Coheed And Cambria - The unheavenly creatures

Coheed And Cambria- The unheavenly creatures

Rykodisc / Warner
VÖ: 28.09.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Houston, we have a new story

Etwa dreimal wurde sie schon totgesagt, zumindest aber von vielen vergessen, diese Band mit der Vorliebe für ausufernde, entweltlichte Sci-Fi-Konzepte, vertont in Emorock, Prog und Metal. Nachdem Kollege Cianci mit "The color before the sun" die kaum möglich gehaltene Wiederkunft der Space-Bande Coheed And Cambria auf der Erdoberfläche miterlebte, sollte man sich kaum drei Jahre danach wieder auf das Abheben gefasst machen: Bodenständigkeit ist nunmal nicht die Tugend dieser Kapelle. Natürlich nicht. Vielmehr haben Claudio Sanchez und Kollegen 15 neue, ausufernde Stücke fabriziert. Und sicher nicht nur Edelfans oder Emo-Nerds werden sich dafür begeistern können, dass die Truppe mit "The unheavenly creatures" ihren Storytelling-Altar um eine neue fünfteilige Saga erweitert. Wer hat 78 Minuten Zeit mitgebracht, um gemeinsam eine Spritztour durch das erste Kapitel dieses Mammut-Werks zu wagen?

Nach dem Prolog zur neuen Geschichte, die "The Vaxis series" heißt und natürlich im erweiterten Raum ihrer Sci-Fi-Saga "The Amory wars" angesiedelt ist, lernt der Hörer mit "The dark sentencer" den gleichnamigen Planeten kennen, den seine Bewohner als trostloses Gefängnis ohne Zukunftsperspektive wahrnehmen und auf dem sich nicht nur diese fast acht Minuten abspielen. Iron-Maiden-Stadion-Riffings und entschlossene "Hey hey!"-Shoutings der Charaktere entwerfen ein agitatorisches, revulotiänres Szenario der bevorstehenden Revolte und der geplanten Flucht der Bewohner, die im gewohnt hymnischen und ausufernden Refrain folgt: "Here where the light only dies to remember / You can escape / Shed your skin and expose your bones / Take my hand and follow us out in the dark / So far that we can take it back!" Puh, was für ein Brocken. Sanchez wählt ein Thema, das sich im übertragenen Sinne nicht rein zufällig auf den Planeten Erde spiegeln lässt: soziale Ungerechtigkeit, Ausbeutung, modernes Sklaventum als Dreischritt des modernen Kapitalismus? Inzwischen ist der Mastermind Vater geworden, doch im Gegensatz zum Vorgänger enthält "The unheavenly creatures" kaum autobiografische Züge. Eher findet das Thema darin Berücksichtigung, dass es Verantwortung von uns allen ist, welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen. Und für was wir in diesem Sinne kämpfen sollten.

Zeit zum Erinnern muss indes auch sein. An die Melodietrunkenheit, mit der Coheed And Cambria das dritte der bisher sieben Kapitel von "The Amory wars" auf "In keeping secrets of silent Earth: 3" die Mischung aus Emo, Pop, Classic Rock und Metal derart hitverdächtig zelebrierten, dass man mit den Ohren schlackerte. "Unheavenly creatures", ein zunächst von Synthies initiiertes Stück, ist so ein typischer, zuweilen luftiger Coheed-And-Cambria-Song, er führt die Hauptcharaktere mit Namen "Creatures" und "Sister Spider" ein. Dunkel und bedrohlich wie deren Dasein sind Atmosphäre und auch Gitarrenriffs von "Queen of the dark" und "Black sunday". Zu letzterem Stück ließ sich Sanchez durch eine Zeichnung von Kurt Vonnegut inspirieren, auf der die Inschrift "Life is no way to treat an animal" einen Grabstein ziert. Sich aufrichtend an diesem Grundsatz des Aufbruchs ergießt sich alles Negative in eine zuckersüße Melodie, die den Song hinausträgt. Ein ebenso positiver, ja kreischend euphorischer Refrain ziert "Love protocol", und man zollt den Amerikanern zu Recht höchsten Respekt für diese Melodien, denn auch das folgende "The pavilion (The long way back)" quetscht gleich drei oder vier Harmoniefolgen in für dieses Album vergleichsweise kompakte fünf Minuten: "Over and over / The light hits the dust / It's a choice I had to make / But for us I chose to give it all up."

