Richard Reed Parry - Quiet river of dust Vol. 1

Richard Reed Parry- Quiet river of dust Vol. 1

Anti / Indigo
VÖ: 21.09.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Man of the woods

Richard wer? Richard Reed Parry dürfte den meisten, die sich diese Frage jetzt stellen, nicht unbedingt durch seinen Namen, wohl aber durch sein Aussehen geläufig sein, denn bei besagtem Herrn handelt es sich um den schlaksigen, mit voller Haarpracht gesegneten Multi-Instrumentalisten von Arcade Fire. Auch außerhalb seiner Hauptband zeigte sich dieser äußerst umtriebig, übte sich mit seinem Projekt Bell Orchestre etwa im Post-Rock oder kollaborierte mit dem Kronos Quartet und den Dessner-Zwillingen von The National für die klassischen Kompositionen von "Music for heart and breath". "Quiet river of dust Vol. 1" vereint nun alle bisherigen musikalischen Ausflüge seines Erschaffers und noch mehr: Nicht nur Parrys Folk-Musiker-Vater erscheint hier als spiritueller Begleiter, in der radikalen Destruktivität des Albums hallt auch etwas von seiner Vergangenheit in der kanadischen Hardcore-Szene nach. Das Ergebnis ist ein traumhaft schönes, ausuferndes und doch immer introvertiertes Meisterwerk zwischen Psychedelic-Folk und Ambient-Pop – man stelle sich eine Kombination aus Sufjan Stevens' "The age of adz" ohne Autotune und Electro-Wahnsinn mit Fleet Foxes durch einen Sigur-Rós-Filter vor, während irgendwo durch diesen Musik gewordenen Zauberwald auch der Geist Peter Gabriels schwebt.

Vögel zwitschern zu Beginn des Openers "Gentle pulsing dust", bis Parry zum ersten Mal in seiner Karriere abseits der Arcade-Fire-Chöre selbst die Stimme erhebt: "First the rain begins and the quiet settles in / And it's awesome." Der Song selbst steht mit mindestens einem Fuß im Siebziger-Prog, während Schichten von Akustikgitarren und Bläsern auf- und wieder abebben und sich schließlich ein Flötenhimmel öffnet, den sich eine Björk nicht besser hätte ausmalen können. Es ist schlicht beeindruckend: Parry konstruiert seine Kompositionen unheimlich akribisch und detailverliebt, doch alles hört sich so natürlich und eigendynamisch an wie der titelgebende Fluss. Nach dem kurzen Ambient-Instrumental "Sai no kawara (River of death)" folgt der deutlichste Bezug auf die eigene Geschichte. "On the ground" ist im Kern ein bedächtiges Stück Kammer-Folk, in dem eine geisterhafte Stimme begleitet von dezenter Percussion und Synths ins Nichts hallt, bis Mitglieder der Friends Of Fiddler's Green – der alten Band Parrys Vaters – den Song mit Streichern, Ziehharmonika und Sackpfeifen auf eine höhere Ebene hieven. "Song of wood" beginnt ähnlich intim und pastoral, doch auch hier finden sich alte Begleiter des Kanadiers ein, um schließlich für ein nicht mehr in Worte zu fassendes Finale aus Flöten und himmlischen Harmonien zu sorgen – vielleicht die schönste Minute Musik, die man in diesem Jahr zu Ohren bekommen hat.

Wo Arcade Fire mit Konsumkritik und Weltuntergangs-Disco mittlerweile fest in der realen Gesellschaft angekommen sind, sucht Parry eher nach etwas Ursprünglichem – und beschäftigt sich dabei nicht nur mit dem Leben, sondern auch mit dem Tod so explizit wie seit "Funeral" nicht mehr. Da bekommt "Finally home" eine ganz neue Deutungsebene, wenn dieses von Stadtflucht erzählende Folk-Kleinod am Ende nur noch in wortlose Schwalle aus Noise und engelschorgleichen Synthies mündet. Doch der Tod ist hier weniger angsteinflößender Schlusspunkt, mehr die unumstößliche Rückführung des Selbst zur Erde, die ihm überhaupt erst die Existenz geschenkt hat. "I was in the world (Was the world in me)" heißt passenderweise das fast zehnminütige Kernstück des Albums. Dessen erster Akt gelingt mit fein verschachteltem Alternative-Country und Parrys vielleicht bester Melodie überhaupt schon großartig genug, doch wenn nach einem atemberaubenden Crescendo Post-Rock-Wände, Grillenziepen und schließlich totale Stille den Raum einnehmen, erlebt man eine ganz seltene Form cineastischer Naturverbundenheit. "Quiet river of dust Vol. 1" bricht Strukturen auf, bleibt dem Hörer dabei aber stets voll und ganz geöffnet und schafft eines der schwierigsten, aber lohnendsten Wunderwerke der Kunst: eine unmittelbar fühlbare Abbildung der Welt, die dank ihrer kompositorischen Klasse auch auf einer nüchternen formalen Ebene ungemein virtuos und eigenständig daherkommt. Die Frage "Richard wer?" wird sich spätestens, wenn im Herbst 2019 der zweite Teil dieses Opus erscheint, hoffentlich niemand mehr stellen müssen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Gentle pulsing dust
  • Song of wood
  • I was in the world (Was the world in me)

