Julia Holter - Aviary

Julia Holter- Aviary

Domino / GoodToGo
VÖ: 26.10.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Lost you in my wilderness

90 Minuten Laufzeit. Inspirationen aus mittelalterlichen Troubadour-Liedern, antiken Schriften und nepalesischen Nonnengedichten. Eine Promo-Beschreibung als "epic journey through the cacophony of the mind in a melting world". Man braucht noch keinen Ton von "Aviary" gehört zu haben, um erahnen zu können, dass der drängelnde Pop-Appeal von "Have you in my wilderness" erst einmal wieder Geschichte ist. Julia Holter, die wohl europäischste Kalifornierin der Welt, gibt sich auf ihrem fünften Album wieder verstärkt den Soundscapes zwischen Klassik, Ambient und Lärm hin, tut das aber so radikal, strukturverachtend und exzessiv wie noch nie. Sie hat fast komplett improvisiert, musikalischen wie lyrischen Gedankenströmen freien Lauf gelassen und als einzigen, losen Bezugspunkt eine Kurzgeschichte von Etel Adnan gewählt, in welcher der Protagonist sich in einer Voliere voller kreischender Vögel wiederfindet. Ein passenderes Bild hätte man kaum wählen können: "Turn the light on" tritt gleich zu Beginn einen dissonanten Tornado von sägenden Streichern und wilder Percussion los, Holter schreit darin um Gehör, um ihren Verstand, vielleicht um ihr Leben. "Thankful you'll come back / You can recall the way you held me close." Julia, die alte Zynikerin – zu diesem Zeitpunkt hält man höchstens noch seine soeben durcheinandergewirbelten Knochen fest.

"Aviary" stellt eine ganz und gar beeindruckende Symbiose von Form und Inhalt dar, weil das Album klingt wie direkt auf den Bewusstseinsströmen seiner Hörer komponiert. "Whether" wiegt als stampfende, kompakte E-Orgel-Nummer noch in falsche Sicherheit, folgt zwar auch keiner klaren Linie, lässt sich mit verspielten Drums und zugänglicher Melodie aber zumindest noch als spaßig beschreiben. Doch dann "Chaitius": Das Orchester spielt im luftleeren Raum, es gesellen sich Operngesang und später auch die Dirigentin selbst dazu, doch wird sie roboterhaft abgehackt, wie von Geisterhand laut und wieder leise gedreht. Während man noch mit der Überprüfung der korrekten Funktionsweise seiner Anlage beschäftigt ist, öffnet sich schon der Himmel in Form einer immer noch wirren, auf ihre eigene Art aber wundervollen Klimax, in der plötzlich alles Sinn ergibt. Dieses Album fordert viel ein, in erster Linie Ruhe und eine enorme Konzentrationsfähigkeit, doch es belohnt den Hörer mit Musik, die so unmittelbar ins Innerste fließt, dass sich jede andere Sinnes- und Gefühlswahrnehmung als größte Nichtigkeit des Universums entpuppt. "I feel so joy."

"Voce simul" blickt in analoge Synthie-Abgründe und schmeißt noch ein paar einsam verhallende Trompeten hinterher, Holter singt hier auf Latein. Warum auch nicht – die aktiven Synapsen befinden sich ohnehin längst nicht mehr in einem Zustand, der menschliche Sprachen überhaupt noch erfassen kann. Wer zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig den Verstand verloren hat, tut dies spätestens bei "Everyday is an emergency", einer Kakophonie aus schrillen Dudelsäcken und Horror-Tönen, die eine in der Unterhaltungsmusik – zu der sich Holter trotz allem noch immer zählen muss – nur selten erlebte Konsequenz des Kaputten zelebriert. Auch dieser Song kippt in der zweiten Hälfte, entwickelt sich unerwartet zum unfassbar intimen, dringlichen Klavierstück und deutet damit schon mal in die richtige Richtung. Die schwierigsten Hürden sind nach dem ersten Akt gemeistert, "Aviary" behält zwar seine Unvorhersehbarkeit und Experimentierfreude bei, verrammelt die Türen aber nicht mehr so, dass sie sich nur unter Verlust der eigenen geistigen Gesundheit aufreißen lassen.

