Crippled Black Phoenix - Great escape

Crippled Black Phoenix- Great escape

Season Of Mist / Soulfood
VÖ: 14.09.2018

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Waldspaziergang mit Prog

"Die Welt ist ein Irrenhaus und hier sitzt die Zentrale!" Diesen Spruch kann man an vielen (Kinder-)Zimmertüren lesen, ernst gemeint ist er freilich nicht. Crippled Black Phoenix meinen es dagegen sehr wohl ernst, wenn sie im Song "Madman" programmatisch die Unsinnigkeit der Welt beklagen: "Someone get me out / Before I burn it all down!" "Great escape" nennen sie ihren siebten regulären Longplayer und in der Tat haftet dem Sound etwas Außerweltliches an, ein Streben nach einem anderen Leben – beflügelt nicht zuletzt durch die erneute Verarbeitung von Bandkopf Justin Greaves' psychischen Problemen. Die Erdung durch markante Riffs tritt auf dem ausschweifenden Trip in den Hintergrund, Crippled Black Phoenix schwingen den Pinsel so bedächtig wie noch nie über die akustische Leinwand. Eskapismus schön und gut – einer Sache können sie jedoch nicht entfliehen: sich selbst.

Dabei setzt das mit Sprachsamples durchsetzte Intro "You brought it upon yourselves" einen guten ersten Eindruck und der auf dem Fuße folgende Neunminüter "To you I give" lässt mit seinem atmosphärisch-zähen Sound alle Anhänger sich direkt heimisch fühlen. Nickende Zustimmung, keine Begeisterung allerdings. So richtig aus dem Quark kommt "Great escape" erst im zweiten Monolithen "Times, they are a raging". Ein Epik verheißendes Klavier begrüßt den Hörer, nimmt sich Ruhe und Zeit, in den eigentlichen Song hineinzuleiten. "Free us from the violence", singt Vokalist Daniel Änghede, während sich eine sanfte Version der Apokalypse zusammenbraut. Die Idee, das Akkordeon nicht nur den Schluss des Tracks begleiten, sondern es auch in das von Belinda Kordic gesungene "Rain black, reign heavy" hineinfließen zu lassen, gehört zu den besten hier.

"Nebulas" gerät geradezu auffällig poppig, schielt leicht in Richtung Dreamgaze, wird jedoch von den mächtigen Drums zurückgehalten, die mit zunehmender Zeit interessantere Figuren vollführen. Das knackige "Las diabolicas" beginnt mit einem aufgeheizten Dialog-Sample, der Song wird zum hektischen Drama: "You will never find a place to hide / The walls are closing in on you tonight." Da ist sie wieder, die Sehnsucht nach der Flucht, welche die elf Stücke unterlegt. Dass ausgerechnet hier der beste Part von "Great escape" endet, ist schade – schließlich warten noch die zwei Teile des Titeltracks, die beide zusammen über 20 Minuten umfassen. Doch während Crippled Black Phoenix zwar in epischen Pink-Floyd-Sphären ihre Hausaufgaben gemacht haben, mag der Funke bei allem Wohlklang aber nicht recht überspringen. Das majestätische Schreiten, der leisetretende Mittelteil, die Klimax, der langsam fließende Schluss – hat man eben alles schon etwas besser gehört.

Ein paar Mal zu viel verlässt sich die Truppe auf Bewährtes, auf bekannte Sounds, auf vorhersehbare Akkordfolgen. Longtrack folgt auf Interlude folgt auf Zwischenstück folgt auf Longtrack. An diesem Prinzip ist nichts Grundlegendes auszusetzen, es bleibt zu "Great escape" darüber hinaus jedoch nur wenig Spannendes zu konstatieren. Die 73 Minuten bilden tatsächlich eine Art Flucht in Parallelwelten wie von der Band intendiert, leider fehlt ein bleibender Eindruck, wenn die Realität nach dem Verklingen der letzten Töne wieder ruft. Schönheit hin oder her, an einigen Stellen hätte mehr Biss der Sache nicht geschadet. Der eigenen Messlatte entkommt man eben nur schwer.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Times, they are a raging
  • Nebulas
  • Las diabolicas

Tracklist

  1. You brought it upon yourselves
  2. To you I give
  3. Uncivil war (Pt. I)
  4. Madman
  5. Times, they are a raging
  6. Rain black, reign heavy
  7. Slow motion breakdown
  8. Nebulas
  9. Las diabolicas
  10. Great escape (Pt. I)
  11. Great escape (Pt. II)

Gesamtspielzeit: 73:21 min.

