Redemption - Long night's journey into day

Redemption- Long night's journey into day

Metal Blade / Sony
VÖ: 27.07.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Tauschgeschäft

Der Star ist die Mannschaft. Hat zumindest einmal der große Fußball-Aphoristiker Hans-Hubert Vogts postuliert. Und ist mit diesem Paradigma, dass ja angeblich jeder austauschbar sei, im Jahr 1996 glatt Europameister geworden. Für Rockbands gilt dies, auch das durchaus naheliegend, nur teilweise. Klar, die Lästerer würden jetzt wieder anfangen, böse Bassisten-Witze zu reißen, aber hier soll es um den Posten des Sängers geben, eine Position, die naturgemäß eine Band prägt. Weswegen ein Wechsel an dieser Position ebenso naturgemäß tief die Banderscheinung verändern kann. Vor selbiger Herausforderung stand nun vor zwei Jahren Nick van Dyk, der mit seiner Band Redemption immer wieder hinter den Verpflichtungen des Frontmanns Ray Alder und dessen Arbeitgeber Fates Warning anstellen musste. Doch zum einen lief die unumgängliche Trennung überaus freundschaftlich, zum anderen gehört der Nachfolger, der von Evergrey bekannte Schwede Tom Englund, nun auch nicht gerade zur Laufkundschaft.

Ist der Wechsel am Mikrofon nun also eine einschneidende Veränderung für Redemption? Die Antwort ist ein klares Nein, so viel steht schnell fest. Denn Englund und Alder sind sich stimmlich so ähnlich, dass van Dyk nur äußerst marginale Änderungen an den Gesangslinien durchführen musste, nur dass Englund eine etwas schärfere Metal-Kante einbringt. Und so beginnt "Long night's journey into day" folgerichtig durchaus ruppig. Der Opener "Eyes you dare not meet in dreams" erhält gar eine leichte Schlagseite zu den besseren Zeiten von Dream Theater, bis sich van Dyk und der frühere Megadeth-Gitarrist Chris Poland im Mittelteil ein fulminantes Gitarrenduell liefern. Nun war und ist Ray Alder weiß Gott ein großartiger Sänger. Doch vor allem in diesem fantastischen Opener tritt Englund auf, als habe er nie in seinem Leben für eine andere Band gesungen.

Derart beflügelt, brennt "Someone else's problem" direkt im Anschluss zu Beginn ein prachtvolles instrumentales Feuerwerk ab, für das es sich schon alleine lohnt, die Kopfhörer aus dem Schrank zu holen. Mal davon ab, dass der Refrain wie beim späteren "Impermanent" ein wahrer Ohrenschmeichler ist – gekommen, um zu bleiben. Überhaupt wirkt Nick van Dyk nicht erst auf dieser Platte wie von einer Last befreit. Trotz durchaus nachdenklicher Lyrics bietet er sich nach seiner schweren Krebserkrankung mit leichtfüßigem Songwriting, als gelte es, den Rest des Lebens in vollen Zügen zu genießen. "The echo chamber" ist so ein Beispiel dafür, das ein ums andere Mal zeigt, dass große musikalische Klasse durchaus selbstbewusst gezeigt werden darf, ohne in selbstverliebtes Gefrickel abzudriften. Gegenstück dazu ist die wunderbare Ballade "And yet", in die Englund all seine schon von Evergrey bekannten Emotionen hineinlegt und eine Gänsehaut nach der anderen erzeugt.