Das vorab veröffentlichte "I shall love 2" baut sich ganz behutsam auf, Holter flüstert über nicht mehr als einen dezenten Drumcomputer-Beat, ehe Schichten von Synhies, Bläsern und echtem Schlagzeug zu einem ihrer euphorischsten Crescendos überhaupt zusammenlaufen. "Underneath the moon" erschafft unter seinem verwickelten Klanggeflecht einen geradezu höllischen Groove und schielt mit seinen Keyboards sogar etwas in Richtung Retro-Progrock, doch es kommt noch besser: Nachdem sich "In gardens muteness" der totalen Spärlichkeit hingegeben hat, rastet "Les jeux to you" komplett aus, bringt mit seinem uneingeschränkt tanz- oder gerne auch hüpfbaren Ausbruch den Pop zurück zur Avantgarde. Der Track fällt zwar schließlich auch in sich zusammen, endet dabei aber nicht im Krach, sondern als astreine Tori-Amos-Pianoballade. "Words I heard" setzt genau hier an, windet sich elegisch in seinem Himmelbett aus Tasten und Streichern und pointiert die inhaltliche Intention des Albums in einem einzelnen, simplen Satz: "I love you in the City of Man."

Das ist es nämlich, was "Aviary" in seinem Kern bezwecken will: eine Darstellung von Empathie und menschlicher Nahbarkeit in einer immer lauteren, hibbeligen, sämtliche Sinne belastenden Welt. Musikalisch inszeniert Holter dies in absoluter Perfektion, ihre immer wieder greifbaren Emotionen und Melodien liefern die dringend benötigten Ankerpunkte in dieser zerstörerischen Flut von Disharmonien und vertrackten Arrangements. "The cacophony of the mind in a melting world" – wessen Mund sich schon beim Lesen dieser Zeile zum "Kunstkacke!"-Ausruf formt, der sollte um dieses Album besser einen großen Bogen machen. Alle anderen dürfen unter temporärer Verpfändung ihrer stabil funktionierenden Hirnprozesse an einer vertonten, 90-minütigen Bewusstseinserweiterung kosten: "Send up now, push us up above all the world."

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Everyday is an emergency
  • I shall love 2
  • Underneath the moon
  • Les jeux to you
  • Words I heard

Tracklist

  1. Turn the light on
  2. Whether
  3. Chaitius
  4. Voce simul
  5. Everyday is an emergency
  6. Another dream
  7. I shall love 2
  8. Underneath the moon
  9. Colligere
  10. In gardens muteness
  11. I would rather see
  12. Les jeux to you
  13. Words I heard
  14. I shall love 1
  15. Why sad song?

Gesamtspielzeit: 89:58 min.

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User Beitrag

MopedTobias

Postings: 13167

Registriert seit 10.09.2013

2019-09-05 23:58:34 Uhr
Nicht so richtig, zumindest so exzessiv wie "Aviary" ist sonst nichts von ihr. "Have in you in my wilderness" ist trotzdem ein sehr zu empfehlendes Art-Pop-Album, wenn auch deutlich konziser. In den längeren Songs erinnert das aber auch ein bisschen hieran.

"Loud city song" und "Ekstasis" hab ich auch stark in Erinnerung, aber länger nicht mehr gehört. Weniger poppig als "Wilderness" auf jeden Fall.

hexed all

Postings: 206

Registriert seit 15.06.2013

2019-09-05 23:48:54 Uhr
Für mich ist das stellenweise sogar weitaus besser als Björk, besonders im Vergleich zu Utopia, bei der ihr das Gleichgewicht zwischen träumerisch/ruhig und atonal/wild nicht so gut gelungen ist wie Fr. Holter mit diesem Album hier. Erinnert mich auch sonst mehr an Robert Wyatt als an ihre Zeitgenossen.

Kenne momentan nur Aviary und Tragedy. Kommen ihre anderen Alben an die Verspieltheit dieser beiden ran?

kingsuede

Postings: 1369

Registriert seit 15.05.2013

2019-08-03 18:49:10 Uhr
Die Avantgarde-Seite mag ich bei Holter lieber, Björk ist immer da unschlagbar, wo sie Avantgarde und Pop perfekt vereint. Vlt. ist Holters nächstes Werk ein Melange aus Wilderness und Aviary...

MopedTobias

Postings: 13167

Registriert seit 10.09.2013

2019-08-03 18:45:42 Uhr
Schon ein bisschen, bei Holter gehen die Avantgarde-Regler aber bis 11 :)

The MACHINA of God

Postings: 18679

Registriert seit 07.06.2013

2019-08-03 18:34:26 Uhr
Hab heute mal "Have you in my wilderness" durchgehört und jetzt dieses hier. Kann es sein, dass sie grad den späteren Björk-Weg geht? :D
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