We Were Promised Jetpacks - The more I sleep the less I dream

We Were Promised Jetpacks- The more I sleep the less I dream

Big Scary Monsters / Al!ve
VÖ: 14.09.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Zurück in die eigenen vier Wände

Es ist wie so oft im Leben: Mit etwas Abstand kommt die Erkenntnis. Als die Schotten von We Were Promised Jetpacks 2009 ihr Debütalbum "These four walls" auf die Menschheit losließen, waren die vier Jungs rund um Sänger Adam Thompson gerade mal um die 20 Jahre alt und damit ja quasi noch fast Kinder. Während andere in dem Alter etwa im Uni-Alltag aufgingen oder mit dem Azubi-Gehalt das erste Geld ranschafften und sich gemeinsam mit ihren Freunden zu jenen Erwachsenen entwickelten, die man nur wenige Jahre vorher argwöhnisch beobachtet hatte, tourten We Were Promised Jetpacks fast ununterbrochen um den Globus und zogen sich zwischenzeitlich allenfalls zurück, um neue Musik aufzunehmen. Auf das Debüt folgte zwei Jahre später "In the pit of the stomach", bis "Unravelling" von 2014 das bis dato letzte Album des Vierers markierte. Am Ende blieb nur ein Wunsch übrig: Der nächste Weg führte wieder nach Schottland, in die alte Heimat, zurück in altbekannte vier Wände, die vor dem Erfolg, vor den Fans, vor den Medienvertretern schützten, aber vor allem so vertraut waren. Endlich daheim.

Thompson und seine Kollegen nahmen sich selbst eine dringend benötigte Auszeit, um sich zu sammeln und ihre Freundschaft wieder zu definieren. Seit Schulzeiten kannte man sich, plötzlich verbrachte man deutlich mehr Zeit miteinander als mit der Familie – da muss wohl jeder mal durchschnaufen. Einige Jahre später liegt das Ergebnis dieser Erholungs- und Neufindungspause vor: Mit "The more I sleep the less I dream" legen We Were Promised Jetpacks nach, es sei genau das Album, das sie haben aufnehmen wollen, das sie als Band an diesem Punkt im Leben am besten widerspiegelt. Jedes Mitglied ist während des Entstehungsprozesses 30 Jahre alt geworden, der kurzzeitig an Keyboard und Gitarre hantierende Stuart McGachan ist wieder ausgestiegen und die Band zu ihrem ursprünglichen Zustand zurückgekehrt – zumindest personell. Musikalisch ist die stürmische Wut des Debüts mittlerweile fast verflogen, und auch die großen Gesten eines "In the pit of the stomach" gibt es hier nur stellenweise zu hören. Stattdessen gehen We Were Promised Jetpacks jenen Weg weiter, den "Unravelling" bereits angedeutet hatte. "The more I sleep the less I dream" ist wohl nicht das beste Album der Schotten. Aber ihr zufriedenstes und, auch wenn das wahrlich negativer klingt als es gemeint ist, ihr erwachsenstes.

Gleichzeitig scheint es die vier verschiedenen Stationen der Band, vom ersten bis zu diesem vierten Album, miteinander zu verknüpfen. Es schwingt jedenfalls ein besonderer Hauch von Melancholie mit, wenn das Instrumentalstück "Improbable" über leider nicht mal ganz zwei Minuten eine kleine Post-Rock-Gitarrenmelodie spielt und man sich als Hörer der ersten Stunde mit Gänsehaut an alte Zeiten erinnern darf. Oder wenn die erste Single "Hanging in" sich anfänglich zurückhaltend und mit Zeilen wie "No one knows me better than I know myself / But I'm forgetful when it seems to suit me most" selbstreflektierend gibt, in der letzten Minute aber glücklicherweise den langersehnten Ausbruch erklingen lässt. "Not wanted" verweigert sich diesem merklich, stattdessen baut es sich über fünf Minuten Spielzeit lieber als solide, mit beiden Beinen auf dem Boden stehende Indie-Rock-Nummer auf, der man den Einfluss von Produzent Jonathan Low anhört. Dieser arbeitete zuletzt etwa mit The National und Sufjan Stevens zusammen und mischte "Painting of a panic attack" ab, das letzte Werk von Frightened Rabbit vor dem tragischen Tod von Sänger Scott Hutchison.