Wo wir schon bei der Erpelpelle sind: Selbige stellt sich zudem bei der phänomenalen Coverversion von "New year's day" ein, die dem Original von U2 in nichts, aber auch überhaupt nichts nachsteht, und die sogar noch etwas zusätzlichen Punch erhält – ein Paradebeispiel für eine gelungene Neuinterpretation. So gelungen, dass es dem abschließenden Titeltrack zunächst richtiggehend schwer fällt, seine Magie zu entfalten. Die sich dann jedoch umso beeindruckender ausbreitet, immer wieder gekonnt Referenzen an andere Größen des Genres einbaut wie frühe Dream Theater, Pain Of Salvation und – irgendwie klar – Fates Warning und Evergrey. Wenn jetzt Tom Englund im Unterschied zu seinem Vorgänger am Mikrofon auch noch die Zeit finden sollte, mit Redemption auf Tour zu gehen, dann hat Nick van Dyk wahrlich alles richtig gemacht.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Eyes you dare not meet in dreams
  • The echo chamber
  • New year's day
  • Long night's journey into day

Tracklist

  1. Eyes you dare not meet in dreams
  2. Someone else's problem
  3. The echo chamber
  4. Impermanent
  5. Indulge in color
  6. Little men
  7. And yet
  8. The last of me
  9. New year's day
  10. Long night's journey into day

Gesamtspielzeit: 65:46 min.

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HELVETE II

Postings: 1822

Registriert seit 14.05.2015

2018-08-31 09:07:29 Uhr
Argh. Ich gebs auf. ;)

HELVETE II

Postings: 1822

Registriert seit 14.05.2015

2018-08-31 09:05:12 Uhr
*Polythythmik. Beiträge über das Handy tippen wird nie zu meinem größten Hobby werden.

HELVETE II

Postings: 1822

Registriert seit 14.05.2015

2018-08-31 08:59:09 Uhr
Ja, das sehe ich genauso, Grenzen gibt es eigentlich keine. Ich würde es so ausdrücken: selbstverständlich kann man innerhalb des Progs progressiv sein, man muss aber nicht progressiv sein, um dazugerechnet zu werden. Ein bisschen Polyrhytmik und das Auflösen des Strophe-Refrain-Prinzips reichen doch meistens schon aus und das ist wohl kaum mehr per se als progressiv im Wortsinn zu bezeichnen. Das sind die Trademarks, von denen ich sprach. Nichtsdestotrotz bietet der Prog ebenso die Plattform, um wahrhaft progressiv sein zu können. Für tot halte ich das Genre daher noch lange nicht, auch wenn ich mir ein wenig Sorgen um den Nachwuchs mache. Die meisten Protagonisten sind mittlerweile weit jenseits der 40 bzw noch deutlich älter.

Marküs

Postings: 124

Registriert seit 08.02.2018

2018-08-31 07:38:04 Uhr
Wahrscheinlich die beste Redemption überhaupt. Wochenlange Dauerrotation bei mir bestätigt diese rein subjektive These. :-) 100 % orthodoxer Prog Metal wenn man so will, aber genau das habe ich verlangt. Die Songs sind allesamt gut bis sehr gut.

hos

Postings: 41

Registriert seit 12.08.2018

2018-08-31 01:47:20 Uhr
Den Spass an der Musik sollte sich niemand nehmen lassen, schon gar nicht dadurch, daß irgendjemand den eigenen Geschmack nicht teilt. :)

Meine "Erwartung" ergibt sich auch nicht über das Genre, sondern ist davon unabhängig. Es ist also nicht so, daß ich von Redemption Überraschungen erwarte, weil sie Prog machen. Ich hatte eher darauf gehofft, überrascht zu werden, weil ich mit ihren früheren Alben positive Erfahrungen gemacht habe (insbesondere die ersten beiden) und weil sie darüber hinaus song-prägendes Personal ausgewechselt hatten.

Btw. Prog kennt imho keine Genregrenzen, zumindest nicht in dem Sinne, daß jetzt irgendwelche Zutaten Tabu wären. Wäre dem so, wäre das Genre tatsächlich tot und man müsste sich nicht mehr nur darüber aufregen, daß zuviele Progbands mit ihrer Herangehensweise den Progressivbegriff ad absurdum führen...

Zu "Hooks und Hooklines" - ja das mag sein, ist aber nix worauf ich jetzt besonders abfahre. Hooks und Hooklines nutzen sich bei mir am schnellsten ab und werden zuweilen auch nervig, wenn der Song ansonsten nix zu bieten hat.
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