Hochzeitskapelle / Kama Aina - Wayfaring suite

Hochzeitskapelle / Kama Aina- Wayfaring suite

Gutfeeling / Broken Silence
VÖ: 21.09.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Einmal um die Welt

Ein kleiner Musikästhetik-Exkurs: In der Kunsttheorie wurde Musik lange Zeit stiefmütterlich behandelt. Als der Franzose Charles Batteux Mitte des 18. Jahrhunderts ein System der schönen Künste vorstellte, das die Naturnachahmung als Primat der Kunst bestimmte, war die Musik darin zwar enthalten, allerdings mit einer entscheidenden Einschränkung: Ihr mussten Worte beigemischt werden. Dass Instrumentalmusik nicht, wie die bildenden Künste oder Poesie, fähig ist, plastische Dinge nachzuahmen oder etwas auszusagen, braucht auch gar nicht bestritten zu werden. Dass sie deswegen aber weniger wert ist als die restlichen Kunstformen, schon. Deshalb haben sich viele Theoretiker um die Nobilitierung der Musik bemüht, seitenlange Wortakrobatik betrieben, um etwas ganz Simples klarzustellen: Musik muss nichts nachahmen, sie muss den Hörer etwas empfinden lassen, und das kann sie besser als alle anderen Kunstformen.

Langweiliger Geschichtsunterricht zu Ende; 200 Jahre später: Eine bayerische Rumpeljazz-Band tut sich mit einem japanischen Komponisten zusammen, und dem Rezensenten erschließt sich, was er im Musikstudium gelernt hat. Obwohl dem Hörer nur dieses eine Wort "Wayfaring" an die Hand gegeben wird, kann er sofort nachempfinden, worum es geht: Aufbruch, Reise, Fernweh. Würde man Zach Condon über die liebevoll instrumentierten und herrlich unschuldig klingenden Lieder singen lassen, hätte man wahrscheinlich das schönste Beirut-Album aller Zeiten. Ohne Gesang ist es immer noch der perfekte Soundtrack für jeden Tagtraum vom nächsten großen Roadtrip.

Die Band formierte sich 2012 anlässlich der Hochzeit eines ihrer Mitglieder und spielt seitdem vornehmlich Cover-Versionen ihrer Lieblingslieder im Band-eigenen, oben erwähnten Stil: Rumpeljazz. Eines dieser Lieblingslieder ist der "Wedding song" des kaum bekannten Japaners Takuji Aoyagi, der sich hinter dem Pseudonym Kama Aina verbirgt. So begeistert waren die Münchener um Markus Acher (ja, der von The Notwist) von Kama Ainas Stück, dass sie anfragen ließen, ob der Japaner an einer Zusammenarbeit interessiert sei. Das Ergebnis: "Wayfaring suite". Es fällt nicht schwer, sich einen Film vorzustellen, dessen Vertonung die zehn Stücke sind, er wäre ähnlich charmant wie etwa "Little miss sunshine" und magisch wie "Beasts of the Southern wild" oder "Big fish". Beim Hören entstehen vor dem inneren Auge Bilder eines alten Lada, Modell 4x4, der durch malerische Landschaften zuckelt, ohne jemals anzukommen, da der Weg das Ziel ist.

Es beginnt mit dem Glockenspiel von Stück Nummer 1, das das Zauberhafte der suite vorwegnimmt, und nach und nach gesellen sich die anderen Instrumente dazu. Markus Acher spielt das sparsam eingesetzte Schlagzeug, sein Bruder Micha Trompete und Tuba, Mathias Götz Posaune, Evi Keglmaier Bratsche und Alex Haas Banjo und Kontrabass. Kama Aina selbst ist für die schlichten Gitarrenmotive verantwortlich, die häufig Kern der Kompositionen sind. Jedes dieser Instrumente bekommt seinen Augenblick im Scheinwerferlicht, und so viele verschiedene Einflüsse sind in die Lieder verwoben, dass man sich im einen Moment in Asien wähnt, im nächsten irgendwo in Osteuropa und plötzlich in den amerikanischen Südstaaten. Wenn das zehnte Stück endet, hat man gefühlt eine Weltreise hinter sich gebracht und ist um eine Erkenntnis reicher: Musik muss nichts aussagen, um etwas anzusprechen, und in diesem Fall sind das Fernweh und Wanderlust.

(Simon Conrads)

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Highlights

  • Wayfaring suite 01 (Prologue)
  • Wayfaring suite 02
  • Wayfaring suite 06

Tracklist

  1. Wayfaring suite 01 (Prologue)
  2. Wayfaring suite 02
  3. Wayfaring suite 03
  4. Wayfaring suite 04
  5. Wayfaring suite 05
  6. Wayfaring suite 06
  7. Wayfaring suite 07
  8. Wayfaring suite 08
  9. Wayfaring suite 09
  10. Wayfaring suite 10 (Epilogue)

Gesamtspielzeit: 63:53 min.

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Armin

Postings: 13429

Registriert seit 08.01.2012

2018-09-17 20:36:43 Uhr
Muss einem aber auch erstmal jemand sagen, dass da ein Markus Acher dabei ist.


Dafür sind wir doch da!

alterniemand

Postings: 815

Registriert seit 14.03.2017

2018-09-16 18:12:07 Uhr
Muss einem aber auch erstmal jemand sagen, dass da ein Markus Acher dabei ist. Gab schon im Juli ein Vorab-Stück. Kann was. Scheint mir grade die richtige Musik für so einen total faulen Sonntag zu sein


Armin

Postings: 13429

Registriert seit 08.01.2012

2018-09-12 21:02:55 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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