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User Beitrag

tjsifi

Postings: 222

Registriert seit 22.09.2015

2018-09-20 09:47:36 Uhr
Wächst bei mir auch immer mehr nachdem ich mich am Anfang sehr schwer mit dem Album getan habe.

Marküs

Postings: 157

Registriert seit 08.02.2018

2018-09-19 19:25:03 Uhr
Die Scheibe holt mich ziemlich ab! Sehr geil!
Holgi
2018-09-19 18:39:42 Uhr
Es gibt keinen Grund die Platte schlecht zu reden.

timo

Postings: 52

Registriert seit 28.07.2017

2018-09-19 17:30:14 Uhr
Damit mein aktualisiertes Ranking:

A Love of Shared Disasters 8/10
The Resurrectionists & Night Raider 8/10
200 Tons of Bad Luck 8/10
I, Vigilante 9/10
(Mankind) The Crafty Ape 9/10
No Sadness or Farewell 7/10
Live Poznan 7/10
White Light Generator 8/10
New Dark Age Tour 2015 A.D. 7/10
Bronze 7/10
Horrific Honorifics ?/10
Great Escape 7/10

timo

Postings: 52

Registriert seit 28.07.2017

2018-09-19 17:24:17 Uhr
Die Soundlandschaftler aus Bristol haben ein neues Klanggemälde herausgebracht. Ein Gemälde, das den zwei Vorgängern nicht ganz unähnlich ist. Der stetige personelle Wandel, der die Band um Kopf Justin Greaves über die Jahre begleitet hat, scheint nach dem großen Krach mit Gitarrist Karl Demata und Bassist Christian Heilmann langsam zur Ruhe gekommen zu sein. Mit dieser Ruhe scheinen sie allerdings auch Routine in das Songwriting bekommen zu haben.

„Eine Band, die ihren Stil gefunden hat.“ könnte man jetzt schreiben. Das ist allerdings nicht unbedingt das, wofür Crippled Black Phoenix stehen. Wenn man sich die Soundvariationen von ‚A Love of Shared Disasters‘ bis beispielsweise ‚(Mankind) The Crafty Ape‘, unterstrichen von den EP-Einwürfen ‚I, Vigilante‘ (das von vielen zurecht als das Landmark-Album schlechthin angesehen wird) sowie ‚No Sadness or Farewell‘ anhört, erkennt man schnell, wieviel Anteil die stetig wechselnden Musiker an Veränderungen und damit Abwechslung in den jeweiligen Landschaften hatten.

„Der eigenen Messlatte entkommt man eben nur schwer.“ beschreibt Felix Heinecker richtigerweise sein Fazit in seiner aktuellen Rezension zu ‚Great Escape‘. Seit ‚White Light Generator‘ entdeckt man tatsächlich mehr und mehr das Repetitive, das Crippled Black Phoenix nicht nur in einzelnen Songs in Teilen bis zum geht nicht mehr zelebriert. Auch ‚Great Escape‘ bietet Farbspektren, die man so durchaus schon auf den bisherigen Releases entdecken durfte.

Dennoch, genau diese über die Jahre bis zur Perfektion gereiften Spektren sind die Basis, die Crippled Black Phoenix definiert.

Auf ‚Great Escape‘ hat der britische Neunköpfer erneut wunderschöne atmosphärische wie auch bedrohliche Landschaften kreiert. Dass der Pinselstrich seit einiger Zeit einen gewissen Wiedererkennungswert hat, könnte gleichermaßen als Wohlwühlfaktor für alle Anhänger der Vorgängeralben angesehen werden.

Ich gebe Felix Heinecker bezüglich seiner Rezension grundsätzlich recht, die Benotung würde ich allerdings aus hier beschriebenen Gründen eher auf 7/10 setzen.
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