Marissa Nadler - For my crimes

Marissa Nadler- For my crimes

Bella Union / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 28.09.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Scheitern bis wolkig

Wäre das Leben einfacher, würde Marissa Nadler vielleicht Dancehall-Gassenhauer inklusive Pitbull-Feature verfassen. Das wäre schlimm. Doch zum Glück ist das Leben eine ziemlich anstrengende Angelegenheit, weshalb die US-Amerikanerin auch weiterhin nicht zur Beschallung der nächstgelegenen Großraumdisco beiträgt. Die Nadler-Formel ist mittlerweile bekannt: Akustikgitarren bilden das Fundament, während die Songwriterin mit der einzigartigen Stimme direkt ins Hörerherz hineinleidet. Bei allem Hang zum Dramatischen sind die Songs jedoch niemals wehleidig oder gar kitschig. Die Musikerin weiß genau, wie weit sie gehen darf und muss. Die Erwartungen an ein neues Werk sind dementsprechend hoch. Und selbstverständlich trifft auch "For my crimes" dorthin, wo es am schönsten schmerzt.

"Please don't remember me for my crimes", raunt die Sängerin im Titelsong und gibt damit direkt den Grad der Helligkeit vor: Finster ist es im Gemüt, bis auf Weiteres. Auf Nadlers um sich selbst kreisende Songs muss sich der Hörer einlassen wollen, sie sind garantiert nichts für den Konsum zwischen Tür und Angel. An selbiger hängt man allerdings sofort, sofern die richtige Stunde zum Hören gefunden ist. Wahlweise mit einem Glas Rotwein oder einer Liste bisher getroffener Fehlentscheidungen in der Hand, versteht sich. Marissa Nadler besingt das Scheitern im Großen und Kleinen wie kaum eine andere. Das lyrische Ich verkündet Zeilen wie "I know I'm going to hell" ohne großes Brimborium drumherum. Wenn Stimme und Gitarre genügen, dann spricht das für die Güte des Songwritings.

Das einzige Problem von "For my crimes" ist die Tatsache, dass es nicht das erste, sondern das achte Album ist. Überraschen kann Nadler kaum noch, was aber nichts an der inhärenten Qualität ihrer Kompositionen ändert. Es kommt nicht auf die Art der Werkzeuge an, sondern darauf, wie sie eingesetzt werden. Und das, was beispielsweise in "Blue vapor" passiert, kann nur von einer Meisterin ihres Fachs erdacht worden sein. Geschickt setzt sie hier Wiederholungen ein, um an der Intensitätsschraube zu drehen, ohne dabei das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Zudem weiß Nadler durchaus, welcher Stempel ihr mittlerweile anhaftet, was leicht augenzwinkernde Songs wie "I can't listen to Gene Clark anymore" verdeutlichen.

Billy Corgan kündete dereinst bei einem Konzert einen Song mit den Worten "Das nächste Lied ... ist wieder traurig" an. Ein Kalauer, den sich auch Marissa Nadler auf ihre nächste Setlist kritzeln kann. Besonders toll wird die allumfassende Schwermüterei immer dann, wenn sie sich mit schmallippiger Boshaftigkeit paart. Wer einen Song "You're only harmless when you sleep" nennt, weiß, wo der Hebel angesetzt werden muss, damit die Botschaft ankommt. Während andernorts die Lanas und Adeles ihr Leid in üppigen Arrangements ersäufen, bleibt Marissa Nadler fast schon stoisch ihrer Linie treu. Wo keine Sonne ist, bleibt auch kein Platz für Optimismus. Licht ist sowieso überbewertet.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • For my crimes
  • I can't listen to Gene Clark anymore
  • Blue vapor
  • You're only harmless when you sleep

Tracklist

  1. For my crimes
  2. I can't listen to Gene Clark anymore
  3. Are you really going to move to the south
  4. Lover release me
  5. Blue vapor
  6. Interlocking
  7. All out of catastrophes
  8. Dream dream big in the sky
  9. You're only harmless when you sleep
  10. Flame thrower
  11. Said goodbye to that car

Gesamtspielzeit: 34:15 min.

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Armin

Postings: 13594

Registriert seit 08.01.2012

2018-09-19 20:50:14 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Armin

Postings: 13594

Registriert seit 08.01.2012

2018-06-27 19:55:06 Uhr - Newsbeitrag
Mit “For My Crimes“ wird am 28.09. das neue Album von Marissa Nadler via Bella Union erscheinen. Zwei Jahre nach dem Release von “Strangers“ meldet sich die US-amerikanische Singer/Songwriterin nun mit elf neuen Songs zurück.

“For My Crimes“ ist bereits das achte Album in der fast 15-jährigen Karriere von Nadler. Das neue Material wurde größtenteils auf Tour geschrieben und zusammen mit den Produzenten Justin Raisen (Angel Olsen, Kim Gordon, Charli XCX) sowie Lawrence Rothman im Januar dieses Jahres aufgenommen.



Entstanden ist so ein wunderbar melancholisches Werk, das gewohnt düster und intim daherkommt, manchmal zerbrechlich wirkt, um dann doch eine hypnotisierende Stärke freizusetzen. Getragen werden die Songs vor allem durch Nadlers glasklare Stimme, die auf dem Album namhafte Gesangsunterstützung von Angel Olsen, Kristin Kontrol (Dum Dum Girls), Sharon Van Etten sowie musikalisch durch Hole- und Juliette and the Licks-Schlagzeugerin Patty Schemel sowie Mary Lattimore an der Harfe, Janel Leppin an den Streichern und Saxophonist Dana Colley (Morphine) ergänzt wird.

Der Titeltrack des Albums “For My Crimes“ steht ab sofort zum Hören bereit. Am 26.10. macht Marissa Nadler dann in Berlin Halt, um das neue Material live vorzustellen.
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