St. Paul & The Broken Bones - Young sick camellia

St. Paul & The Broken Bones- Young sick camellia

Sony
VÖ: 07.09.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Family business

Plattentests.de war ja schon immer bekannt als Sankt Martin der Payback-Karten-Besitzer: Hier wird das Hab noch salomonisch geteilt. Jedes Bandmitglied von St. Paul & The Broken Bones bekommt deshalb einen Punkt zugesprochen. Macht insgesamt 8/10. Ist auch nur fair. Denn den Titel als eine der überzeugendsten Live-Bands im weiten Feld Pop oder im engeren Kreis Rock'n'Soul haben sie sich im Kollektiv erarbeitet. Steht zwar nicht verbrieft auf einer Trophäe, aber manchmal enthält Mund-zu-Social-Media-Propaganda einen durchaus wahren Kern. Die bestens geölte Maschine des amerikanischen Oktetts läuft im Dauerbetrieb – auf der Bühne und dahinter. Trotz eines vollen Tourplans reichen St. Paul & The Broken Bones erneut schlanke zwei Jahre, um eine neue Platte nachzuschieben. (Die vierte ist übrigens schon in Arbeit.)

Paul Janeway, die umtriebige Front- und Rampensau der Band, plante eigentlich eine EP-Trilogie. Dennoch ist "Young sick camellia" ein Album geworden. Mit "Cumulus pt 1", "Mature pt 2", "Dissiapating pt 3" und "CaveFlora pt 1" fungieren allerdings vier Tracks wahlweise als Intro, Interlude oder thematischer Übergang. Die darin zu hörenden Gesprächsmitschnitte eines alten Mannes mit breitem Südstaaten-Akzent gehören Paul Janeways Opa. Mit ihm hatte sich der Sänger vor einiger Zeit hingesetzt, das Tonband mitlaufen lassen und über die differierenden Lebens- und Sichtweisen der Männer innerhalb seiner Familie gesprochen. Der Blick auf die Welt ist ein anderer, wenn Du im analogen oder digitalen Zeitalter aufwächst, das Offenlegen von Emotionen ist heute selbstverständlicher als vor vierzig Jahren, und was des einen Tradition ist, trägt für den anderen den muffigen Mantel der Borniertheit.

Janeway als extrovertierte Bühnenperson mit glitzernden Jackets taugt beispielsweise nicht als Prototyp des Südstaaten-Bewohners, und auch in der erzchristlichen Familie besitzt er als Künstler den Exotenstempel. Und dennoch ist und bleibt Birmingham, Alabama nun mal die Heimat von St. Paul & The Broken Bones. "Figure out the state I'm in and I can come alive spinning around", singt Janeway in "Convex". In "GotItBad" heißt es: "We are just bruised fruit falling from the tree / God is a gambler who can't set us free / ... / Where are we going? / We're lost / I can't tell you the cost for the continental fruit toast." Im Albumtitel die krankende Staatsblume Alabamas, die Kamelie, als Sinnbild und Metapher, der inzwischen verstorbene Opa auditiv verewigt – man könnte ein Moritat im Albumformat erwarten. Aber, Pustekuchen, "Young sick camellia" ist ein bockstarkes, oft tanzbares und sehr modernes Werk.

Hier treffen eine fette Produktion der "normalen" Songs auf die oben genannten verrauschten Tonband-Aufnahmen samt ihrer fast kakophonischen Umgebung. In erwähntem "GotItBad" führt der Funk zu einem äußerst quirligen synthetischen Ende, und auch beim starken "NASA" entwickelt sich im Einklang mit Bläsern und Gitarrenlicks ein elektronisches Geflecht mit Wurlitzer und Hammond-Orgel (Props to Al Gamble). Im fantastischen "Apollo" stottern die Trompeten zu leicht discoidem Upbeat, und Janeway gleitet bereits vor dem geistigen Auge elegant über die Bühne: "Gravity is so crazy / It's the only way I could ever touch you."

"Mr Invisible" zeigt die musikalische Weiterentwicklung der Band am deutlichsten. Wie ein rostiges Modem holpern elektronische Sprengsel durch die erste Minute, ehe eine Akustikgitarre einen völlig neuen Spin in die Nummer bringt – es folgen noch etwa sieben weitere, die Charakter, Tempo und Anmutung des Stücks variieren. Meist halten St. Paul & The Broken Bones im letzten Drittel ihrer Songs einen überraschenden Twist parat. Vielleicht weil dieser beim pumpenden E-Piano-Beat in "LivWithOutU" ausbleibt, fällt der Track im Kontext etwas ab. Aber nachdem sie mit "Concave" ihr Beatles-Britpop-Outro vorlegen und Janeway bei "Bruised fruit" und allen voran im hochemotionalen "Hurricanes" brilliert, hören wir hier das bislang vielseitigste Album der derzeit wohl besten Soul-Band. Denn bei allen Modifizierungen ihres Rock'n'Roll, Soul und Rhythm'n'Blues klingt "Young sick camellia" am Ende des Tages zweifelsfrei nach St. Paul & The Broken Bones – ohne dass man gedenkt, irgendwo das Präfix "Neo-" anzuflanschen. "Blood is what I can't escape" resümiert Janeway treffenderweise. Seine Band ändert die DNA da, wo es geht: in der Musik.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • NASA
  • Apollo
  • Mr Invisible
  • Hurricanes
  • Concave

Tracklist

  1. Cumulus pt 1
  2. Convex
  3. GotItBad
  4. NASA
  5. Mature pt 2
  6. Apollo
  7. Mr Invisible
  8. Hurricanes
  9. Dissiapating pt 3
  10. LivWithOutU
  11. Concave
  12. CaveFlora pt 1
  13. Bruised fruit

Gesamtspielzeit: 48:44 min.

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User Beitrag

Stephan

Postings: 883

Registriert seit 11.06.2013

2018-09-02 20:06:02 Uhr
Album-Stream:

https://www.npr.org/2018/08/30/641341199/first-listen-st-paul-the-broken-bones-young-sick-camellia

Armin

Postings: 15426

Registriert seit 08.01.2012

2018-08-29 18:06:21 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Armin

Postings: 15426

Registriert seit 08.01.2012

2018-07-06 18:57:26 Uhr - Newsbeitrag
Crossover der etwas anderen Art: St. Paul & The Broken Bones veröffentlichen am 7. September ihr neues Album „Young Sick Camellia“. Produziert wurde die durch und durch tanzbare Mischung aus Rock’n’Roll, R&B, Soul und Funk von Produzent Jack Splash, der bereits für solche Acts wie Kendrick Lamar, Solange, Diplo und Alicia Keys an den Reglern saß.



Dass die Band um Frontmann Paul Janeway vor allem live eine wahre Macht ist, hat sich auch bis zu den Rolling Stones durchgesprochen, die das groovende Oktett für zwei ihrer Stadionkonzerte als Opener einlud. Und bei Sir Elton Johns legendärer Oscar-Party teilte sich die Truppe die Bühne mit ihrem Gastgeber. Mehr Huldigung für eine außergewöhnliche Band geht kaum.
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