Thrice - Palms

Thrice- Palms

Epitaph / Indigo
VÖ: 14.09.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Zurück in Sphären

Nein, ein richtiges Lob ist das nicht: Beinahe geradlinig klangen Thrice auf "To be everywhere is to be nowhere", ihrer nach fast fünf Jahren Bandpause angestauten Abrechnung mit Gesellschaft und Weltgeschehen. Was trotz der großen Freude über das Comeback der Post-Hardcore-Institution dann jedoch fehlte, war indes der wirkliche Aha-Moment. War das musikalisch Besondere, das Mutige und Überraschende, das Thrice immer auszeichnete. Rückblickend setzten Dustin Kensrue und Co. wohl alles auf die eine Karte: Kompakte, kraftvolle und eingängige Songs, wuchtige Produktion, am besten Fans und Kritiker nicht mit Experimenten verschrecken. So wurde ihre 2016er Platte in der Langzeitwirkung zu einer Art "Major/minor" light, zu einem unterm Strich guten, aber auf kompositorischer Ebene auch recht vorhersehbaren Werk.

Mit ein wenig Abstand und Ruhe haben Thrice wieder hörbar Freude am Experimentieren – und so viel darf man vorwegnehmen – Offenheit und Weitsicht zurückerlangt: "Palms" ist um mindestens so viele Nuancen anders gestrickt, dass sich einige Weggefährten der jüngeren Vergangenheit die Ohren reiben werden. Das musste man anhand der wenig überraschenden, aber wuchtigen und keinesfegs faden Single "The grey" zunächst nicht, aber repräsentativ für "Palms" ist das Stück ebenso wenig. Denn schon zum Auftakt lässt "Only us" auf verkapptem EDM-Beat deutlich erkennen, dass Thrice die Scheinwerfer anders ausrichten. Klar, auf den typisch sehnsüchtigen Refrain muss im Opener niemand verzichten, aber zwischen den Zeilen ist etwas passiert: Synthies flirren und zucken, bevor Kensrue zur Bridge aus voller Kehle schreit und die tiefgestimmten Bass-Saiten schreddern.

"The dark" beginnt auf bedrohlichem Bass und entrückten, aber knallenden Drums, bis die Tiefbau-Synthies die im Sommer 2018 beinahe sattgesehenen Schönwetterwolken wegdrücken. Bloß die Ruhe vor dem Sturm, wie sich zeigt, denn Bassdrum-Gewitter und druckvolle Gitarren ziehen den Hörer rein in einen waschechten Sog, wie ihn Thrice seit den sphärischen Klangwelten "The alchemy index: Vol. 1 & 2 (Fire & water)" nicht mehr hinbekamen. "Just breathe" fordert der Vierer beruhigend, doch so mancher mag Schnappatmung bekommen, erinnern die Strophen doch ein wenig an "The artist in the ambulance"-Zeiten oder zumindest daran, was "Beggars" einst versprach. Die dunstige Frische nach dem Gewitter, wenn alles nach feuchtem Asphalt riecht, die der wunderbar träumerische Refrain aufruft, kann auch die konstant unruhige Rhythmusfraktion nicht wirklich stören. Dabei ist das nur der rote Teppich für die Pianolandschaft, mit der Thrice "Everything belongs" einleiten, dieses mutstiftende Kleinod über die Vision des Zusammenhalts, wenn die Menschen die düsteren Zeiten voller Hass, Neid und Kriegen einmal hinter sich lassen – ihr wohl schönster Song seit Jahren.

Auch "My soul" ist ein sehr zartes Stück, beinahe flehend und mit Nachhall hält Kensrue diese lang vergessene, hochemotionale Atmosphäre fest, flankiert von luftig mäandernder Gitarre. Letztere bekommt für "Hold up the light", einem forschen Alternativ-Rocker, deutlich mehr Gewicht. Kurzzeitig wird es lauter – und wenn, dann richtig! "A branch in the river" lässt die Harcore-Punk-Anfänge der Band recht deutlich aufblitzen. Kensrues Stimme kratzt massiv an der Tapete, die Gitarren drücken, das Schlagzeug treibt in den hymnischen Chorus und wieder hinaus. Ein Laut und Leise, ein Auf und Ab, das im Kontext dieses konzeptuell angelegten Albums völlig Sinn macht. Denn Thrice lassen alles sacken, "Blood on blood" beschreibt politische Realitäten fernab des ersehnten Friedens, lädt mit einer Kombination aus akustischen und elektronischen Gitarrenschleifen zur experimentellen Achterbahnfahrt ein, die mitten im Dauer-Loop ein Piano aufstellt, und die Trümmer erst zur Zieleinfahrt aufkehrt. Und als ob dieses "Palms" nicht schon bis hierher viel spannender ist als erwartet, spendiert der Vierer zum Abschied die balladeske Hymne "Beyond the pines". Ein einfaches Lob? Wäre an dieser Stelle ziemlich untertrieben.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Only us
  • Just breathe
  • Everything belongs
  • Beyond the pines

