Schmutzki - Mehr Rotz als Verstand

Schmutzki- Mehr Rotz als Verstand

Bäm / Cargo
VÖ: 14.09.2018

Unsere Bewertung: 1/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Sag nein!

Ein kleiner Ausflug zum Bewegtbild: Im 1998er Kultfilm "The big Lebowski" hat der Hauptprotagonist Jeffrey Lebowski, genannt "The Dude", an vielen Fronten zu kämpfen: Zwei Schläger pissen auf seinen Lieblingsteppich, sein rollstuhlfahrender Namensvetter verwickelt ihn in eine Entführungsposse, dessen Tochter möchte vom "Dude" geschwängert werden und eine Gruppe deutscher Nihilisten macht ihm obendrein das Leben schwer. Ein "Nihilist" beschreibt laut Wikipedia "jemanden, der alle ethischen Wertvorstellungen verneint", frei übersetzt also ein komplettes Arschloch. Im Film spielt Red-Hot-Chili-Peppers-Basser Flea einen der drei Nihilisten, besser besetzt gewesen wären die Rollen womöglich jedoch mit dem Stuttgarter Trio Schmutzki. Mit ihrem aktuellen Album "Mehr Rotz als Verstand" beweisen Sänger Beat Schmutz und seine beiden Mitstreiter abermals, dass ihre Maxime maximale Sinnlosigkeit lautet.

Auch auf ihrer dritten Platte liefert die Gruppe ausgehöhltesten Spaßrock fürs Festzelt. Schon der Opener "Sturmfrei" hat nur eine Message: Feiern als gäbs kein Morgen. "Es ist sturmfrei, partygeil, alle Spackos kommt vorbei", heißt es da, wenn die eigene Wertlosigkeit nebst der Sinnfreiheit des Lebens an sich zelebriert wird. Eine Weltanschauung der verbrannten Erde, die ganz perfide auf eine Zielgruppe abzielt, die man womöglich Prekariat schimpfen könnte. Soziale Unsicherheit durch geförderte Blödheit wettzumachen, das wird allerdings nicht funktionieren. Umso schlimmer klingt es, wenn Schmutzki in "Zu jung" fordern: "Komm lass uns was Dummes tun!" Immer wieder orientieren sich die drei aus der baden-württembergischen Landeshauptstadt dabei an bekannten Rock-Bands und deren Songs: "Beste Bar der Stadt" klingt nach Beatsteaks, "Mr. Dejot" ahmt schamlos Mando Diao nach. Funktioniert halt bei den dancenden Massen auf der Kirmes, der Kirchweih oder dem Volksfest. Schmutzki vermögen es aber darüber hinaus, songstrukturelle Einfachheit und musikalische Partywütigkeit lyrisch auf eine Ebene hinunterzuzerren, die nicht mehr feierlich ist.

Im Titeltrack findet sich das Trio in "Stuttgart-Kaputtgart" wieder, bestreitet eine Art Wurzelsuche und bemerkt dabei: "Wir hatten deutlich mehr Rotz als Verstand". Eine realistische Selbstsicht. Die Auswirkungen des ständigen Versagens zeigen sich in "Gut so": Nichts gelingt dem Protagonisten im Alltag, weil er allabendlich abstürzt und man fragt sich, ob man etwa ein Spießer sein soll, nur weil man kein Starkstrom-Alki ohne Lebensziele ist. "Alles kaputt" setzt die Geschichte fort: "Ich werde älter, aber schlauer werd ich nicht mehr", wird da mit breiter Brust vorgetragen. Bildung? Eh fürn Arsch. "Komaliebe" handelt von einem astreinen Filmriss-Fick. Man kann nur hoffen, es wurde an die Verhütung gedacht. Dass aber ein Track namens "Mein Kind" anschließt, scheint die böse Vorahnung zu bestätigen. Schmutzki klingen hier ein wenig nach Die Ärzte und behaupten: "Weil Dich die Zukunft nicht interessiert / Bist Du der Grund, dass Punkrock existiert." Damit negiert die Band auch noch die ansonsten ja durchaus existenten politischen Stärken des Genres. "Das bist nicht Du" könnte musikalisch von Kraftklub oder auch The Hives stammen, im Text möchte man einen Schlipsträger zum Tunichtgut umfunktionieren. Man muss sicher kein leidenschaftlicher Banker, Steuerberater oder FDP-Wähler sein, um den Song scheiße zu finden.