Am besten ist "The unheavenly creatures" tatsächlich dann, wenn Coheed And Cambria ihr Metier in Richtung des eigentlich Untragbaren führen, sodass sich Hörer wie Rezensent umgehend fragen: Ist das nur noch peinlich oder einfach schon wieder verdammt gut? "Toys" nistet sich als erstes im Gehörgang ein und ähnelt auf der kompositorischen Ebene mit Kitsch, Bombast-Refrain und jeder Menge Theatralik mehr einem Classic-Rock-Musical denn einem Rocksong. Wer sich Queen und My Chemical Romance auf einer gemeinsamen Bühne mit Rush oder Yes wünscht, braucht sein Album des Jahres zumindest kaum mehr suchen. Clever gestrickt sind Ohrwürmer wie "Old flames", den Sanchez in der gleichen Session wie den Titeltrack komponierte. Denn es sind auch plötzliche kreative Wendungen innerhalb der Stücke, wie die letzten zwei Minuten des eigentlich schroffen und wuchtigen "The gutter", die immer wieder ein unverhofftes Grinsen hervorlocken und die üppige Spielzeit wie im Fluge vergehen lassen. Selbst, wenn man gedanklich nie zu den entlegenen Orte fliegen kann, wo dieser Sanchez längst residiert: Gute Reise!

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Unheavenly creatures
  • Toys
  • The pavilion (A long way back)
  • Old flames

Tracklist

  1. Prologue
  2. The dark sentencer
  3. Unheavenly creatures
  4. Toys
  5. Black Sunday
  6. Queen of the dark
  7. True ugly
  8. Love protocol
  9. The pavilion (A long way back)
  10. Night-time walkers
  11. The gutter
  12. All on fire
  13. It walks among US
  14. Old flames
  15. Lucky stars

Gesamtspielzeit: 78:12 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
PhilMarten
2018-10-15 11:32:37 Uhr
Enthält einige tolle Coheed-Popsongs, und es gibt auch wieder Kopfkino-Momente.
Was mir ein bisschen fehlt ist der progressive Einschlag (Springen von Time-Signatures, verschiedene Parts/Stimmungen innerhalb eines Liedes, Ausbrechen aus Strophe/Refrain/B-Teil-Schemen).
Das ist - wie schon bei TCBTS - alles etwas zu straight. Es sind halt nicht automatisch Prog-Lieder nur weil die Laufzeit mal über 6 Minuten geht, es sind eher lange Rocksongs.

7/10 geht in Ordnung. Love Protocol, Black Sunday, The Gutter, True Ugly, All On Fire sind nämlich trotzdem tolle Lieder.
der kleinste gemeinsame thailänder
2018-10-14 10:56:16 Uhr
zugegeben: mothers of men ist ein starker song. subtraction mag ich auch sehr gerne. aber auch viell füllmaterial für mich dabei. anyway :)

Affengitarre

Postings: 3055

Registriert seit 23.07.2014

2018-10-13 13:02:07 Uhr
Mit einem halben Punkt mehr ist die Sache aber nicht getan. :D Die Aftermans sind schön kompakt (40 Minuten Spielzeit, herrlich), haben tolle Songs, ich meine, Key Enity 1-5 sind super, Mothers Of Men, der schön kitschige Titeltrack, einfach klasse. Das ist schon ne 7/10.
der kleinste gemeinsame thailänder
2018-10-13 09:27:49 Uhr
waaaat
die 4 „willing wells“ sind der oberhammer.
lying secrets, mother may i, wake up...hammer songs
welcome home ist im übrigen der sing den ich immer skippe.
die aftermans sind ok für mich, mehr ä nicht. packt mich nicht so. evtl kann man da über 0.5 punkte streiten ;)

keenan

Postings: 1456

Registriert seit 14.06.2013

2018-10-12 17:07:59 Uhr
"Apollo 1 hat mich auch nie so gepackt wie manch anderen. "

geht mir genauso. außer "always & never" und "welcome home" eigentlich nicht viel zu bieten. "wake up" und "the suffering" sind noch ganz nett, aber der rest, naja...

würde behaupten wenn der "welcome home" nicht drauf wäre, würde die platte nicht an platz 1 bei den meisten fans stehen.
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