Tracklist

  1. Gentle pulsing dust
  2. Sai no kawara (River of death)
  3. On the ground
  4. Song of wood
  5. Finally home
  6. I was in the world (Was the world in me)
  7. Farewell ceremony

Gesamtspielzeit: 43:40 min.

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User Beitrag

The MACHINA of God

Postings: 11239

Registriert seit 07.06.2013

2018-10-17 22:53:21 Uhr
Keiner gehört?

Erster Durchgang: schön.

Armin

Postings: 13429

Registriert seit 08.01.2012

2018-10-14 19:52:48 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

"Album der Woche"!

Meinungen?

Armin

Postings: 13429

Registriert seit 08.01.2012

2018-07-27 12:11:25 Uhr - Newsbeitrag
RICHARD REED PARRY / Arcade Fire kündigt neues Solo Album: QUIET RIVER OF DUST VOL. 1’ für den 21.09. an (Anti / Indigo)

TO BE RELEASED ON SEPTEMBER 21 VIA ANTI- RECORDS

WATCH ANIMATED VIDEO FOR TWO NEW SONGS “SAI NO KAWARA (RIVER OF DEATH) / ON THE GROUND" HERE

https://ffm.to/rrp_qrodv1

LISTEN TO NEW SONG “ON THE GROUND” VIA SPOTIFY + PRE-ORDER THE ALBUM HERE



Richard Reed Parry is thrilled to announce that he has signed to ANTI- Records and will be releasing two albums as a two volume series. This autumnal equinox – September 21 – Quiet River of Dust Vol. 1 will be released while the spring equinox of 2019 will be the release date of Volume 2. Courtesy of Pitchfork, watch the animated video (directed by Caleb Wood and Richard Reed Parry) for two new songs from Vol. 1 - “Sai No Kawara (River of Death)” and “On the Ground”.

Best known as an accomplished multi-instrumentalist in the Grammy-winning rock band Arcade Fire, the Quiet River of Dust volumes are Parry’s first solo work outside of his innovative compositional work with the highly respected Deutsche Grammaphon label. But Quiet River of Dust is a new direction: a dreamlike journey of immersive, gently psychedelic songs inspired by Japanese death poems and the folk music of the British Isles.

The genesis of these songs came ten years ago after Arcade Fire’s first tour of Japan in February 2008. Parry stayed on for weeks after the last show, heading to a monastery for some solace in what he described as “the biggest silence you’ve ever heard.” Quiet River of Dust has been slowly gestating ever since, in many ways a necessary respite from Parry’s other musical pursuits as creating this music grew into a meditative practice.

“The song ‘On the Ground’ was inspired by an encounter with ghost voices in a Japanese forest near a temple on the mountain Koya-S?n,” Parry explained. “I told director Caleb Wood the story - of being alone in this magical environment of giant cedar trees and hearing a loud chorus of powerful harmony singing that sounded inexplicably identical to my late father’s folk band the Friends of Fiddler’s Green, who were the soundtrack to my entire childhood and upbringing.”

Despite these influences, Parry did not explicitly want to write in a traditional British Isles folk style. Nor did he want to create the kind of pop songs to which tens of thousands of people could sing along, as he does with Arcade Fire. But while that band’s landmark 2004 debut, Funeral, made a grandiose statement through big, bold gestures, Quiet River of Dust does the same, with vertical layers of sonic architecture, but with the inverse approach: small, soft and gentle, though just as grand. Parry wanted to create a tangible aural garden of rapturous colors that invite exploration and create an immersive experience.

“I’m lousy at sitting still and being nothing,” Parry says. “But being out in the natural world or being immersed in music is the meditation for me. That’s the heart of this record: the experience of transcending the place that you’re in, getting lost in the feeling of where you end and where the world begins, in a dreamlike world of music and thought.”

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