Marble Sounds - The advice to travel light

Marble Sounds- The advice to travel light

Zeal
VÖ: 21.09.2018

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Himmelsklangkörper

"Ich bin Freund von Klischees und funkelnden Sternen", sang Gisbert zu Knyphausen einst. Ob er an Marble Sounds Freude hätte – oder gar hat? Nicht etwa, weil die Belgier klischeehaft zu Werke gingen. Nein, die Klischees möchte ich mir lediglich in der folgenden Rezension herausnehmen. Denn ihre Alben gleichen in der zeitlichen Wirkung einem Sternenhimmel in der Dämmerung. Zuerst werden einige kräftig strahlende Lichter sichtbar. Auf ihrem vierten Longplayer "The advice to travel light" ist das etwa die nicht zufällig ausgewählte Single "Anyhow (Even now)", welche die zentrale Frage "Will I find peace of mind?" ebenso wenig aus dem Kopf lässt wie die verhallt klingende Leadgitarre. Auch der eröffnende Titeltrack mit seiner mächtigen Steigerung ins Rauschen und das folgende, leicht synkopierte "In time" besitzen Melodien zum Niederknien. Der Polarstern heißt indes "Fire in the lake". Er überstrahlt als erstes alle anderen Songs und bleibt auch später der Fixpunkt der Platte.

"Come on over before we choke / Who am I to ask more?", sendet Frontmann Pieter van Dessel hier in die Nacht hinaus, in der Hoffnung, eine totgelaufene Beziehung wiederzubeleben und es schnürt die Kehle zu. Die Gitarre spielt beinahe stoisch ihr schleppendes Motiv, die Percussion tastet unsicher umher, die Warmherzigkeit der harmonischen Dynamik des Stücks rührt unglaublich tief. "When you think it's over / There's fire in the lake" – klar, es geht weiter. Darauf vorbereitet hat zuvor das spartanische "39", die Abhandlung über den Zustand in ebenjenem Alter und was man damit alles nicht erreicht hat. "I don't know where I am at 39 / And it could take a moment to arrive." Das unruhige Picking legt den Grundstein, es erscheinen plötzlich Stimmfetzen links und rechts des Gehörgangs, während van Dessel die Sicherheit zurückbringt: "I'm sure we'll survive." Die Platte hält die Balance, verliert den Optimismus nicht aus den Augen. Sie gibt so unglaublich viel zurück.

Während das grandiose "Tautou" Ausflüge in sphärische Unwirklichkeit und französische Kammermusik noch zuließ, bleibt "The advice to travel light" derweil näher am Kernsound. Anders ist höchstens, dass die Belgier mit "Speeches" und "The road" zwei folkige Perlen geschaffen haben, die Sufjan Stevens gerne damals auf "Michigan" oder "Illinois" untergebracht hätte. Insbesondere letzteres setzt das dort so typische Banjo und die euphorischen Chöre ein, ohne dass dies abgekupfert oder im Kontext von Marble Sounds fremd wirken würde. "Keep repeating" hält sich ans eigene Mantra, schichtet sich auf und auf bis zur erlösenden Klimax, während man sich bereits fragt, wie die Band am Anfang des Songs diese tribalartige Percussion so flüssig in den Ablauf gebracht hat.

Einer der Sterne, die vielleicht erst später ins Blickfeld geraten ist der Closer "One last regret", der an die lyrischen Themen der Vorgänger anknüpft und resümiert: "It's what I haven't done / That makes me what I have become." Das ewige Leben im Konjunktiv. Was ich anlässlich "Tautou" nicht getan hatte, ist die richtige Punktzahl zu geben, die für ein Album an der Spitze meiner Jahresendliste angemessen gewesen wäre. Dass sich "The advice to travel light" 2018 in deren Nähe festsetzen wird, ist hingegen jetzt sicher. Nachdem sich auch zwischen den Instant-Highlights die unscheinbareren Stars als solche entpuppen. "About you" ist nicht mehr nur die kleine, herzige Lo-Fi-Skizze mit verstimmter Klampfe, sondern eine ergreifende Mini-Episode über die Unfähigkeit, über eine Beziehung hinwegzukommen. Das im Takt verschobene "Wisdom is bliss" ist mehr als nur das hübsche Zwischenstück aus den ersten Durchläufen und bleibt tröstend im Gedächtnis. Der Sternenhimmel ist vollständig mit Lichtern bepflastert. Und ich muss mich am Ende des Jahres nicht deshalb wieder ärgern.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • The advice to travel light
  • Anyhow (Even now)
  • Fire in the lake
  • One last regret

Tracklist

  1. The advice to travel light
  2. In time
  3. Speeches
  4. Anyhow (Even now)
  5. About you
  6. 39
  7. Fire in the lake
  8. The road
  9. Wisdom is bliss
  10. Keep repeating
  11. One last regret

Gesamtspielzeit: 41:37 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
squand3r
2018-10-19 16:22:12 Uhr
@Editor: sorry die verpätete Antwort : )

ja, ich kann Garda bedenkenlos empfehlen. Hat für mich weitaus mehr ‚The National‘-Potenzial als Marble Sounds. Die Vocals sind sehr nah am Berninger‘s Signature-Bariton und die Gefühlslage der Songs erinnern mich an die Liebkinder ‚Aligator‘ und ‚Sad Songs...‘

novemberfliehen

Postings: 61

Registriert seit 13.06.2013

2018-10-13 19:21:44 Uhr
Was mein Vorredner sagt.

Aufs erste Ohr beim gemütlichen Joggen in der Herbstsonne sehr angenehm und in sich geschlossen, wobei sich lediglich einzelne (Song-)Fragmente festgesetzt haben.

Bei Boxer von The National lief es bei mir ähnlich, wobei da zu Beginn schon stärkere Einzelsongs drauf waren.

Mal abwarten.

derp

Postings: 197

Registriert seit 18.04.2014

2018-10-13 12:50:08 Uhr
Gefällt mir sehr gut. Solche Empfehlungen sind der Grund, warum ich immernoch gerne hier vorbeischaue. Marble Sounds, Garda und Marlon Williams hätte ich ohne plattentests.de wahrscheinlich nicht gefunden.

The MACHINA of God

Postings: 10639

Registriert seit 07.06.2013

2018-10-13 02:58:46 Uhr
Schönes Album.
Fnü
2018-10-11 11:57:59 Uhr
Ein "Ich" in einer Rezension. Vielleicht habe ich es die letzten Male nur überlesen, aber das tut so unglaublich gut. Diese ewig-alberne Anrede in der dritten Person des Rezensenten hat mich jedes Mal ein bisschen madig gemacht. Schön geschrieben, Felix!
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