Riverside - Wasteland

Riverside- Wasteland

InsideOut / Sony
VÖ: 28.09.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

And then there were three

Natürlich ist es hinlänglich bekannt, dass am 22. Februar 2016 mit Piotr Grudziński der Gitarrist einer der hoffnungsvollsten, kreativsten und spannendsten Prog-Bands der letzten Jahre, nämlich Riverside, mit gerade einmal 40 Jahren an Herzversagen starb. Genauso bekannt ist es, dass es vor allem Frontmann Mariusz Duda war, der seine Trauer mit Hilfe seines Solo-Projekts Lunatic Soul zum Ausdruck brachte. Dennoch blieb die Frage: Was wird eigentlich aus Riverside? Die Polen fanden relativ bald eine Antwort: Die Band wird weiter bestehen, nur eben als Trio, ohne Grudziński, der für die wunderbaren Gitarrenlandschaften der ersten Alben verantwortlich zeichnete. Im Studio übernimmt nun also Duda selbst die Arbeit an den sechs Saiten, was zum einen natürlich für Kontinuität sorgt, zum anderen jedoch ein gewisses Risiko birgt: Mitte der siebziger Jahre ruinierte mit Genesis schon einmal eine Prog-Band durch die gleiche Entscheidung nachhaltig ihren Ruf.

Zunächst jedoch beginnt "Wasteland" leise. Verloren. Einsam. Klagend steht Dudas A-Cappella-Gesang im Intro "The day after" im Raum, bis er nur noch als schwaches Echo zu vernehmen ist. Währenddessen baut sich im Hintergrund die drohende Wand auf, die im Anschluss zu "Acid rain" werden soll. Einem Song, der wie ein Fanal wirkt. Langsam türmen sich die Schichten auf, dominiert durch ein donnerndes Riff von Duda, das nach und nach von Keyboards getragen wird und über dem der melancholische Gesang schwebt, akzentuiert durch feine Leads des Gast-Gitarristen Maciek Meller von den Landsleuten Quidam, der Riverside zukünftig auch auf der Bühne unterstützen wird.

Wie gut das Trio mit Meller harmoniert, zeigt das folgende "Vale of tears", das wohl als einer der bisher härtesten Songs der Bandhistorie gelten dürfte. Auch hier entwickelt sich die volle Wucht erst Schritt für Schritt, bis "Vale of tears" zu einem wahren Lehrstück in Sachen Prog Metal wird – mit der Betonung auf Metal. Nicht minder großartig ist allerdings die tiefe Emotionalität, die mit "Guardian angel" und vor allem "Lament" folgt. Insbesondere letzterer Song zeigt ohne jegliche Weinerlichkeit, wie vertonte Trauer und die Gefühlswelt nach einem schweren Verlust klingen können und ist wohl noch am ehesten eine Parallele zu den tatsächlichen Schicksalsschlägen im Bandumfeld. Und als wollten die Polen sich diese angehäuften Emotionen von der Seele spielen, wirkt das Instrumental "The struggle for survival" wie die endgültige Katharsis, wie eine Befreiung. Der Hinweis auf die Kopfhörer ist so alt wie abgedroschen, doch angesichts der unbestrittenen Klasse der Band und dieses knapp zehn Minuten langen Werks hier absolut angemessen.

Nun waren Riverside schon immer mehr als das, was der erste Eindruck suggerieren mochte. "Wasteland" zeigt allerdings auf beeindruckende Manier die Vielschichtigkeit der Band, nicht nur offensichtlich musikalisch, sondern auch textlich. Das ist auf der einen Seite die naheliegende Interpretation, bei der Apokalypse könne es sich nicht etwa um ein Mad-Max-ähnliches Szenario handeln, sondern vielmehr um die ganz persönlichen Katastrophen. Auf der anderen Seite ist da natürlich die große Variabilität der Songs, die Begabung, das gewisse Etwas tief im Inneren auszulösen. Und da ist zum Schluss zunächst zart angedeutet, später immer offensichtlicher die Botschaft, dass da draußen irgendwo Hoffnung ist, etwas zutiefst Positives in der Melancholie. "Close your eyes / Don't be afraid / I'm with you / This place is safe", wie Duda im abschließenden "The night before" singt. "Wasteland" ist somit nicht etwa vertonte Hoffnungslosigkeit. Sondern ein beeindruckendes Zeugnis dafür, dass es auch in dunklen Zeiten lohnt, nach vorne zu sehen.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Vale of tears
  • Lament
  • The struggle for survival

Tracklist

  1. The day after
  2. Acid rain
  3. Vale of tears
  4. Guardian angel
  5. Lament
  6. The struggle for survival
  7. River down below
  8. Wasteland
  9. The night before

Gesamtspielzeit: 50:49 min.

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User Beitrag

timo

Postings: 51

Registriert seit 28.07.2017

2018-10-14 08:22:39 Uhr
Anno Domini High Definition ist auch mein bislang unübertroffenes Album von Riverside. Man merkte ihnen regelrecht an, dass sie ihre (selbstangelegten) Fesseln der Reality-Dream-Trilogie abgelegt haben und frei aufspielen konnten.

Ich habe sie vorher schon live gesehen, was mir gut gefallen hat, die Tour zu ADHD war für Riverside allerdings ein sehr großer Schritt nach vorne. Mit den nachfolgenden Alben wurden sie zwar musikalisch stimmiger und haben aufnahmetechnisch an Qualität gewonnen, an die Spiel- und vor allem Experimentierfreude, die sie bei ADHD hatten, sind sie m. E. nicht mehr herangekommen.

Bis jetzt. Je häufiger ich Wasteland höre, desto mehr begeistert es mich. So extrem traurig der plötzliche Tod von Piotr Grudziński auch ist, der tiefe Einschnitt in ihrer Bandgeschichte hat sich jedenfalls positiv auf ihre musikalische Weiterentwicklung ausgewirkt.

Wasteland ist auch musikalisch natürlich im Tal der Tränen angesiedelt. Doch bei aller Melancholie, die dieses Album umgibt, kann man eine gewisse Aufbruchstimmung erkennen. Es ist ein in sich geschlossenes, aber nicht verschlossenes Werk, zu dem man trotz der Komplexität leicht Zugang erhält.

keenan

Postings: 1456

Registriert seit 14.06.2013

2018-10-11 07:55:53 Uhr
die ersten 3 alben gut, danach so lala
Comfy Numb
2018-10-10 23:43:00 Uhr
Anno Domini High Definition war der Höhepunkt - aber sie dürfen gerne noch eine ganze Weile weitermachen...

Voyage 34

Postings: 52

Registriert seit 11.09.2018

2018-10-10 23:29:47 Uhr
Man ich hab's immer noch nicht hören können. Ihr Höhepunkt ist für mich ja shrine of the new generation...

Das letzte war auch ganz gut aber etwas zu bequem
Porcurillion (ausgeloggt)
2018-10-10 20:53:58 Uhr
Na, die ersten Alben sind schon Hausnummern. Stimmt aber, dass diese Zeit vorbei ist.
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