Bosse - Alles ist jetzt

Bosse- Alles ist jetzt

Vertigo / Universal
VÖ: 12.10.2018

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Mit dem Strom

Die oft beschworene Debatte um Haltung im Deutschpop, die Bands wie Ok Kid ja zum vermeintlichen Thema für ganze Alben machten, entzieht sich Axel Bosse unmissverständlich: "Hass kommt von sozialer Ungerechtigkeit / Von fehlendem IQ / Aber das ist einfach nur Nazi-Scheiß / Die unmenschlichste Wut." Keine weiteren Fragen – wir wissen, was der Mann vom Rechtsruck hält. So weit, so gut. Doch leider weiß Bosse mit seinem siebten Studioalbum ansonsten weder musikalisch noch textlich so richtig zu überzeugen.

Dabei beginnt "Alles ist jetzt" so stürmisch: Mit Aufbruchstimmung kämpft sich der Sänger im Titeltrack von einer wohl überstandenen Midlife-Crisis frei. Der radiotauglichen Melodie stehen aber die allzu sperrigen Textzeilen im Wege, die klingen, als hätte der Barde auf halbem Wege keine Inspiration mehr für einen vernünftigen Reim gehabt: "Alles ist jetzt / Es ist alles, alles jetzt / Und das Leben ist kurz / Zu kurz für ein langes Gesicht" oder "Ich hab gelernt, zu feiern / Und zu schätzen, was ich hab." Das alles klingt eher nach den Anfängen eines Teenie-Songwriters als das jüngste Werk eines gereiften Poeten.

Natürlich ist diese textliche Unbeholfenheit charakteristisch für den 38-Jährigen und zieht sich dazu in einer Konsequenz durch das Album, die für sich fast schon wieder schlüssig ist. Einige positive Auswüchse dessen sind das nostalgische "Hallo Hometown", das das melancholische Gefühl verarbeitet, nach langer Zeit wieder in seine Heimatstadt zurückzukehren: "Ich bin wieder da / So lange her und doch so nah / Und in jeder Ecke hängt noch ein Teenager-Traum / Hallo Hometown." Nicht nur dieser Rückblick auf die eigenen Ursprünge erinnert an Caspers Coming-Of-Age-Album "Hinterland", auch die musikalische Untermalung bewegt sich oft zwischen den Standard-Arrangements zeitgemäßer Deutschpop-Radiosongs mit ihren gefälligen, leicht tanzbaren NDW-Beats und dem von Folk-Romantik und cleanen Gitarrenmelodien getragenen Klangbild des Indie-Rappers. Besonders "Wanderer" klingt verdächtig nach dessen Single "Im Ascheregen", weiß dafür aber mit nicht minder bittersüßen Zeilen samt Tattoo-Potenzial zu überzeugen: "Ich find' Ruhe, wo Du bist / Hatte vergessen, was das ist."

So wird aber auf voller Länge einem Sound nachgeeifert, der seinen Höhepunkt vor einer halben Dekade hatte. Mit seinen Deutschpop-Kollegen kann sich das Album zweifellos messen lassen, allerdings sollte sich Axel Bosse auch fragen, ob das noch sein Anspruch sein kann – auch angesichts schwacher Lückenfüller-Tracks auf der zweiten Albumhälfte wie "Die Befreiung", "Indianer" oder "Süchtig". Die Chance, einen selbstbewussten Kontrast zum oft verurteilten, neuen deutschen Mainstream zu liefern, verpasst damit leider auch "Alles ist jetzt".

(Julius Krämer)

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Highlights

  • Hallo Hometown

Tracklist

  1. Alles ist jetzt
  2. Hallo Hometown
  3. Augen zu Musik an
  4. Robert de Niro
  5. Wanderer
  6. Ich warte auf Dich
  7. Die Befreiung
  8. Indianer
  9. Pjöngjang
  10. Overkill
  11. Süchtig
  12. Ich bereue nichts

Gesamtspielzeit: 43:54 min.

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User Beitrag

hubschrauberpilot

Postings: 4684

Registriert seit 13.06.2013

2018-11-06 17:13:42 Uhr
Puh, erschreckend schwaches Album. Dabei hatte Bosse doch auf jedem Album bisher so 1-2 gute Songs.

4/10
Adolf Breit
2018-10-25 16:28:37 Uhr
Aber echt jetzt! Ich fordere: Raus mit Bosse!
Iiv
2018-10-25 16:07:39 Uhr
Kann nicht mal bitte irgendjemand irgendwie diesen ekelhaften Vollidioten aussperren? Danke.
Promo-Praktikantin Manu
2018-10-25 12:05:18 Uhr
Huhu!
Manu
2018-10-25 10:58:28 Uhr
Oha, ist jetzt die Bosse-Bashing-Zeit angebrochen?

Wenn es jemand schafft sich nach und nach sein Publikum zu erspielen, immer mal wieder einen wunderbaren Song rauszuhauen, sich kommerziell und politisch nicht zu verbiegen, live im Grunde immer abzuliefern und dem Publikum eine entspannte und glückliche Zeit beschert, dann verdient das allein schon meinen Respekt.
Ich muss dabei nicht jeden Song abfeiern und vieles berührt mich auch nicht. Aber man kann auch ruhig mal anerkennen was jemand erarbeitet und geschafft hat, auch wenn es vielleicht nicht dem eigenem Musikgeschmack entspricht.
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