Christina Stürmer - Überall zu Hause

Christina Stürmer- Überall zu Hause

Polydor / Universal
VÖ: 21.09.2018

Unsere Bewertung: 2/10

Eure Ø-Bewertung: 2/10

Mukke zum Staubsaugen

Christina Stürmer ist sicherlich eine nette Dame mit netter Stimme und zumindest von der Intention her netten (wenn auch arg platten) Botschaften. Aber so wahr ich diese Zeilen hier nackt im vollverglasten Plattentests.de-Gebäude tippe und schon fünf Liter Pilzrahmsuppe intus habe, ist sie vor allem eines: Eine total authentische Vollblutkünstlerin. Ganz so wie Ryan Tedder von OneRepublic, und wie deren letztes Album "Oh my my", von Stürmer als große Inspirationsquelle ausgegeben, wird wohl auch "Überall zu Hause" völlig zurecht als großer Triumph künstlerischer Schaffenskraft und originellen Ausdrucks über die Mechanismen der Musikindustrie in die Geschichtsbücher eingehen. Schließlich folgt Frau Stürmer, die immerhin an allen Songs ein wenig mitgeschrieben hat, ausschließlich ihrer eigenen künstlerischen Stimme. Wie sonst sollte es zu erklären sein, dass Vorab-Bote "In ein paar Jahren" völlig entgegen dem momentanen Mainstream auf tanzbare Beats und Synthies gepaart mit Gute-Laune-Phrasen in bester Schlagermanier setzt? Christina Stürmer ist eben völlig authentisch und würde niemals des dreckigen Erfolges wegen aktuellen Trends folgen. Da drängt sich doch eine Frage auf: Ist Christina Stürmer nicht nur dank des Gebrauchs von Futur II und Konjunktiv die Hoffnung aller Deutschlehrer im Kampf gegen die Jugendsprache, sondern vielleicht auch durch ihre völlig neue Herangehensweise die Retterin der deutschsprachigen Popmusik?

Natürlich ist sie beides. Wie es ihr gleich im Opener wortgewandt gelingt, in zwei Strophen, einer Brücke und vier Refrains nicht mehr als "Life is what happens to you while you're busy making other plans" auszusagen, ist eine ebenso große Leistung für die deutsche Sprache wie der eintönige Beat und die "Ohohohs" für die Popmusik. Stürmers feine Rhetorik ist dabei so einzigartig wie ihr nicht kaputtzukriegender Optimismus. Man muss es auch erst einmal schaffen, auf Tiefschürfendes der Marke "Der erste Schritt ist der schwerste / Doch schon der zweite ist nicht mehr so hart" noch eine Weisheit wie "Und wenn dein Herz einmal bricht / Dann wird's danach ganz sicher zweimal so stark" draufzulegen. Lyrische Zahlenspiele und eine mit "Alles wird gut, sowieso" umschriebene Botschaft? Das kriegt so niemand hin. Die nun offensiv als Mutter vermarktete, äh, sich offen zur Mutterrolle bekennende Frau Stürmer zeigt sich auf "Überall zu Hause" sogar nahbar wie nie. "Während Pro und Kontra kämpfen / Putze ich das Haus" aus dem poetischen Höhepunkt "Schere Stein Papier" kommt sicher gut bei der Zielgruppe, äh, Fangemeinde der Hausfrauen an, während "Du bist perfekt" und "Du erinnerst mich an mein Herz" voll unkitschig und total authentisch die ganz ganz großen Muttergefühle beschwört. Zeilen wie "Mit Deinen wunderbaren Fehlern / Und dem Kratzer im Gesicht / Bist Du perfekt / Genau wie Du bist" sind einfach so deepes Storytelling, sie können niemals einem auf Verkaufszahlen schielenden Kalkül entsprungen sein.

Sträflich unerwähnt blieb in der Lobeshymne noch die Vielseitigkeit von "Überall zu Hause". Auf das euphorisch-träumerische "Heiser vor Glück" folgt das träumerisch-euphorische "Jeder unserer Träume", folgt das euphorisch-träumerische "Fahrtwind", folgt das euphorisch-träumerische "Mount Everest". Obwohl man hier schon völlig bedient ist und sich nichts weiter von Christina Stürmer wünschen kann, haut sie mit "Nochmal so tun" mal eben eine Ballade mit wahrlich ergreifenden romantischen Visionen raus: "Und ich sah schon unsere Namen / Eingraviert auf einer Bank im Zoo und so." Da will man doch glatt losheulen. Vor Freude, versteht sich, denn ein anderes Gefühl gibt es im Kosmos von Christina Stürmer schließlich nicht. Wie sonst sollte man sich auch "Überall, überall-all zu Hause" fühlen, und es "solange Du bei mir bist" total klasse finden, tagelang auf dem Meer ohne Sicht auf ein Ziel zu treiben, auch wenn manche Teile der Erdbevölkerung ähnliche Situationen aktuell nicht ganz so supidupi finden. Na ja, kann man einem doch mal durchrutschen, dass manche Sätze vielleicht nicht ganz feinfühlig sind, aber von doofen politischen Lagen lassen wir uns doch nicht die gute Laune verderben, oder?

(Marcel Menne)

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Highlights

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Tracklist

  1. Das ist das Leben
  2. In ein paar Jahren
  3. Du erinnerst mich an mein Herz
  4. Heiser vor Glück
  5. Jeder unserer Träume
  6. Fahrtwind
  7. Mount Everest
  8. Nochmal so tun
  9. Überall zu Hause
  10. Schere Stein Papier
  11. Zweimal so stark
  12. Du bist perfekt
  13. Freu Dich nicht zu spät

Gesamtspielzeit: 46:14 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Patrik
2018-09-21 13:12:56 Uhr
Das Album ist sehr gut und macht echt gute Stimmung! Sehr weiter zu empfehlen!
Bea Sina
2018-09-21 05:29:29 Uhr
Mit diesem Album ist Christina Stürmer wirklich reif für eine Show am Ballermann. Hätte nie gedacht dass ich das einmal schreibe...Wss für eine traurige Entwicklung.
Anna Lüst
2018-09-14 21:32:33 Uhr
Der Unterschied zwischen feiner Ironie und dem Ironiehammer scheint dem Rezensenten unbekannt zu sein,.
Resischeur
2018-09-14 21:01:29 Uhr
Weita!
Ente
2018-09-13 23:38:31 Uhr
Nandinak
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