirkung von Kieran Hebden alias Four Tet, der den Instrumentals deutlich seinen Stempel aufdrückt. Trocken knisternde Beats treffen auf helle Glockenklänge, auf der Oberfläche herrscht Lieblichkeit, die immer ein gewisses Maß an Melancholie mitschwingen lässt. Noch mehr als auf dem knochigen Vorgänger "Blank project" – der womöglich nicht zufällig die gleichen Initialen trägt – scheint Hebdens typischer Soft-Electro-Sound durch. Keinesfalls ist die Klasse der Platte jedoch allein sein Verdienst. Vielmehr erweist er sich als grandios passender Sparringspartner für Cherry, deren unverkennbare Performance zwischen Rap, Spoken Word und markantem Gesang mühelos zwischen den Sounds Platz nimmt.

Schon auf "Blank project" trug die Zusammenarbeit tolle Früchte, die nun beim zweiten Anlauf endgültig gereift sind. Die Zahnräder klicken ineinander, wenn Cherry im fragilen, zarten "Synchronised devotion" das titelgebende Programm vorgibt: "It's my politics living in the slow jam." "Broken politics" verzichtet auf Manifeste jeglicher Art, ohne dass ihre anklagenden Analysen über Ungerechtigkeit, sinnlose Kriegsgewalt und Frauenfeindlichkeit zum Wimmern verkämen. Cherry bewegt sich selbstsicher über diese farbenfrohen Klänge, zeigt durch Zeilen wie "Bite my head off / Still my world will always be / A little risk worth taking" mit Lächeln den Mittelfinger. Dass die Stücke trotz ihres häufig komplexen Aufbaus nie überladen oder kompliziert wirken, ist ihren souveränen Songwriting-Fähigkeiten geschuldet. Und wenn sie im Gegenzug dann doch in "Natural skin deep" über gefühlt drei gleichzeitig abgespielte Songs samt dröhender Sirene die Zähne zeigt, reißt das mit wie in alten Tagen.

Geschenkt, dass der Opener "Fallen leaves" noch einmal alles Folgende überstahlt. Diese zum Erscheinungsdatum passende herbstliche Melancholie, Cherrys leidende Bitte "Don't step all over me" neben dem lakonischen Vergleich von fallenden Blättern zu Vogelschiss auf dem Ärmel und die ganz leise im Hintergrund atmenden Synths – alles vermischt sich zu einem rührenden Cocktail, dessen Melodie die Kirsche auf der Spitze ist. Mit Sicherheit einer der besten Songs des Jahres, wenngleich sich die restlichen Stücke auf "Broken politics" auch wahrlich nicht verstecken müssen. Es ist ein verdammt weiter Weg vom damals wegweisenden, hyperaktiven Debüt "Raw like sushi" aus dem Jahr 1989 bis zur Feinsinnigkeit, nach der Cherry aktuell der Sinn steht, auch wenn sich ihre Handschrift klar in ihrer Performance wiederfindet. Sie weiß eben, wie und mit wem sie ihre Vision umsetzen kann. Wenn sie nun noch Herrn Stevens für eine Schriftart-Beratung anrufen würde, hätten wir tatsächlich nichts mehr zu meckern.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Fallen leaves
  • Kong
  • Synchronised devotion
  • Natural skin deep

Tracklist

  1. Fallen leaves
  2. Kong
  3. Poem daddy (Interlude)
  4. Synchronised devotion
  5. Deep vein thrombosis
  6. Faster than the truth
  7. Natural skin deep
  8. Shot gun shack
  9. Black Monday
  10. Cheap breakfast special (Interlude)
  11. Slow release
  12. Soldier

Gesamtspielzeit: 46:11 min.

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User Beitrag

Armin

Postings: 15737

Registriert seit 08.01.2012

2019-02-05 17:40:31 Uhr - Newsbeitrag
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Neneh Cherry veröffentlicht das Musikvideo der Single‘Natural Skin Deep’



Die Single ist eine neue Askopplung des fünften Solo Albums ‘Broken Politics’ (Smalltown Supersound via AWAL Recordings)



Neneh Mariann Karlsson (bekannt als Neneh Cherry) ist mit ihrem fünften Solo-Studioalbum Broken Politics in turbulente Zeiten zurückgekehrt, engagierter und druckvoller denn je.



Seit der Bekanntgabe des neuen Albums hat sie Singles über die europäische Flüchtlingskrise (Kong) und die weltweite Tragödie der Waffengewalt (Shot Gun Shack) erzählt, die alle von ihrem Mitstreiter Kieran Hebden (alias Four Tet) produziert wurden.



Das Video wurde von der aufstrebenden Künstlerin und Filmemacherin Akinola Davies gedreht. Akins Arbeit konzentriert sich auf gesellschafts-politische Fragen. Akin hat bereits Musikvideos für Blood Orange (Charcoal Baby) Klein, (Marks Of Worship) sowie Filme für Modemarken wie Kenzo gedreht. Als Künstler hat Akin auf der Art Basel in der Schweiz ausgestellt.



Akin über das Video; “so what I'll say is we filmed the video with a large and beautiful cast in Beiruit, Lebanon. Much of my work is community centric, be it global or local community. It's important that we all see ourselves reflected in art. Equally it's about whether our relationship with materialism is making us more apathetic to what’s going on around us? Neneh being this global icon and the name of the album being called Broken Politics lent itself to having more intent within the various themes. There is a lot going on in video truth be told, I went to see Neneh play at Village underground and everyone whipped out their phones to film her, so much so I got asked by this guy to move because I was in the way of his phone. Seemed quite ironic that the world is right here in front of us, really 360 degree drama. Instead of communicating through screens maybe we're all consuming it through screens.”



Four Tet hat für Natural Skin Deep Ornette Colemans 1969er Track "Growing Up" gesampelt, auf dem ihr Vater Don Cherry das Kornett spielt. Lyrisch ist Neneh unerbittlich dabei, die Kolonisation zu richten; “Here’s one for The Great Sioux Nation/ Bla bla bla for a generation/ no living on station/ pumping that black gold over the hill/ recycle evolution while killing free will, free will”.



In Akins Film halten die Bürger ihre Smartphones hoch, die die Szene beleuchten, während sie gleichzeitig durch ihre Bildschirme hindurchschauen, während Neneh an Orten in Beirut spielt.





Live-Termine:



19.02.2019 Köln - Carlswerk

20.02.2019 Berlin - Astra (ausverkauft)

MopedTobias

Postings: 12403

Registriert seit 10.09.2013

2018-11-09 21:12:25 Uhr
Wow, das ist ja echt wunderschön. Was für Melodien.

VelvetCell

Postings: 1390

Registriert seit 14.06.2013

2018-10-25 14:25:43 Uhr
Noch mal zur Typo: Das sehe ich bei Neneh ähnlich, bei den Savages allerdings nicht. Da finde ich sie sogar sehr passend.

Und zum Album: Ich mag´s auf Anhieb, vor allem (und auch schon seit Raw like Sushi) ihren Gesang. Zunächst bleiben aber wenige Songs hängen. Mal sehen, ob sich das noch ändert. Ansonsten bleibt es bei einem freundlich gemeinten "nett".
Trane
2018-10-25 09:58:32 Uhr
Album hadde keine Energie, isse platt wie Halbschuh. 4/10

Underground

Postings: 1098

Registriert seit 11.03.2015

2018-10-24 23:34:23 Uhr
Ein viertel der Rezi zum Cover, echt?
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