Dass We Were Promised Jetpacks auch mit 30 Lenzen und im nunmehr 15. Band-Jahr alles andere als ruhig geworden sind, sollte dennoch klar sein. Der Opener "Impossible" sorgt für ein erstes Brodeln, das in seinen letzten Momenten bereits mit dem Feuer spielt, welches das darauffolgende "In light" mit schweren Stromgitarren im Gepäck endgültig entfacht. Nicht weniger ausgelassen, aber tanzbarer kommen "When I know more" und die zweite Vorabsingle "Repeating patterns" in der zweiten Hälfte des Albums daher, bis der Titeltrack und gleichzeitige Rausschmeißer "The more I sleep the less I dream" ein letztes Mal die schweren Geschütze auspackt. Unbequem wird es hier, das graue schottische Wetter, das laut Bandaussage eine der größten Inspirationsquellen ihrer Anfangstage war, sorgt hier für dunkle Wolken und ein nasskaltes Gefühl auf der Haut. Plötzlich gibt es Platzregen, die Straßen werden überflutet, Donnergetöse lässt jedes Wort ungehört verhallen, Blitze laden die Luft elektrisch auf. Und dann? Ist es beinahe still und stockfinster. Aber We Were Promised Jetpacks machen weiter, Thompson probiert sich erfolgreich am Falsett und säuselt gedankenverloren die letzten Zeilen des Albums: "Oh my word / I'm nothing / But a curse." Und dann ist er wieder da, der Junge von einst. Manches ändert sich im Kern eben nie, selbst wenn man die Wände noch so oft überstreicht.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Impossible
  • Hanging in
  • The more I sleep the less I dream

Tracklist

  1. Impossible
  2. In light
  3. Someone else's problem
  4. Make it easier
  5. Hanging in
  6. Improbable
  7. When I know more
  8. Not wanted
  9. Repeating patterns
  10. The more I sleep the less I dream

Gesamtspielzeit: 42:38 min.

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Oceantoolhead

Postings: 947

Registriert seit 22.09.2014

2018-09-18 20:02:12 Uhr
Dieses Album und auch das Vennart Album schlagen bei mir in die gleiche Kerbe: Man erahnt welches Potential sich in den Alben verbirgt, aber ganz überschlagen will der Funke noch nicht.

Croefield

Postings: 1028

Registriert seit 13.01.2014

2018-09-18 18:45:33 Uhr
Edit: "When I Know More" statt "Make It Easier", letzterer ist cool.

Croefield

Postings: 1028

Registriert seit 13.01.2014

2018-09-18 18:43:11 Uhr
Es sind schon wieder einige sehr gute Songs dabei, aber ich kann die 7/10 nachvollziehen. So eine richtige Albumatmoshäre entwickelt sich nicht und manche Songs wissen auch nicht so ganz was sie eigentlich sein wollen (zB "Someone Else's Problem" oder "Make It Easier").
Highlights bis hierhin: "Hanging In", "Not Wanted", "Repeating Patterns2 und "The More I Sleep, The Less I Dream".

Cayit

Postings: 49

Registriert seit 05.05.2014

2018-09-16 11:20:58 Uhr
Album gefällt...
Ist auf jeden fall 8/10 anstatt 7/10.
Kein eiziger ausfall auf dem Album, hat man auch nicht heutzutage.

carpi

Postings: 524

Registriert seit 26.06.2013

2018-09-15 22:24:01 Uhr
Gewohnt hohe Qualität, Tracks 1,3+4 schon mal fantastisch und gegen Ende wirds mit "Repeating Patterns" und dem Titeltrack nochmal richtig gut. Höre bei denen eher Konstanz als eine Entwicklung, aus dem Material der vier Alben könnte man eine gute 9 machen, als Einzelalben zumeist 7-8, die Neue aber zunächst auf 8er Kurs.
Hoffe, dass ich sie im Herbst nochmal live erleben kann, das letzte Konzert 2016 ist mir noch sehr gut in Erinnerung.
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