Less Bells - Solifuge

Kranky / Cargo
VÖ: 14.09.2018
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10

Tristesse toujours
Irgendwo da hinten liegt ein Schuh. Er hat schon einmal bessere Zeiten gesehen, aber bequem ist er immer noch. Neben ihm liegt ein Hemd. Es passt perfekt, aber ist längst aus der Mode. Kleider machen Leute, sagt der Volksmund. Dass das, was einst in Mode war, nun Material für den Container ist, bietet Spielraum für allerhand Interpretationen. Aus den Lautsprechern dringt ein wortloses, ortloses Dröhnen. Ein Blick aufs Cover verrät den Titel des Albums: "Solifuge". Von ganz weit weg wühlt sich eine Stimme durch das Gewebe der Klänge. Solifugae sind Spinnentiere. Das ist kein Zufall. In unendlicher Langsamkeit wechseln sich die Akkorde ab, während die Zeiger der Uhr rückwärts zu gehen scheinen. Wo dereinst gute Laune herrschte, regiert nun die Tristesse. Wenn Musik binnen weniger Minuten jeglichen Frohsinn aus dem Gemüt saugen kann, dann muss sie etwas richtig gemacht haben.
Julie Carpenter, die unter dem Pseudonym Less Bells firmiert, macht Musik für Menschen mit Hang zur Vereinzelung. Ihre kargen Miniaturen schleichen sich fast unmerklich an den Hörer heran, ehe sie ihn packen und nicht mehr loslassen. Streicher und Pads dominieren den Sound, bisweilen gesellen sich Bass- und Klavier-Akzente dazu. Es ist eine leere, eigenartige Landschaft, die ihre Kompositionen vor dem inneren Auge entstehen lassen. Einzelne Tracks herauszugreifen, fällt dementsprechend schwer. "Solifuge" funktioniert primär als Gesamtwerk. Es ist eine Schall gewordene Liebeserklärung an die Schwermut. Wenn sich beispielsweise aus allerhand Gewaber in "Bombardment" plötzlich eine Cello-Melodie hervorschält, bleibt nur ergriffenes Staunen. Eine Aussicht auf Aufheiterung gibt es nicht. Wo kein Licht ist, bleibt kein Platz für Schatten.
Der zentrale Track des Albums ist das über dreizehn Minuten währende "Milwaukee protocol". Während Carpenter bei den anderen Songs den Fokus auf die Melodien richtet, rückt hier ganz und gar die Atmosphäre in den Vordergrund. Was schon bei Max Richters "Sleep" hervorragend funktionierte, gelingt auch hier. Zwischen Tag und Nacht, zwischen Fieber- und Wachtraum hängen die Akkorde. Dissonanzen versuchen immer wieder, die Oberhand zu gewinnen, werden jedoch stets dorthin verscheucht, wo sie herkommen. Dies ist keine leichte Kost, sondern Musik, die entweder vereinnahmt oder abschreckt. Wer bereit ist, sich akustisch an den Rand des Befindens treiben zu lassen, wird in "Solifuge" einen herausragenden Reisebegleiter finden. Der Weg führt nach innen. Rückfahrt nicht inklusive.
Highlights
- Valentine
- Bombardment
- Milwaukee protocol
Tracklist
- Bird in hand
- Forest ghosts
- Desert
- Valentine
- Bombardment
- Golden storm
- Milwaukee protocol
- The Gills
Gesamtspielzeit: 50:18 min.
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