Zu guter Letzt formuliert das Trio noch eine Durchhalteparole an seine dauerprallen Fans. In "Jeder Kater" wird das Licht am Ende des Tunnels mit dem erneuten Rausch gleichgesetzt, eine Ode an den Alkoholismus gesungen: "Nur ein kleiner Schluck und alles ist gut", heißt es da, oder noch expliziter: "Irgendwann, Du wirst sehen / Werd ich wieder hier stehen / Weil mein Herz ein alter Säufer ist." Keine Ahnung, wer diese lebensverneinende Billigmucke voller dümmlicher Wortwitze gut finden soll. So besoffen kann man doch gar nicht sein. Und auch keine Ahnung, wie man mit so einer Nicht-Einstellung lange überleben kann, zumindest nicht ohne nachhaltige Störung. Letztere aber bestreiten Schmutzki ja gar nicht, sondern sind stattdessen stolz darauf, wie beschissen sie drauf sind. Da ist Hopfen und Malz verloren. Darum: einen großen Bogen machen um diesen Schund!

(Pascal Bremmer)

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Highlights

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Tracklist

  1. Sturmfrei
  2. Zu jung
  3. Beste Bar der Stadt
  4. Mr. Dejot
  5. Kalifornia
  6. Mehr Rotz als Verstand
  7. Gut so
  8. Alles kaputt
  9. Komaliebe
  10. Mein Kind
  11. Das bist nicht Du
  12. Jeder Kater

Gesamtspielzeit: 31:29 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Reeperbahner
2018-09-20 15:05:57 Uhr
Mit den richtigen Leuten in Hamburg gesoffen, schon isser da der Plattenvertrag!

Watchful_Eye

Postings: 1376

Registriert seit 13.06.2013

2018-09-20 14:54:30 Uhr
Genau so, wie man sich bei einer Höchstwertung nicht einig sein kann, kann man es sich auch nicht bei einer Niedrigstwertung.

Musik, an der niemand aus jeglicher Sichtweise etwas gutes finden könnte, bekäme erst gar keinen Plattenvertrag (und wäre zu irrelevant für eine Rezension).

Robert G. Blume

Postings: 376

Registriert seit 07.06.2015

2018-09-20 12:27:48 Uhr
@Ernst

Ich glaube, da verstehst du die Rezension falsch. Schließlich bekommen hier auch Alben gute Bewertungen, die persönliche, kryptische, unverständliche oder gar keine Texte haben. Bei Schmutzki liegt es halt auf der Hand, wenn eine Band so offensiv mit der eigenen Anspruchslosigkeit hausieren geht, das auch zu kritisieren. Das ist halt Ballermann im Gitarrengewand. Kann man machen, bringt sogar sicher gutes Geld ein, aber es ist von keinerlei künstlerischer Wertigkeit.
Mit deinem Dickinson-Vergleich machst du noch mal ein völlig anderes Fass auf. Musik zu bewerten anhand dem, was die Künstler privat so tun, das ist ein anderes schwieriges Thema.
Herr Lö Sungh
2018-09-20 11:23:08 Uhr
Keine Lösungsansätze gibt es nur bei Adam Angst.
ERNST
2018-09-20 11:08:17 Uhr
@ROBERT G BLUME: Das hat ja auch so keiner gesagt, nur basiert die 1/10 ja nicht nur auf der schwachen musikalisch-textlichen Qualität, sondern laut Rezension auch auf nicht vorhandenen Lösungsansätzen für irgendwelche soziale Probleme, siehe Pascals Kommentar hier im Forum.

"Wäre es nicht sinnvoller mit Werten als mit Wert(e)losigkeit Gemeinschaftsgefühl zu generieren?"

Was kommt als nächstes? 'Ne 1/10 für Iron Maiden, weil Bruce Dickinson als Pilot ein negatives CO2-Konto hat?

Musik und Text hätten auch so für 'ne 1/10 gereicht, keine Frage.
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