Tracklist

  1. Only us
  2. The grey
  3. The dark
  4. Just breathe
  5. Everything belongs
  6. My soul
  7. A branch in the river
  8. Hold up the light
  9. Blood on blood
  10. Beyond the pines

Gesamtspielzeit: 39:32 min.

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User Beitrag

Autotomate

Postings: 2095

Registriert seit 25.10.2014

2020-06-09 22:59:45 Uhr
War jetzt doch neugierig und hab heut mal die EP gehört. Aber hm, ich bin doch einigermaßen enttäuscht.

"Deeper Wells", der Song, haut mehr Hardcore-Attitüde raus, als alles auf dem Album, aber den Refrain find ich melodisch banal und "I wanna see your hands, I wanna see your hands" hab ich live irgendwie zuu gut vor Augen (völlig anderes Thema im Song, schon klar).

"A Better Bridge" ist für mich noch der beste der 4 Songs. Die Melodien sind schon ganz hübsch, aber auch hier weht ein Hauch von Penetranz durch den Refrain.

Der dritte Song, "In This Storm", klingt zumindest ne Ecke weniger öde als sein Album-Pendant "Everything Belongs", der hätte sich an dessen Stelle besser gemacht, aber "Stumbling West" ist mindestens genauso schrecklich wie "My Soul".

In meinen Ohren klingt die EP nicht signifikant besser als das Album – weder von den Songs, noch vom Sound her. Aber auch nicht schlechter, immerhin.

MartinS

Plattentests.de-Mitarbeiter

Postings: 847

Registriert seit 31.10.2013

2020-06-07 19:43:09 Uhr
Komisch eigentlich, dass die Post-Reunion-Alben von Thrice am Sound kranken. Von "Vheissu" bis "Major/Minor" klang die Band eigentlich immer sehr gut, finde ich.
Die EP muss ich mir mal anhören.

derdiedas

Postings: 532

Registriert seit 07.01.2016

2020-06-07 09:44:41 Uhr
Die EP ist wirklich großartig und viel besser als Palms. Das beste, was sie seit Beggars gemacht haben.

Seltsame Entscheidung, einige der besten Songs nicht auf das eigentliche Album zu packen, vor allem da es mit 10 Songs auch nicht übermäßig lang ist.

Auch der Sound gefällt mir viel besser als auf Palms, das sehr flach klingt. Dabei dürften die Songs aus den gleichen Sessions stammen und vom gleichen Team produziert worden sein. Also wohl eine bewusste Entscheidung, die ich nicht ganz verstehe.

Hoschi

Postings: 327

Registriert seit 16.01.2017

2020-05-27 20:38:00 Uhr
Definitiv !
Hör auf jeden Fall rein.
Palms kommt bei mir einfach nicht über eine 5/10. Auch wenn Songs wie Only Us, just breath oder Blood on blood das Album etwas retten.
Der EP würde ich, ohne zu zögern, direkt ein 7,5/10 wenn nicht sogar eine 8 geben.
Der Opener hätte zwar mehr auf Identity Crisis als auf ein Palms gepasst aber die restlichen 3 Songs sind groß.
Vor allem klingt die Produktion wieder deutlich erdiger(Alchemy Index).
TBEITBN und Palms hatten, meiner Meinung nach, eine sehr "merkwürdige" Produktion(Vox und Drums).

Voyage 34

Postings: 897

Registriert seit 11.09.2018

2020-05-27 15:06:54 Uhr
Palms finde ich wieder gut hörbar. Glänzt nicht unbedingt als Album, aber einzelne Songs können schon was. Den Vorgänger fand ich dagegen wirklich seeehr schwach.

Die EP hab ich gar nicht gehört, könnte sich also lohnen?
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