The Night Game - The Night Game

The Night Game- The Night Game

Interscope / Universal
VÖ: 07.09.2018

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Rückwärts marsch

Grobe Verallgemeinerung gefällig? Jungs stehen auf Mädchen. Das waren Zeiten, da Queerness und Transgender noch nicht im Bewusstsein der Öffentlichkeit stattfanden und man seine Band unwidersprochen Boys Like Girls nennen konnte. Genauer gesagt 2005, als Martin Johnson die leicht Emo-lastigen Pop-Punker gleichen Namens gründete, die aber vornehmlich in den USA ihr Publikum fanden. Und da das nicht alles sein kann und nicht nur die Songs um die Welt gehen sollen, die Johnson schon für Taylor Swift, Daughtry oder Avril Lavigne schrieb, holte der Mann aus Los Angeles ab 2017 tief Luft und zum großen Schlag aus. Mit dem zu allem fähigen Kirin J Callinan als Partner bei The Night Game und mehreren Songs, die inmitten der schönen Achtziger-Katastrophen im Formatradio für die nicht mehr ganz junge Zielgruppe zunächst gar nicht weiter auffielen.

Wohlgemerkt: zunächst. Nach ein paar Mal Plucker-Sequenzer, Gitarren-Schreng und Falsett war der Hörer nämlich drin in "Bad girls don't cry" – noch so eine Verallgemeinerung –, einem formidablen Stück Plastik-Pop, das sich dank quietschender Leads und Backgroundchor inklusive Connan Mockasin und MGMTs Andrew VanWyngarden als Mitjohler sogar eine gewisse Indie-Credibility bewahrt. Hier fliegt nicht nur das Blech weg, sondern treten sich auch frühe Duran Duran und der synthetische Head-Automatica-Ableger Color Film gegenseitig auf die Neonschuhe. Der Kölner Retro-Elektroniker Roosevelt verpasste der Vorabauskopplung "The outfield" sogar einen Remix – aber schon im Original ist dieser Opener ein Hit mit umarmender Gesangsgeste und enormer Oberflächenspannung. Rückwärtsgerichtetheit hin oder her.

Eigentlich also unnötig zu erwähnen, dass mit "Once in a lifetime" direkt die nächste Single wartet, die sich bis zum hochfahrenden, fein arrangierten Refrain um eine gebremste Rhythmusmaschine herumdrückt und fast genauso gut ist. Wir tun es trotzdem, denn viel Substanzielles haben The Night Game nach diesem überzeugenden Auftakt nicht mehr zu bieten. Dafür genug ins Käsige Lappendes, das zweifelsohne trotzdem sein Airplay bekommen wird. Doch was nützt das, wenn das Quotenduett "Do you think about us?" erst das "Twin Peaks"-Titelthema antäuscht, dann aber in marmeladener Weichspülerei versinkt? Und auch Chairlifts Caroline Polachek, die bei "Bruises" noch so zauberhaft sang, als habe sich jemand zu hart auf ihren Schoß gesetzt und nicht vor, in absehbarer Zeit wieder aufzustehen, lässt lediglich generisches Gesäusel vom Stapel.

Allzu große Einsichten bringt "The Night Game" auch in der Folge nicht mehr – angesichts der blitzblanken Soundästhetik allenfalls die, dass Nicolas Winding Refns "Drive" im Grunde auch nur die L.A.-Version von "Miami Vice" ohne Polizeimarke und mit cooleren Klamotten war. Und um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, braucht es weder das fraglos hübsche "A forest"-Gedächtnisriff von "Die a little" noch das windschiefe "American nights", in der sich ein Cheerleader-Chor zu deplatzierten Trap-Einlagen verrenkt. Am Ende zeigen die dahergesamteten, analogen Erinnerungen an "mixtapes on cassettes and a picture you put in a letter" oder arg matte Zeilen wie "When you lose someone / You find out who you really are" vor allem eins: Manche Dinge ändern sich nie. Ob das jetzt gut oder schlecht ist? Das lässt sich oft genauso wenig sagen wie bei diesem Album.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • The outfield
  • Bad girls don't cry
  • Die a little

Tracklist

  1. The outfield
  2. Bad girls don't cry
  3. Once in a lifetime
  4. Do you think about us?
  5. The photograph
  6. Sunset on the beltway
  7. American nights
  8. Die a little
  9. Summerland
  10. Coffee and cigarettes
  11. Back in the van

Gesamtspielzeit: 43:43 min.

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MasterOfDisaster69

Postings: 436

Registriert seit 19.05.2014

2018-10-04 19:11:50 Uhr
oh, ich sehe gerade, dieselbe Frage wurde musie gerade im Beach House Thread gestellt und so beantwortet:
"1) es sind jeweils ca. 50 pro Jahr ohne Festivals 2) wenig Schlaf und sparen indem man zB nicht raucht"

Dreistellig wird dann evtl. die Anzahl der Bands, die Du inkl. Vorbands und Festivals im Jahr live siehst.

MasterOfDisaster69

Postings: 436

Registriert seit 19.05.2014

2018-10-04 19:05:25 Uhr
@musie Angeber wieder mit seinen Konzertbesuchen, auf wie viele Konzerte bringst Du es so in einem normalen Jahr? bestimmt dreistellig, oder? Auch interessant: wie finanzierst Du das ?

musie

Postings: 2389

Registriert seit 14.06.2013

2018-09-27 10:55:26 Uhr
Ich hab sie kürzlich 2x live gesehen, sie sind auch live ein Gewinn. Schauen aus wie direkt aus Back To The Future kommend mit dem Stirnband und den zerrissenen Jeans. Grossartiges Once in a Lifetime Cover von Talking Heads.
Maddin Tschonsen
2018-09-27 09:49:18 Uhr
Tolle Platte für all diejenigen, die sich nicht vor zeitgemäßer Popmusik fürchten und auch ein wenig Kitsch vertragen. Meiner Meinung nach hat jeder einzelne Song Ohrwurmcharakter und bleibt spätestens nach dem dritten Mal hören für etliche Tage im Gehörgang.

OK, also eigentlich war die erste Boys Like Girls-Platte besser. Aber der Typ weiß einfach, wie man catchy Tunes schreibt.

Meine persönlichen Anspieltipps: The Outfield, American Nights, Once In A Lifetime.

Armin

Postings: 14507

Registriert seit 08.01.2012

2018-09-26 20:24:40 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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