Christine And The Queens - Chris

Christine And The Queens- Chris

Because / Caroline / Universal
VÖ: 21.09.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Körperwelten

Heute mal ein kleiner Exkurs in die Dialektik der Kulturindustrie. Héloïse Letissier, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Christine And The Queens, versteht sich als queer und baute bereits ihr Debüt "Chaleur humaine" um Reflexionen fluider Geschlechtsidentitäten herum auf. Der Zweitling "Chris" formuliert diese Themen noch weiter aus und da sich der Gender-Diskurs aktuell so en vogue befindet, stellt das Album damit die berechtigte Frage nach seiner Motivation in den Raum. Passend dazu erhält es wie sein Vorgänger auch eine englischsprachige, massenmarktkompatiblere Entsprechung zum französischen Original, welches nur in der Deluxe Edition mitgeliefert wird. Doch man muss sich nicht einmal Interviews mit Letissier anhören, ihre Musik reicht schon aus für eine klare Erkenntnis: Hier singt ein Mensch, kein Produkt, aufrichtig und mit Herzblut über seine tatsächlichen Erfahrungen, hier hat ein Mensch ein ganz persönliches Anliegen, Sexualitäts- und Geschlechterkonstrukte einer Behandlung mit der Abrissbirne zuzuführen. Ein widerstandsloses Einfügen in den Markt und authentische, leidenschaftliche Kunst – so widersprüchlich diese Dinge klingen, ausschließen tun sie sich nicht.

Deshalb sei Chris, wie Letissier es selbst beschreibt, auch nicht bloß eine für die gleichnamige Platte geschaffene Kunstfigur, sondern purer Ausdruck ihrer eigenen Identität. Dafür hat sie sich auch äußerlich verändert: Die langen Haare sind ab, ihr Körper, gestählt durch exzessive Tanz-Performances, athletischer und androgyner. Da die Französin ähnlich wie ihr großes Vorbild Madonna eine audiovisuelle Künstlerin darstellt, passt ihr neues Auftreten auch perfekt zur Musik. "Chris" ist weitaus körperlicher, schwitziger und direkter als sein Vorgänger, die Ästhetik klar bei Michael Jacksons "Dangerous" sowie Spät-Achtziger-Funk und -R'n'B verortet. Die erste Single "Girlfriend" vereint eigentlich schon alle Zutaten, spachtelt Nile-Rodgers-Gitarren in einen infektiösen Electro-Funk-Groove, während eine pop-gerechte Sektion von Pärchenbeziehungen stattfindet: "Don't feel like your girlfriend / But lover / Damn, I'd be your lover." Wenn der Song – ähnlich wie schon der grandiose Opener "Comme si" – später in einem verspielten Synthie-Finale aufgeht, macht es auch deutlich, wie großartig sich Letissier Radio-Pop-Konventionen zu eigen machen kann, nur um sie musikalisch oder inhaltlich immer wieder zu untergraben.

So erweist sich "Chris" auch im Folgenden als einfach verdammt gutes Pop-Album, das auch losgelöst von seiner Bedeutung für queere Mainstream-Musik einen riesengroßen Spaß macht. "Goya soda" vertont fünf Minuten lang pure Lebensfreude und verbindet eine trockene Basslinie mit naturalistisch-entrückten Vocals, während "The walker" als dezente, luftige R'n'B-Ballade überzeugt. Generell sind die Dynamik und das Abwechslungsreichtum hier beeindruckend: Da inszeniert sich Letissier im mechanischen Electro-Soul von "Damn (What must a woman do)" noch als französische Schwester Beyoncés, nur um direkt danach in der cineastischen Synthwave-Isolation von "What's her face" abzutauchen. Alles sitzt perfekt, von den Melodien und Hooks bis zur präzisen, minimalistischen Produktion, dazu transportiert Letissiers Stimme – hier übrigens merklich weniger bearbeitet als noch auf dem Debüt – jede rohe Emotion so glaubhaft wie ihre neue Körperlichkeit. Deshalb sind die eingangs aufgestellten Gedanken im Grunde müßig, das Vorhandensein einer auch hier hinter der Kunst wirkenden Industrie so klar, wie es komplett egal ist. Der Effekt, den Christine And The Queens durch ihre bloße Existenz auf den Hörer und die Musikwelt generell ausübt, ist ganz un-dialektisch ein eindeutig positiver.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Comme si
  • Girlfriend (feat. Dam-Funk)
  • Goya soda
  • What's her face

Tracklist

  1. Comme si
  2. Girlfriend (feat. Dam-Funk)
  3. The walker
  4. Doesn't matter
  5. 5 dollars
  6. Goya soda
  7. Damn (What must a woman do)
  8. What's her face
  9. Feel so good
  10. Make some sense
  11. The stranger

Gesamtspielzeit: 44:23 min.

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User Beitrag

Marvin

Postings: 20

Registriert seit 27.04.2018

2018-09-24 16:23:34 Uhr
Auf der französischen Version gibt es einen Song mehr. Sonst ist alles gleich von den Songs und Arrangements her. Dass die französische Version etwas natürlicher flowt, stimmt zwar, empfinde die englische in der Hinsicht aber nicht als störend oder auffallend holprig. Bevorzuge deshalb auch die englische, weil ich als nicht Französisch Sprechender nur so die Texte verstehe (und ihren Akzent übrigens auch total super finde).
@saihttam
2018-09-24 13:00:23 Uhr
Man merkt manchen Songs stark an, dass sie auf Französisch geschrieben und später übersetzt wurden, weil der Flow nicht so hinhaut. Achte mal drauf, wenn du die Versionen später vergleichst.
Oh oh oh
2018-09-24 12:46:49 Uhr
Der Marvin reviewt mal wieder eine Pansexuelle.

Nein! Doch! Ohhhh!

saihttam

Postings: 1181

Registriert seit 15.06.2013

2018-09-24 12:07:53 Uhr
Sind denn die englische und die französiche Version genau gleich nur eben auf unterschiedlichen Sprachen? Oder wurde teilweise auch etwas an den Arrangements geändert bzw. sind auch völlig andere Songs drauf?
Ja echt
2018-09-19 23:55:59 Uhr
Sie tut ja damit gerade so, als würden die Leute das französische Album nicht auch ohne die Deluxe-version kaufen...
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